Tagebuch eines Ausländers 7: ALTERN.

Es war eine schöne luftige Fahrt. Mir war träumerisch zu Mute. Eine dieser Fahrten, wo das Auto verschwindet und man das Gefühl hat, auf einem Luftkissen durch die Natur hinweg zu schweben. Dein Körper sitzt im Auto, Deine Seele bewegt sich von Baumkrone zu Baumkrone, tanzt mit jedem betrunkenen Grashalm, beteiligt sich am Gespräch der Blumen, lauscht dem Winde, der neugierig Kontakt sucht zu Menschlichem. Jeder Atemzug war irgendwie lungentief, langsam, ein Genuss. Ich habe an nichts Bestimmtes gedacht, mein Inneres war wie ein neues Blatt einer meiner Notizbücher, ein Blatt, auf das er sich gleich drücken würde. An irgendeiner Kreuzung in irgendeinem Dorf auf der Landstrasse sah ich ihn. Ein alter schwarzer Mann. Zu europäischen Augen sähe er junger aus, als er tatsächlich war, wusste ich. Ich sah, daß er schon alt war. Langsam kehrte und reinigte er den Ort einer vorherigen Straßenreparaturenarbeit. Er war dünn, sein Rücken ein bisschen gekrümmt, Haare grauend. Seine Bewegungen und Körpersprache wirkten mechanisch, gedankenlos. Er schaute kurz hoch, als wir an der Ampel hielten. Mit Erschrockenheit sah ich die Leere, die Teilnahmslosigkeit, die Resignation in seinen Augen. Blitzartig wurde ich in meine Kindheit zurück katapultiert, zu meinem Vater. Wie oft hat er uns davor gewarnt, davon abgeraten, je in ein Fremdland zu übersiedeln? „Hier bei uns ist kein Wasser, kein Strom, keine Infrastruktur, oft keine Ordnung, keine Perspektive… und deshalb gehen die jungen Leute alle. Aber lohnt es sich wirklich? Nur wenige finden das Glück in der Fremde, denn der nötige kulturelle Kontext fehlt. Und nur wenige finden den Weg zurück. Aus jungen, hoffnungsvollen Menschen werden einst alte, verlorene, desorientierte Greise. Bleibt hier, meine Kinder, und steigt oder stürzt mit eurer Heimat.“ Ich sah in die entwurzelten Augen des alten Straßenkehrers und sah die Erinnerung an den Blick meines Vaters. Die Ampel wurde grün. Als das Auto los fuhr, unterhielten sich meine Kumpels über BVB und Bayern, während sich in meiner Seele viele Gedanken regten.

– Che Chidi Chukwumerije.

7 thoughts on “Tagebuch eines Ausländers 7: ALTERN.

    1. Auf irgendeiner Art und Weise sind wir alle heimatlos und auf der Suche nach entweder dem Ort oder dem Zustand, in und bei dem wir die Empfindung haben, Zuhause angekommen zu sein.

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  1. Man hat nicht immer die Wahl und der beständige, verwurzelte Heimatbegriff steht auch nicht jedem Denkenden zur Verfügung.
    Meine Vorfahren waren Handwerker (d,h. der Sitte nach oft wandernde Gesellen, die sich woanders niederliessen, als ihre Familien herkamen), Salzburger Protestanten-Flüchtlinge, die sich verwurzeln konnten, bis ihre Nachkommen wieder nach 1945 sogenannte Heimatvertriebene wurden, sowie innerdeutsche Ost-West- Flüchtlinge. Darum hüteten sie sich generationenlang, Heimat als etwas Sinnvolles anzuerziehen, auch meine Eltern. Es hatte keinen Sinn, sich an Erde und lokale Prioritäten zu klammern, und das Weggehen zu lernen war nützlicher.
    Zuhausesein, wie ich es kenne, ist ein beweglicher Zustand, der einem “Mobile” gleicht, das in seinem Schwebezustand nie stillstehen wird, Heimat ein inneres, aber sehr grobmaschiges Netz von verknüpften Zugehörigkeiten.

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