Tagebuch eines Ausländers 3: DIE MAININSEL

Es gefällt mir sehr, am Main spazieren zu gehen. Als ich noch in der Stadt gearbeitet habe, bin ich jeden morgen, nach dem ich meine Tochter in die Kita gebracht hatte, zur Alten Brücke gelaufen, sie aber nicht überquert. Ich nahm die Treppe zum Fluß runter, wo ich nach ein paar Schritten meine Lieblingssitzbank erreichte. Während ich in meinem Buch laß, näherten sich mir ein paar Enten hoffnungsvoll. Man darf sie nicht füttern, aber ich brachte es nie übers Herz, ihnen ein Stückchen meines Brötchens zu enthalten. Ich spürte die Neugier mancher Jogger und Fahrradfahrer und Angestellte unterwegs zur Arbeit, die vorbei flossen wie ein zweiter Fluß. Das Schöne an dieser Stelle ist, daß ich die andere Mainseite nicht sehen kann. Die Bäume auf der Maininsel mitten auf dem Fluß haben eine beruhigende, stärkende, sammelnde Wirkung auf mich, sie fangen mich, spiegeln mich wider. Obwohl ich in dem Buche lese, kommt es mir vor, als würde ich in Wahrheit mit der Maininsel Gedanken tauschen. Plötzlich hallen einer nach dem anderen tiefe Töne von der Kirchglocke oben auf der Strasse rüber zu mir. Es ist neun Uhr, ich stehe auf, richte Krawatte und Jacke und laufe mit dem Main weiter bis hin zum Holbeinsteg. Erst da werde ich ihn überqueren. Den ganzen Tag über, im Büro, immer wenn mir die Luft fehlt, werde ich an diesen Augenblick auf meiner Lieblingssitzbank vor der Maininsel denken. So habe ich das immer gemacht, jeden Tag.

– che chidi chukwumerije.

10 thoughts on “Tagebuch eines Ausländers 3: DIE MAININSEL

    1. Wenn Du das Profilfoto meinst, nein… es ist am Lake Grasmere im Lake District (Nord-England) aufgenommen worden.
      Ich liebe Wasser… 🙂

      Liebe Grüße aus Frankfurt nach Köln!…

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      1. Ich meinte das Profilfoto. Und Wasser liebe ich auch! Vom Teich bis zum Meer, machmal muss man sich mit dem Wasser begnügen, das gerade da ist… 😉
        Noch mal Sonntagsgrüße vom Rhein an den Main 🙂

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        1. Ja… Wasser versteckt und offenbart sich irgendwie (fast) überall… und ist… so viel… heilend… beruhigend… und so viel mehr… hat aber trotz aller Vielseitigkeit immer die selbe Wirkung 😉
          Die Sonntagsgrüße schicke ich zurück! 🙂

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  1. Lieber Che,
    es berührt mich zu lesen, wie du Kraft aus der stillen Morgenzeit an der Maininsel ziehst.
    Besonders der Satz : “… es kommt mir vor, als würde ich in Wahrheit mit der Maininsel Gedanken tauschen” spricht mich an. Ich glaube , dass wir mit allem, was ist, ingeistiger Verbindung sind und sozusagen alles zu uns sprechen kann.
    Daraus ziehe auch ich oftr Kraft und Energie.
    Weiterhin viele bereichernde Stunden wünscht dir Marina 🙂 😀

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  2. So habe ich Frankfurt leider nie erlebt. Immer wenn ich da bin, dann gehe ich das erledigen, weswegenich gekommen bin und —zack—- wieder weg da. Also niemals einen ruhigen Moment. Das ist ein Fehler, wie ich hier lesen kann. Noch kann ich das nachholen. Nächstes Mal werde ich dran denken und die Zeit mal anhalten.

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    1. 🙂 Es hat ein bißchen gedauert, bis ich mich an Frankfurt gewöhnen konnte. Jetzt fühle ich mich hier zu Hause.

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