BEURTEILUNGSGESPRÄCH

Er steht neben meinem Bett und haucht mir seinen Atem ein. Süß wie Opium. Wer ist er? Er kommt mir bekannt vor. Ich versuche, meinen Kopf zu heben, um ihn besser zu sehen, doch meine Augenlider sind schwer wie Blei.

„Oh, bist du wach?“ fragt er, überrascht.

Ich nicke langsam.

„Wie spät ist es?“ frage ich.

Er schüttelt seinen Kopf, macht eine lockere Handbewegung.

„Es ist noch früh,“ sagt er. „Du brauchst dir keine Sorgen machen.“

Erleichtert atme ich aus und sinke tiefer in das weiche Bett hinein.

„Kuschelig, was?“ fragt er, mit einem Grinsen.

Aus meiner Kehle steigt ein Ton, der selbst mir wie das Schnurren einer Katze klingt. Meine Arme sind schwer, doch er scheint meine Gedanken gelesen zu haben. Er schiebt mir die Decke hoch bis zum Hals.

Ich merke, daß ich wieder eingeschlafen sein musste. Wie lang? Ich mache die Augen auf, er steht noch da. Wer ist er, eigentlich?

„Hast du was Schönes oder was Interessantes geträumt?“

Ich denke nach. Stimmt!

„Ja!“ sage ich. „Ich konnte tatsächlich fliegen.“

„A ha?“ Er klingt beeindruckt. „Hexenmeister, was?“

Ich lache amüsiert.

„Da war ein Tier da. Vielleicht ein Tiger. Oder… war’s eine Frau?“

„Sag’s mir.“

„Hm… ich weiß nicht mehr.“

Er steht da, bewegt sich nicht. Seine Augen wirken wie ein Hypnosemittel auf mich.

„Sag mal,“ sage ich, „Wie spät ist es jetzt? Ich habe viel zu tun heute.“

Er schüttelt seinen Kopf, macht eine lockere Handbewegung.

„Ich weiß,“ sagt er. „Du hast um 8.30Uhr das Beurteilungsgespäch. Es ist wichtig, daß du dich nicht aufregst. Du hast noch reichlich Zeit. Entspann dich, ruh dich aus.“

Er ist die Ruhe selbst. Ich lächele.

„Wie heißt du?“

„Den Namen eines Menschen zu erfahren, und wirklich zu begreifen, heißt, den Menschen richtig kennen zu lernen, seine Persönlichkeit, den Sinn seines Seins, zu verstehen.“

„Ja, das ahnte ich immer,“ sage ich, und versuche erneut, auf zu sitzen.

Er macht eine Handbewegung und mein Körper wird schwer.

„Wieso willst du jetzt schon aufstehen?“ fragt er mit einem trägen Lächeln.

„Ich habe heute einen wichtigen Termin.“

„Du brauchst einen klaren Kopf vor allem.“

Und ich schlaf wieder ein. Wie lang?

Als ich das dritte Mal die Augen aufmache, sitzt er auf meiner Bettkante. Sein Atem ist wie ein kühler Luftzug, es tut gut. Ich drehe mich um und er massiert mir die Schulter.

„Hast du dich richtig vorbereitet?“

Ich spüre wieder die Angst , die Nervosität, der letzten Tage.

„Eigentlich nicht,“ antworte ich.

„Dachte ich mir,“ sagt er, „Sonst wäre ich wohl nicht hier.“

Ich seufze. Wenn ich nur dieses Gespräch hinauszögern könnte! Ich ahne Unheil.

„Es wird alles gut,“ sagt er.

„Wie spät ist es nun?“ seufze ich. „Ich muss nun echt endlich langsam aufstehen.“

„Wieso?“ fragt er. „Das verstehe ich nicht. Es ist doch noch so früh.“

Ich drehe meinen Kopf zum Fenster, wo ich hinter dem Vorhang das Tageslicht klar sehen kann. Ein leichter Anflug von Panik kriecht in mir hoch.

Ich drehe mich um und schiebe mich auf meine Ellenbogen.

„Aber nun! Das reicht jetzt.“

Er steht langsam auf und sieht mich spöttelnd an.

Durch den Nebel in meinem Kopf kämpfe ich mich heraus. Langsam werden seine Gesichtszüge immer klarer erkennbar…

Die Panik in mir steigt an.

„Wo kommst du her?!“ rufe ich. Meine Stimme klingt jetzt fester in meinen Ohren.

„Ich komme von dir. Und ich bin in dir.“

„Bitte?“

Er dreht sich um, läuft Richtung Tür.

„Wer… wer bist Du?“ stottere ich.

Zum letzten Mal dreht er sein Gesicht zu mir. Jetzt ist es deutlich zu erkennen. Mein Atem stockt in meinem Hals! Ist das nicht… mein Gesicht? Aber irgendwie anders… verbogen… ich und doch nicht ich.

„Ich…“, sagt er, “bin der Herr der Trägheit.“

Im selben Augenblick hallt die Erkenntnis in mir nach. Dann ist er verschwunden.

Ein Blitz fährt mir durch den Kopf.

Ich drehe mich zum Betttisch, nehme mein Handy in die Hand und schaue auf die Uhrzeit.

8.30 Uhr !!

Und ich liege noch im Bett.

Mist.

– Che Chidi Chukwumerije.

* Meine Seelenschwester Antje Struewing hat diese Geschichte vor zehn Jahren in mir inspiriert. Wir haben sie besprochen und ich habe ihr versprochen, sie irgendwann nieder zu schreiben. Und jetzt, nach dem ich den Herrn der Trägheit endlich besiegt habe, habe ich mein Versprechen gehalten. 

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