Tagebuch eines Ausländers 12: GESCHENK DER BERGE:

Fast durchgängig waren die Berge unsichtbar, in Nebenschleier verhüllt, so daß man wusste, sich daran erinnerte, daß sie da waren, da sind, aber sie nicht mehr sehen, greifen, zum teil nicht mehr begreifen konnte; ein bisschen vergaß man auch, wie sie genau aussehen. Und ich dachte zu mir, daß das wie Gedanken, wie Träume, wie Ideale sind, an die man glaubt, zu denen man aber immer wieder die Verbindung verliert. Und doch weiß man, ich glaube an etwas, etwas Urtiefes und Unerschütterliches, selbst wenn ich in diesem Augenblick nicht mehr richtig weiß, was es ist. In diesem Augenblick, in dem meine Sinne vom Rausch des Genusses benebelt sind, meine Ein- und Übersicht von der Binde tausend übernommener Fremdgedanken zugemauert sind, meine innere Ruhe vom Tosen entflammter Hänge und Schwächen zerrissen ist, meine Entschlusskraft von Angst vor Versagen gelähmt ist; genau in diesem Augenblick redet meine innere Stimme zu mir, erinnert mich daran, daß ich an etwas glaube, was größer ist, als alle diese Ketten und außerhalb des Geltungs- und Wirkungsbereiches deren Grenzen felsenfest steht. Und das genügt. Selbst wenn ich die Orientierungsberge meines Innenlebens nicht sehe, reicht bereits das Wissen von deren Vorhandensein als zwischenzeitlicher Halt… bis die Sonne die Bahn der Nebel wieder löst. Morgen fahren wir nach Frankfurt wieder zurück. So wenig Sonne, so viel Regen, Nebel und Kälte habe ich Ende Mai hier in den Bergen nie erlebt. Und doch hat genau dieses Erlebnis mich mit der Erkenntnis bewaffnet, die ich in den kommenden Wochen und Monaten der inneren Benebelung immer wieder brauchen werde.

– Che Chidi Chukwumerije.

3 thoughts on “Tagebuch eines Ausländers 12: GESCHENK DER BERGE:

  1. Wunderbar zu erkennen, dass in dem Nebel Leben steckt. Nicht nur vor- und rückwärts gelesen, sondern empfunden. Ich schrieb einmal so etwa, dass der Nebel uns kurzsichtig macht. Wir müssen dann das sehen, was direkt bei uns ist, nicht in die Ferne schweifen und ablenken…

    Eine gute Heimreise!
    ..wünscht Monika

    Like

    1. Danke. Und das ist auch eine schöne Nebenwirkung des Nebels, in der Tat – das Uns-Befassen mit dem Hier und Jetzt! 🙂

      Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s