Tagebuch eines Ausländers 6: UND NICHTS ZU SUCHEN, DAS WAR MEIN SINN…

Ich hatte eigentlich keinen Bock, trotz meiner Liebe zur Poesie. Aber meine damalige Freundin hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Auch sie hatte keinen Bock. Aber ihre Mutter war krank geworden und hatte bereits für 2 Personen bezahlt. Ihr Lebenspartner zog es vor, bei ihr zu Hause zu bleiben und sie zu verarzten. Deshalb bat mich Dida, sie zu dem Poesieseminar zu begleiten. Das war alles vor vielen Jahren und mein Deutsch war noch nicht so gut, aber ich konnte nicht nein sagen. Mich graute ein bisschen davor, 2 Abende unter fremden Menschen aus der Generation meiner Eltern zu sitzen und Texte zu hören, lesen oder ‚bearbeiten’, die ich womöglich nicht ganz verstehen würde. Der erste Abend war genau so langweilig, wie ich gefürchtet hatte. Lange Vorträge in ernsten Stimmen, wenig lächeln, kein seufzen, keine Zauber in der Luft oder in den Augen der Teilnehmer. Auf der Heimfahrt gestalteten wir den Abend in Witze um, um ihn verarbeiten zu können. Am nächsten Abend fiel sie mir sofort auf. Sie war am vorherigen Tag nicht dagewesen. Das Wort Intensität ist nicht intensiv genug, um ihr Gesicht beschreiben zu können. Sie erklärte in einem kurzen Vortrag, daß die Dichtung auf der Höhe ihrer Brillianz schwer unterscheidbar ist von der Einfachheit. Da war etwas in ihrer Stimme. Als Beispiel fing sie an: „Ich ging im Walde, so für mich hin…“ – Goethe’s „Gefunden“, langsam. Einmal in einem Zug von Anfang bis zum Ende, das zweite Mal von Strophe zu Strophe, Bemerkungen nach jeder Strophe machend. Danach durfte jeder, der wollte, das Gedicht einmal laut vorlesen. Dida flüsterte zu mir, ich sollte es auch probieren, ich hätte eine gute Stimme. Endlich stand ich auf und las das Gedicht vor, und wunderte mich, daß meine Stimme selbst mir so ruhig klang. Zum ersten Mal schauten wir einander direkt in die Augen, kurz aber intensiv. Als ich wieder saß, spürte ich, daß neben mir Dida verunsichert geworden war. Ich legte einen Arm um ihre Schulter, während in mir der Wunsch zum Leben kam, auch einmal auf Deutsch Gedichte zu schreiben. Ich hatte gerade etwas gefunden, aber was?

– Che Chidi Chukwumerije.

7 thoughts on “Tagebuch eines Ausländers 6: UND NICHTS ZU SUCHEN, DAS WAR MEIN SINN…

  1. Du hast eine Spur aufgenommen. Sprache, Dichtung zu hören oder laut zu lesen ist ein ganz anderes Ereignis, als “stumm” zu lesen – für sich allein.

    Schöne Pfingsttage! Magst Du das Wasser eigentlich auch, wenn es so wie jetzt dauernd von oben kommt? 😉

    Liebe Grüße aus Köln
    Simone

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    1. Danke, SImone,
      und da hast Du vollkommen Recht. Dichtung laut zu lesen oder zu hören hat eine unglaubliche Wirkung auf alle Beteiligten! 🙂 Leider gibt es das viel zu selten, meiner Meinung nach.
      Auch den Regen mag ich sehr, ja. Natürlich ärgert er manchmal 😉 Zum Glück hält er sich hier in Deutschland einigermassen noch in Grenzen. In England ist das eine ganz andere Dimension 🙂
      Liebe Grüße aus Frankfurt nach Köln und Dir ein schönes WE.
      AkaTeraka.

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  2. Oft passieren solche Dinge. Wir wollen gar nicht gehen und dann entwickelt sich daraus etwas. Durch eine lustlos besuchte Veranstaltung lernte ich meinen Ex-Ehemann kennen. 🙂
    Lesen und lesen, rezitieren und rezitieren … da können Welten dazwischen liegen.

    ..grüßt dich Monika

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  3. Was noch alles, lässt sich schwer erraten, aber ich nehme an, du hast bei dieser Gelegenheit bemerkt, dass man auch eine fremde Sprache schmecken kann, erfühlen kann mit Mund, Atem und dem mitvibrierenden Körper. Es ist ein passives Erlebnis zuerst und regt endlich dazu an, sich aktiv auf die Suchen zu begeben nach dem, was mit dem eigenen Denken und dem Empfinden passiert, wenn man Worte verwendet, die erst noch zu ergründen sind.
    Es ist ein neuer Zugang zur Sprache, der gewisse Parallelen zur Erotik hat – also, mit ein bisschen Phantasie. ^^

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