Tagebuch eines Ausländers 9: VERSCHWINDEN.

Wenn ich auf der Autobahn fahre, habe ich den Eindruck, die Autobahn fährt auch auf mir. Wenn ich durch das Land fahre, empfinde ich es so, als würde das Land auch durch mich hindurch fahren. Und hinterlässt Spuren. Ich freue mich auf die morgige Fahrt. Sie wird, wenn alles gut geht, etwa sechs Stunden dauern. Am Anfang werden wir die Stadt und dann ihre weite mit Stadtgeist durchdrungene Umgebung im relativen Schweigen hinter uns lassen und dabei das Gefühl haben, einen Mantel, eine zweite Haut, auszuziehen. Irgendwann wird der Puls der Reise uns auf der Autobahn begegnen, uns aufsaugen. Nach einer Stunde vielleicht. Fast gleichzeitig werden wir laut ausatmen, uns gegenseitig anlächeln und uns entspannen. Bis dann wird die Kleine hinten bereits eingeschlafen und wir werden die Kindermusik-CD rausziehen und Tracy Chapman reinstecken. Das Gespräch mit dem Weg wird anfangen, darunter ein paar Erinnerungen an unsere besten und schlimmsten Fahrten aus der Vergangenheit. Danach wieder Schweigen, aber ein angenehmeres wie am Anfang, mit der Musik mitsummen. Immer wieder Stau, Baustellen, hoffentlich keine Unfälle. Ein oder zwei Toilettenpausen. Am Anfang wird man sie kaum erkennen, Umrisse weit in der Ferne, die Zukunft, allmählich klarer und dichter und unausweichlicher werdend, Berge. Wir fahren nach Süden. München ist für uns der Wendepunkt auf der Fahrt nach Österreich. Am Flughafen vorbei, an der Allianz Arena. Wird sie morgen vor Freude rot strahlen? Gleich geht’s los. Muss nach diesem Schreiben noch schnell ein paar gelbe Räucherstäbchen für meinen lieben tapferen BVB zünden. Die Frage, die mich auf dieser Strecke immer fasziniert ist, wo liegt die Grenze zwischen Deutschland und Österreich? Ich spüre es immer – äußerlich scheint sich nichts oder wenig geändert zu haben, und doch sind wir in Österreich. Ich kann es mir nicht erklären. Eine Aufregung, eine neue Spannung, wird sich ins Auto einschleichen. Schon längst lebhaftere Musik. Die Kleine wird aufwachen und sich gegen die Musik laut protestieren. Die Spitzen des Karwendelgebirges werden mit dem Inn vorbeifliessen, ihre Namen sind mir (wieder) unbekannt geworden. Jedes Mal schauen sie ins Auto hinein, schütteln ihre Köpfe über meine Vergesslichkeit. Ein paar Kilometer vor Innsbruck werden wir die Autobahn verlassen und in die Berge verschwinden.

– Che Chidi Chukwumerije.

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