Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Es liegt bestimmt in der Luft, und ist geladen. Wie Funken springt es von Docht zu Docht und es schießt aus jedem Munde eine Flammenzunge heraus.

Wie letzte Woche, als meine Frau und unsere zwei Kinder zusammen mit ihrer aus Eritrea stammenden Freundin Tigi und deren drei Kindern in IKEA einkaufen waren. Die waren schon fertig und ruhten sich, vor der Heimfahrt, beim Imbiss hinter der Theke, da in der Nähe der Kinderspielecke, aus. Eine einst lebhafte, nun müde gewordene und trotzdem gutgelaunt gebliebene Truppe saßen an einem Tisch voller Eis, Getränke und Gebäck, Kinderstimmen und sieben Herzen.

Auf einmal stand ein Mädchen neben ihrem Tisch, ungefähr so groß wie meine Tochter aber bestimmt ein oder zwei Jahre älter. Auf acht schätzt es meine Frau, die zusammen mit Tigi und den Kindern das Mädchen neugierig anschauen.

Seine hellen grün-grauen Augen sind groß, offen, direkt, ehrlich. Genau wie die Worte, die aus seinem Mund kommen. Eine Frage, an Tigi und an alle fünf Kinder gerichtet:

„Seid Ihr Flüchtlinge?“

Die zwei erwachsenen Frauen, eine deutsch, die andere eritreanisch, fahren vor Entsetzen fast aus dem Hocker. Sie glauben nicht, was sie gerade gehört haben. Ihnen versagt kurz die Sprache.

Nicht aber meiner Tochter. Überrascht schaut sie das Mädchen an und antwortet genau so offen, direkt, ehrlich:

„Nein, sind wir nicht. – – – Bist Du einer?“

Verwirrt scheint das Mädchen über die Gegenfrage zu rätseln. Schließlich schüttelt auch es den kleinen dunkel-blond gelockten Kopf, sagt Nein, gesellt sich ohne Weiteres zu den Kindern und setzt an, mit ihnen Kinder zu sein.

Bis nach einer Weile seine Eltern auftauchen und es sich von dem Tisch wieder löst und zu ihnen geht…

Zurück… in die Zukunft oder in die Vergangenheit?

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 15: ANDERSRUM

12 thoughts on “Tagebuch 16: SELBSTBILDER

  1. Warum findest du die Frage so erstaunlich ? Kinder werden auch durch die Medien ununterbrochen mit dem Thema Nr. 1 bombardiert. Dass ein Kind dann Menschen, die rein optisch zu dieser Gruppe gehören könnten danach fragt, kommt mir sehr verständlich vor.

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    1. Sorry, das war meine Tochter. Da habe ich keine Verständnis. Mich freut nur, dass sie und viele andere ihrer Generation demonstrativ ebenso keine Verständnis für so was haben. Ohne dass man es ihnen beigebracht hat. Sie sind einfach fundamental ausgestattet mit einem gesunden Selbstbild. Davon wird die Welt in kommenden Jahren und Generation mehr brauchen – und bekommen.

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      1. Entschuldige, dass ich so insistiere, aber ich verstehe die Reaktion wirklich nicht. Was genau meinst du mit “sowas”. Ist denn die Bezeichnung “Flüchtlinge” eine Beleidigung ? Natürlich ist es nicht besonders höflich fremde Leute zu fragen “Seid ihr …….. was auch immer”, aber ein achtjähriges Kind ….. Und du schreibst selbst, dass es eine offene, ehrliche Frage war. Gerade wenn man ein gesundes Selbstbild hat, wie deine Tochter, dann kann man doch eine Frage, die nicht als Provokation gemeint war einfach beantworten, so wie sie das ja auch gemacht hat, ohne irgendwelche finsteren, beleidigenden Absichten dahinter zu vermuten, oder ?

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    2. Selbst ich würde es nicht lustig finden und müsste mich als Vater unter die Lupe nehmen, sollte meine Tochter mit ähnlicher Insensibilität und Trennbildmentalität auf andere Kinder los gehen. Da kann man nicht die Schuld auf “die Medien” schieben…

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      1. Um aber die Notwendigkeit einer sensiblen Reaktion zu sehen, müsste das Kind davon ausgehen, dass sowohl dunkelhäutige Menschen als auch Flüchtlinge sich dafür schämen müssen, zu sein, was sie sind und dass es daher höflich ist diese und andere “Probleme” nicht anzusprechen.
        Das würde ich rassistisch finden. Darf man nicht dunkelhäutig sein ? Darf man nicht Flüchtling sein ? oder Kommunist, Jude, Dackelzüchter ………

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        1. Es geht nicht um das schuldlose Kind, das ebenfalls betroffen ist von der Dynamik der gegenwärtigen Realität, wenn auch nicht in dem selben Mass und auf einer ganz anderen Art, wie diejenigen, die die dauerhaften Empfänger solcher Erlebnisse sind.

          Es geht darum, dass eine Gesellschaft sich so durchgängig sensibilisiert hat, dass es geschehen kann, dass ein Kind ohne jedwede Absichten mit so einer Frage an wildfremde Menschen herantreten kann. Und Erwachsene darauf hin das für normal und verständlich halten.

          Die Grundstimmung gegen Flüchtlinge ist negativ, und die Grundstimmung gegen Dunkelhäutige ist ebenfalls ablehnend. Und aus diesem Gemisch entstehen solche Dynamiken, die zu solchen Erlebnissen führen können. Wenn vor diesem Hintergrund einer erlebten Fremdenfeindlichkeit vermeintliche Ausländer aus dem Nichts derart angesprochen werden können, weil sie “rein optisch” zu einer bestimmten Gruppe gehören können, und Du Dich wunderst, dass in dem Vater des angesprochenen 6-jährigen ebenso ahnungslosen Kindes tiefere Gedanken ausgelöst werden und ein ungutes Gefühl im Magen hinterlassen wird, dann kann das am Besten doch nur bedeuten, dass Du etwas nicht verstehen kannst, dem Du selbst nicht ausgesetzt bist.

          Und um zu Deinem anderen Punkt zu kommen: Wenn die Charakteristika von Menschen als Probleme gesehen werden, die angesprochen werden sollen, dann stimmt etwas nicht mehr. Es fällt auch keinem ein, auf zwei wildfremde gleichgeschlechtlichen nebeneinander laufenden Menschen zu gehen und sie nach ihrer sexuellen Veranlagung zu fragen, einfach nur weil man in den Nachrichten davon gehört hat. Man erzieht seine Kinder auch nicht dazu, anderen fremden in diesem unschönen Geiste zu begegnen, wenn auch ohne böse Absichte.

          Wenn im fernen Ausland ein Kind auf ein deutsches Kind zugehen würde und in aller Unschuld es im Sinne der historischen Bilder ansprechen würde, die bis heute hartnäckig über die Deutschen verbreitet werden, einfach nur weil es “rein optisch zu dieser Gruppe gehören könnte”, würde mich das auch tief traurig machen, weil das tiefer liegende Zusammenhänge offenläge.

          PS – Es ist weder schlimm, Deutsch noch Jude zu sein oder was auch immer – und darum geht es ja in diesem Beitrag nicht.

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          1. Ich habe nicht gesagt, dass die Charakteristika von Menschen als Probleme gesehen werden sollen, vielmehr im Gegenteil sollten die Charakteristika verschiedener Menschen so selbstverständlich sein, dass man nicht bei jeder Begegnung darüber sprechen muss. Selbstverständlichkeit kann aber nur dann erreicht werden, wenn man davor ausgiebig darüber gesprochen hat, finde ich. Es ist auch eine Frage des Selbstbewußtseins. Man wird sein Kind auch nicht dazu erziehen, seine Identität zu verleugnen, oder ?

            Aber ich glaube wir reden ziemlich aneinander vorbei. Verständigen können wir uns sicher darüber, dass man nicht kennt, was man nicht selbst erlebt hat und somit auch nicht weiß, wie andere sich damit fühlen und welche Schlüsse sie daraus ziehen …

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      1. Oft sind sie wunderbar unbefangen. Viele Vorbehalte lernen sie vermutlich von den Erwachsenen oder Medien.
        Wir können von ihrer ursprünglichen Unbefangenheit viel lernen.

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