Tagebuch eines Ausländers 4: SPUREN DER ZEITEN.

Der langsame Vorgang des Aufbaus einer Beziehung mit den 4 Jahreszeiten hinterlässt nicht nur biologische, sondern auch seelische Spuren an mir. Obwohl ich seit fast 2 Jahrzehnten mit Deutschland zu tun habe, wohne ich erst seit dreieinhalb Jahren mehr oder weniger fest hier. Lange stand ich vor der Wahl und weigerte mich, sie zu treffen, bis sie für mich getroffen wurde vom Schicksal.

Es dauerte nur ein paar Monate, bis ich begriff, daß in einem Land länger am Stück leben ganz anders ist, als es oft besuchen. Sprache ist nicht gleich Sprache, und definitiv nicht gleich Kommunikation. Vor allem die Jahreszeiten, wenn man aus einer völlig anderen Klimazone stammt – die sprechen eine Sprache, die nur sie höchstpersönlich jedem Einzelnen beibringen können. Daran hatte ich vorher nicht gedacht. Es ist ein langsames, sehr langsames, sich mit dem Fremden verständigen. Sie legen sich mit ihrem ganzen Gewicht nach und nach auf ihn, bis er nicht mehr atmen kann, denken kann, sehen kann, ohne sie zu berücksichtigen, ohne alles innerhalb des Zusammenhangs ihres All-seins zu tun. Als wäre man eine Blume, spürt man wie allmählich neue Blätter aus den Tiefen seiner Seele schmerzvoll entfalten. Der Schmerz fühlt sich wie das Erwachen neuer, zusätzlicher Lungen an, die dem Wanderer mit der Zeit eine Vielseitigkeit an Leben-aufsaugen ermöglichen, die – wie bei den Jahreszeiten – seinem Nachbarn verborgen bleibt. Denn jeder erlebt sie auf seiner eigenen Art und Weise.

Wie viele Menschen bin ich jetzt geworden? So verlockend es ist, zu behaupten, ich wäre jetzt zwei oder drei, und was weiß ich noch wie viel mehr geworden, muß ich gestehen, trotz allem immer noch der selbe Mensch zu sein, der Durchreisende, der nicht nur Fußstapfen hinter sich lässt, sondern auch Abdrücke auf seiner Seele sammelt.

Dieser Frühling fühlt sich manchmal wie Herbst an – nur sind das allein meine eigenen Blätter, die an Buntheit gewinnen.

– Che Chidi Chukwumerije.
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7 thoughts on “Tagebuch eines Ausländers 4: SPUREN DER ZEITEN.

  1. von Herzen DANKE, lieber Che,
    dass du ein Stück deines inneren Empfindens mit uns teilst.
    Mögest du viel LIEBE und FREUDE an der Farbenpracht deiner sich entfaltenden Blätter fühlen!
    Herzlich grüßt dich Marina (die Farben und Buntheit sehr liebt!)

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  2. Du sagst: Sprache ist nicht gleich Sprache, und definitiv nicht gleich Kommunikation …
    Auch uns ergeht es hier so wie Dir.
    In uns zuhause angekommen, vergeht diese Fremdheit. Von da an kann Heimat überall sein.

    Lieber aka teraka, der letzte Satz erscheint mir wie eine Aufforderung, ein neues Gedicht zu schreiben 🙂
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    Hast du die den Kommentare von B.A.Hartmann zu Deinem Gedicht “Kern” in http://spieldergezeiten.wordpress.com schon gelesen? je öfter ich es lese, umso reicher erscheint es mir.
    Auch er spricht – vom Zuhause in mir – vom Kern, der in uns wohnt, ganz nah in uns.
    Herzlich Barbara

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    1. Hallo Barbara,
      vielen Dank für den Hinseis! Ich habe gerade reingeschaut und seinen “Beitrag” kommentiert 🙂
      Viele herzlichen Grüße,
      AkaTeraka.

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  3. Das ist eine Erfahrung, die uns hier fehlt. Wir kennen von Kindheit an die vier Jahreszeiten. Mein Mann hat sich damit auch erst schwer getan. Mittlerweile mag er sie mehr als die ewig gleiche Wärme. Er findet auch, dass der Winter mal die lästigen Insekten abtötet und da nichts mehr summt und schwirrt.

    Doch wie es aussieht flachen die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten ab. Es wird ein einziger Herbst werden. Dann doch lieber den afrikanischen Dauersommer.

    Ich finde deine Sicht der Dinge sehr bunt.

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    1. Und wieder Danke fürs Lesen und Kommentieren. Ich glaube, alle Klimazonen mit ihren Jahreszeiten sind gut. Die Erde bietet wahrscheinlich so viel Vielfalt, damit der einzelne Mensch eine Möglichkeit hat, sich das abwechselnd auszusuchen, was seiner Entwicklung von Zeit zu Zeit dient. Nicht immer möglich, ich weiß. Aber vielleicht klappt es manchmal. Wenn ich in Nigeria bin, liebe ich das Wetter, die heftigen Gewitter und schweren Regentröpfen in der Regenjahreszeit, oder den trockenen träumerischen Harmattandunst der Trockenjahreszeit; und wenn ich in Deutschland bin, geniesse ich die 4 Jahreszeiten mit ihren Farben und Launen, vor allem den Herbst. Den liebe ich sehr.

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