Tagebuch eines Ausländers 2: MEINE STADT.

Ich bin gestern mit meinem Schwiegervater, der zu Besuch war, durch die Stadt gereist – gereist, sage ich, denn für mich fühlte es sich wie eine Reise an. Er wollte Frankfurt ein bisschen kennenlernen, hat sich darüber beschwert, daß er – obwohl er uns schon ein paar Mal besucht hat – von der Stadt wenig eigentlich gar nichts gesehen hat, und nun hatte er seinen eigenen Plan, wie das wieder gut zu machen war. So setzten wir uns in eine Straßenbahn. Er schaute aus dem Fenster, kommentierte alles, manchmal mit Worten, manchmal mit schweigsamen Blicken. Wir fuhren zu einer Endstation und wieder zur anderen Endstation und dann wieder zur Mitte, wo wir einst eingestiegen waren. Da stiegen wir wieder aus. Danach sind wir zum Main gelaufen, wo er unbedingt eine Flussrundfahrt machen wollte. Wir saßen vorne im Schiff. Sein Gesicht löste sich in eine Sonnenblume auf und immer wieder ließ er, während der einstündigen Fahrt, einen leisen Seufzer von sich hören. Er freute sich, lange war es her, seit er zum letzten Mal so einen schönen, ruhigen, reichen Tag gehabt hat, sagte er mir schließlich, leise. Danach gingen wir in Alt-Sachsenhausen spazieren, wo er prompt ein spanisches Lokal entdeckte. Das Lokal war gerade zu, sonst hätte er sein viertes Bier des Tages sicherlich dort getrunken. Jedes Stück Kuchen, jedes Glas Bier, jede Wurst, jedes Brötchen, jeder Kartoffelsalat, jedes Eis, jedes Lächeln, alles, was er an diesem Tage bekam, schmeckte ihm besonders. Er war zufrieden. Langsam schritten wir nebeneinander nach Hause und machten dabei noch einen kurzen Stopp bei dem Apfelweinwirt, wo ich schon einmal mit meiner Frau war. Unterwegs berührte er meine Schulter und bedankte sich bei mir für den schönen Tag, und dafür, dass ich ihm meine Stadt gezeigt hatte. Er ahnte wirklich überhaupt nicht, dass es gerade umgekehrt war: denn er war es gewesen, der mir meine Stadt neu gezeigt hatte. Oder vielleicht war es seine.

– che chidi chukwumerije.

12 thoughts on “Tagebuch eines Ausländers 2: MEINE STADT.

  1. Es muss einfach schön sein, mit einem guten Stadtführer unterwegs zu sein. Manchmal ist weniger reden mehr. So hattet ihr beide was davon.

    Vielleicht hast du auch einen anderen Blick für die Stadt. Schließlich ist sie nicht deine Stadt. Oder doch? Mittlerweile? Kann sein du bist mehr Inländer als Ausländer.

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    1. “Mehr Inländer als Ausländer”. Dieser Gedanke beschäftigt mich schon ein bißchen zur Zeit. Jahrelang definierte ich mich über mein Anders sein, denn so ging es mir auch. Und es half mir auch, das Gespür für meine eigenen Konturen nicht zu verlieren. Als ich allerdings mit meiner “Tagebuch eines Ausländers” Serie anfing, wurde mir langsam bewußt, daß die Bezeichnung irgendwie vielleicht nicht so richtig passt. Das Umgekehrte würde aber auch nicht passen. Also hat sich das für mich zu einer guten Gelegenheit mutiert, erstmal in Ruhe mich innerlich in das Thema einzufühlen und darüber nach zu denken. Irgendwann kommt bestimmt ein bißchen mehr Klarheit.

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  2. I lived in Germany for 4 years when I was a child, I can understand some of the words, because I tried to keep up with the language as I grew older.

    I just adore the great German violinist, David Garrett, have you heard his music?
    Here is a sample of his work:

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    1. It touches me that you read and like my german poems. Thank you …
      I love David Garrett’s playing. It’s full of sensitiveness…
      How long have you been away from Germany now?

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      1. Yes, me too, he’s my favourite violinist, in fact, I beg you! If you can buy the song: I’ll Stand By You, in Germany, paleese buy it and send it to me! I’ll send you lots of his other works, I have every one of his albums, but, the song above (which is my favourite of his, along with: Ave Maria [which he recorded at 14!]), is not sold n Canda, one has to buy it in Germany only, I do have the MP3 version, but that’s not good enough! I must get the MP4 version!

        Anyway, I’ve been away from Germany for 21 years, I was born in France, my family moved to Germany for 4 years, then to Canada, I do visit France often, because I learned real French while I was very young, not the Canadian version!) and I love the language, in fact, I love languages and often translate poems for people (edit them too) into English from French, and I’ve even worked on a lot of poems from Arabic into English (as well as edit them a whole lot because Arabic does not translate well into English, the syntax, etc.) a friend of mine translates the poetry into English for me (she is also friends with the Arabic poets (both of which are Palestinian) and then I write them in English, I love doing this, seeing into the heart and mind of a poet and having them tell me that I wrote the poem in Engish as though it was in its original language.

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        1. That’s very interesting. I don’t speak Arabic but I’m sure, like all languages, it has its magic too. My french is basic. So I think it’s a great talent you have.
          I will look out for that David Garrett music piece… 😊

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  3. Yahoo! Look for it on iTunes, it’s probably there, (deluxe version, though, that’s what it says on the album), the regular album is available in Canada, but not the delux? go figure, makes no sense.

    I’ll send you some of his music today, do you have any already? because there’s no need to duplicate songs, let me know and I’ll send some via email. Is your email the same as the one that you use to comment with? If not, then send me the email address that you would like me to send them to.
    My email is the same as this be that I comment with, btw, bust in case you can buy the song! 🎻

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