LEBEN

Ich habe mich dazu entschlossen, nicht mehr zu sterben. Nicht mehr mich hin zu legen und tot zu stellen. Denn ich habe aus Erfahrung gelernt: wenn man das tut, dann stirbt man wirklich. Zu meinem Erschrecken. Nettsein ist manchmal eine langsame Form des Selbstmords.

Dann dachte ich daran, was das bedeutet, wenn man nicht mehr sterben will und sich nicht mehr tot stellen möchte. Ich dachte an all die Gesellschaftsregeln, die man brechen wird, all die Höflichkeitsformeln, die fortan missachtet werden müssen, an all die Beziehungstabus, die man begehen wird. Überlegte, wie viel Neues, wie viel Neuland, erschaffen werden würde. Wie viel Aufwirbelung entsteht, wenn einer zum Leben erwacht. Wie viel Altes stirbt. Und ich atmete auf, als mir zum ersten Mal bewusst wurde, wie nah ich dem Tode gewesen bin.

Ich dachte daran, wie viele Menschen ich erschrecken und enttäuschen werde. Daran, wie viele moralische Vorstellungen oder geistige Wahrnehmungen ich verletzen werde und ich wurde wütend, weil mir dann klar wurde, wie viele Handschellen die Unfreien den Freien anlegen, wie viele Gefängnisse die Mutlosen errichten, damit ja keiner auf Entdeckungsreise sich begibt; wie verlockend die Herrschsucht ist.

Dann erinnerte ich mich an die, die mit aufleben werden, sollte ich wieder auferstehen, die sich freuen werden, die sich bestätigt fühlen werden. Die den Mut finden werden, die Angst zu überwinden und das Leben auch selbst weiter zu wagen. Ich habe mich des Lebens und der Lebendigen und Lebendig-sein-wollenden besonnen. Derer, die mich stärken und inspirieren und verstehen und lebendig erhalten.

Ich habe mich dann dazu entschlossen, nicht mehr zu töten, nicht mehr den Tod anderer Menschen zu fordern oder zu ermöglichen, geschweige denn selbst auszuführen. Keine Träume mehr zu würgen oder zu stehlen oder zu verspotten. Keinen Menschen innerlich zu töten. Und ich dachte daran, was das in der Beziehung bedeuten würde, in der Freundschaft, in der Familie, bei der Arbeit, im Zivilleben, in der Gesellschaft, selbst in der Feindschaft, in der Gegnerschaft. Daran, wie viel an Selbstbeherrschung und Entbehrung das mir abverlangen würde. Und ich wusste nicht immer, wo die Grenze, wo die Linie dazwischen verläuft. Die Grenze zwischen dem Leben und dem Tod.

Denn ich erschrak, als ich vor meines Geistes Auge die Gesichter all der fremden, all der verhassten und all der geliebten Menschen sah, die ich getötet habe oder deren Tod ich verlangt oder im Kauf genommen habe, konsequent, mein ganzes Leben lang. Wie viele Hoffnungen, wie viele Versprechen, wie viele Träume, und wie viele Innenleben habe ich schon lebendig begraben? Daß etwas subtil getan wurde, heißt nicht, daß es nicht getan wurde. Aus Angriffslust oder zur Selbstverteidigung.

An all diese Dinge dachte ich, heute Nacht und gestern Nacht und vorgestern und davor. Und ich konnte mein Denken nicht mehr rückgängig machen. Noch meinen Entschluß. Noch meine Wege. Und ich ahnte es, teils lähmend, teils Ansporn gebend: leben ist schmerzvoller und schwieriger als sterben. Leben und leben lassen.

– Che Chidi Chukwumerije.

8 thoughts on “LEBEN

  1. Tiefe, hehre Gedanken, mein lieber Che. Und eine schlussendlich unvermeidbare Erkenntnis: Leben und leben lassen. Danke für diese allumfassende Ergänzung meines zuletzt so formulierten Lebensmottos:
    Nehmen und nehmen lassen.
    Geben und geben lassen.
    Sein und sein lassen.
    Ich grüße herzlich zugeneigt, Ihre Käthe.

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  2. Pingback: MUT | Che

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