Tagebuch eines Ausländers 10: KINDLICHKEIT

Seine Augen funkelten, während er sprach. Über die Berge. Erinnerte mich daran, wie sie alle heißen. Er lud mich zu Kaffee und Kuchen ein und wollte wissen, wie es meinen Eltern geht und ob sie ihre Augen-OPs schon hinter sich hatten. Gegenüber von uns war ein kleiner Spielplatz, wo fünf Kinder sich gegen einen kleinen Jungen verbündeten und ihn von jedem Spielapparat weg schubsten. Ein Mädchen war kurz dagegen, wurde aber von den anderen schnell zurecht gebogen. Als endlich der Junge weinend ging, fingen die fünf an, unter einander zu streiten. Schweigend beobachteten wir diese Szene. Er schüttelte den Kopf und sagte, Kinder sind noch heute so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich noch eins war. Er rief das vorbeilaufende weinende Kind zu sich und wickelte es in ein Gespräch ein. Wie er es bei mir gemacht hatte, bestrahlte er das Kind mit seinen kindlich leuchtenden Augen und fragte es nach seinen Eltern, ob sein Vater den Zaun des Opas bereits repariert hatte, ob die Mutter mit dem neuen Auto noch unzufrieden sei. Er sagte dem Jungen etwas, was er vorher nicht wusste – sowohl sein Papa als auch Opa waren mal Schüler bei ihm in der alten Grundschule gewesen. Echt?, meinte der Junge und seine Augen funkelten. Wir schritten langsam alle drei über die Strasse wieder auf den Spielplatz. Er nahm eine ein Cent Münze aus dem Ohr des Rudelführers raus und ließ sie zwischen seinen verschrumpelten Fingern verschwinden. Dann suchte und fand er eine zweite Münze hinter dem Ohr eines Mädchens, die auch im Nu wieder weg war. Bald hatte er sechs Münzen gekapert, die er schließlich alle aus seinem Geldbeutel wieder herausholte. Der Kinder Augen strahlten kindlich wieder. Ich stand abseits und beobachtete die sieben Kinder mit einander spielen. Als wir wieder auf der anderen Straßenseite bei Kaffe und Kuchen saßen und die sechs unter einander beim fröhlichen Münzmagierspielchen zu schauten, grinste er und sagte, Kinder sind immer noch so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich eins war. Und ich dachte zu mir, daß obwohl es Kindlichkeit heißt, manch ein Greis viel mehr davon zu besitzen scheint als manch ein Kind manchmal.

  – Che Chidi Chukwumerije.

3 thoughts on “Tagebuch eines Ausländers 10: KINDLICHKEIT

  1. Hallo Che,
    diese Begebenheit hat mich berührt. Danke fürs erzählen.
    Mögen wir unsere inneren Kinder leben lassen und sie lieben!
    Herzlich grüßt dich
    Marina 🙂 😀

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    1. Hallo Marina,
      vielen Dank für das Kommentar. Möge das innere Kind leben, oh ja.
      Alles Gute,
      AkaTeraka 🙂

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