Tagebuch eines Ausländers 5: NEBELHORN.

Es war Hebst; Ende Oktober. Wir sprachen über Wasser. Ich behauptete, Wasser wäre immer das gleiche, egal wo es auf Erden zu finden war, H2O. Sie hat Ahnung von Steinen, Strahlungen und der Art Zeug und war anderer Meinung. Ein paar Tage später stiegen wir mit der Gondel aufwärts und gingen dann weiter zu Fuß, bis die Männer eine Pause wollten. Die Frauen wollten noch näher zum Gipfel, da waren sie den Gemsen tatsächlich ganz nahe und genossen den Blick ins Land hinaus. Irgendwann gesellten wir uns zu ihnen und stellten fest, daß es dort Berganemonen gab. Bergabgehen machte Spaß, außer daß ich einmal an einer engen Stelle ausrutschte und sie wurde blass. Danach lief ich langsamer und irgendwann setzten wir uns auf einen großen Stein, hielten geruhsam Brotzeit. Die kleinen Enziane waren so blau und immer neue Bilder, neue Silhouetten ragten auf, baten danach, fotografiert zu werden. Das taten wir, reichlich. In einem Tal weit unten glitzerte ein silbern See, so zauberhaft, hier wollten wir ein Foto haben von uns vier mit dem Zaubersee unten im Hintergrund. Wir warteten kurz, bis ein freundlicher Mensch vorbei kam, der uns fotografierte; im Gegenzug versprachen wir, ihn nicht zu vergessen. Ich erinnere mich an ihn, immer wenn ich das Foto anschaue, doch das Blausilbrig-magische des Sees kommt in dem Foto nicht ’rüber. Es ruht allein in meiner Erinnerung. Und dann kamen wir an den Wasserfall vorbei. Wir formten unsere Hände zu Kelchen und tranken lang, tief und durstig aus dem strömenden Wasser. Es schlug in mich wie ein Schlag und ich sagte ihr entzückt, daß ich Wasser so rein, so köstlich bisher noch nie getrunken, nie geschmeckt hatte. Meine Augen mussten gefunkelt haben, denn sie lachte und saget zu mir auf Englisch: „Did I hear you say at one occasion that water is the same everywhere, H2O?“ Langsam wich das Licht des Tages. Und noch in der Dunkelheit gingen wir vier mit schönen Gesprächen nach Oberstdorf zurück. Mondsichel und Venus leuchteten am Himmel und ein tausend funkelnde Sterne.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 4: SPUREN DER ZEITEN.

Der langsame Vorgang des Aufbaus einer Beziehung mit den 4 Jahreszeiten hinterlässt nicht nur biologische, sondern auch seelische Spuren an mir. Obwohl ich seit fast 2 Jahrzehnten mit Deutschland zu tun habe, wohne ich erst seit dreieinhalb Jahren mehr oder weniger fest hier. Lange stand ich vor der Wahl und weigerte mich, sie zu treffen, bis sie für mich getroffen wurde vom Schicksal.

Es dauerte nur ein paar Monate, bis ich begriff, daß in einem Land länger am Stück leben ganz anders ist, als es oft besuchen. Sprache ist nicht gleich Sprache, und definitiv nicht gleich Kommunikation. Vor allem die Jahreszeiten, wenn man aus einer völlig anderen Klimazone stammt – die sprechen eine Sprache, die nur sie höchstpersönlich jedem Einzelnen beibringen können. Daran hatte ich vorher nicht gedacht. Es ist ein langsames, sehr langsames, sich mit dem Fremden verständigen. Sie legen sich mit ihrem ganzen Gewicht nach und nach auf ihn, bis er nicht mehr atmen kann, denken kann, sehen kann, ohne sie zu berücksichtigen, ohne alles innerhalb des Zusammenhangs ihres All-seins zu tun. Als wäre man eine Blume, spürt man wie allmählich neue Blätter aus den Tiefen seiner Seele schmerzvoll entfalten. Der Schmerz fühlt sich wie das Erwachen neuer, zusätzlicher Lungen an, die dem Wanderer mit der Zeit eine Vielseitigkeit an Leben-aufsaugen ermöglichen, die – wie bei den Jahreszeiten – seinem Nachbarn verborgen bleibt. Denn jeder erlebt sie auf seiner eigenen Art und Weise.

Wie viele Menschen bin ich jetzt geworden? So verlockend es ist, zu behaupten, ich wäre jetzt zwei oder drei, und was weiß ich noch wie viel mehr geworden, muß ich gestehen, trotz allem immer noch der selbe Mensch zu sein, der Durchreisende, der nicht nur Fußstapfen hinter sich lässt, sondern auch Abdrücke auf seiner Seele sammelt.

Dieser Frühling fühlt sich manchmal wie Herbst an – nur sind das allein meine eigenen Blätter, die an Buntheit gewinnen.

– Che Chidi Chukwumerije.
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Tagebuch eines Ausländers 3: DIE MAININSEL

Es gefällt mir sehr, am Main spazieren zu gehen. Als ich noch in der Stadt gearbeitet habe, bin ich jeden morgen, nach dem ich meine Tochter in die Kita gebracht hatte, zur Alten Brücke gelaufen, sie aber nicht überquert. Ich nahm die Treppe zum Fluß runter, wo ich nach ein paar Schritten meine Lieblingssitzbank erreichte. Während ich in meinem Buch laß, näherten sich mir ein paar Enten hoffnungsvoll. Man darf sie nicht füttern, aber ich brachte es nie übers Herz, ihnen ein Stückchen meines Brötchens zu enthalten. Ich spürte die Neugier mancher Jogger und Fahrradfahrer und Angestellte unterwegs zur Arbeit, die vorbei flossen wie ein zweiter Fluß. Das Schöne an dieser Stelle ist, daß ich die andere Mainseite nicht sehen kann. Die Bäume auf der Maininsel mitten auf dem Fluß haben eine beruhigende, stärkende, sammelnde Wirkung auf mich, sie fangen mich, spiegeln mich wider. Obwohl ich in dem Buche lese, kommt es mir vor, als würde ich in Wahrheit mit der Maininsel Gedanken tauschen. Plötzlich hallen einer nach dem anderen tiefe Töne von der Kirchglocke oben auf der Strasse rüber zu mir. Es ist neun Uhr, ich stehe auf, richte Krawatte und Jacke und laufe mit dem Main weiter bis hin zum Holbeinsteg. Erst da werde ich ihn überqueren. Den ganzen Tag über, im Büro, immer wenn mir die Luft fehlt, werde ich an diesen Augenblick auf meiner Lieblingssitzbank vor der Maininsel denken. So habe ich das immer gemacht, jeden Tag.

– che chidi chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 2: MEINE STADT.

Ich bin gestern mit meinem Schwiegervater, der zu Besuch war, durch die Stadt gereist – gereist, sage ich, denn für mich fühlte es sich wie eine Reise an. Er wollte Frankfurt ein bisschen kennenlernen, hat sich darüber beschwert, daß er – obwohl er uns schon ein paar Mal besucht hat – von der Stadt wenig eigentlich gar nichts gesehen hat, und nun hatte er seinen eigenen Plan, wie das wieder gut zu machen war. So setzten wir uns in eine Straßenbahn. Er schaute aus dem Fenster, kommentierte alles, manchmal mit Worten, manchmal mit schweigsamen Blicken. Wir fuhren zu einer Endstation und wieder zur anderen Endstation und dann wieder zur Mitte, wo wir einst eingestiegen waren. Da stiegen wir wieder aus. Danach sind wir zum Main gelaufen, wo er unbedingt eine Flussrundfahrt machen wollte. Wir saßen vorne im Schiff. Sein Gesicht löste sich in eine Sonnenblume auf und immer wieder ließ er, während der einstündigen Fahrt, einen leisen Seufzer von sich hören. Er freute sich, lange war es her, seit er zum letzten Mal so einen schönen, ruhigen, reichen Tag gehabt hat, sagte er mir schließlich, leise. Danach gingen wir in Alt-Sachsenhausen spazieren, wo er prompt ein spanisches Lokal entdeckte. Das Lokal war gerade zu, sonst hätte er sein viertes Bier des Tages sicherlich dort getrunken. Jedes Stück Kuchen, jedes Glas Bier, jede Wurst, jedes Brötchen, jeder Kartoffelsalat, jedes Eis, jedes Lächeln, alles, was er an diesem Tage bekam, schmeckte ihm besonders. Er war zufrieden. Langsam schritten wir nebeneinander nach Hause und machten dabei noch einen kurzen Stopp bei dem Apfelweinwirt, wo ich schon einmal mit meiner Frau war. Unterwegs berührte er meine Schulter und bedankte sich bei mir für den schönen Tag, und dafür, dass ich ihm meine Stadt gezeigt hatte. Er ahnte wirklich überhaupt nicht, dass es gerade umgekehrt war: denn er war es gewesen, der mir meine Stadt neu gezeigt hatte. Oder vielleicht war es seine.

– che chidi chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 1: FREMDSEIN GENIESSEN.

Ich weiß nicht genau, was mir hier gefällt. Ist es das Klima mit seinen 4 Gesichtern und tausend Mienen? Ist es die Natur, in die hinein ein Hauch Zauber inkarniert zu haben scheint? Oder sind es die Menschen, mit denen ich in ihrer eigenen Sprache mich nicht verständigen kann? Oder ist es einfach die Ferne von meinem Ursprung, die dargebotene Möglichkeit, mich im Isolarium, vom Bekannten unbeeinflußt, selbst zu erleben und klar zu sehen? Wahrzunehmen, wie das Fremde und ich aufeinander reagieren und nochmals reagieren. Ohne die Stütze gleicher Kultur, gleicher Sprache, gleicher Geschichte, gleicher Denkungsweise, gleicher – und als Gleiche gleich verstandener – Schwächen und Stärken. Sondern einfach nackt, ich, da, allein, in der Fremde, wo der einzige, der mir nicht fremd ist, ich selber bin. Das ist es wahrscheinlich. Oder warum sonst gefällt es mir so sehr, fremd zu sein?

– che chidi chukwumerije

SÜSs WIE OPIUM

Er steht neben meinem Bett und haucht mir seinen Atem ein. Süß wie Opium. Wer ist er? Er kommt mir bekannt vor. Ich versuche, meinen Kopf zu heben, um ihn besser zu sehen, doch meine Augenlider sind schwer wie Blei.

„Oh, bist du wach?“ fragt er, überrascht.

Ich nicke langsam.

„Wie spät ist es?“ frage ich.

Er schüttelt seinen Kopf, macht eine lockere Handbewegung.

„Es ist noch früh,“ sagt er. „Du brauchst dir keine Sorgen machen.“

Erleichtert atme ich aus und sinke tiefer in das weiche Bett hinein.

„Kuschelig, was?“ fragt er, mit einem Grinsen.

Aus meiner Kehle steigt ein Ton, der selbst mir wie das Schnurren einer Katze klingt. Meine Arme sind schwer, doch er scheint meine Gedanken gelesen zu haben. Er schiebt mir die Decke hoch bis zum Hals.

Ich merke, daß ich wieder eingeschlafen sein musste. Wie lang? Ich mache die Augen auf, er steht noch da. Wer ist er, eigentlich?

„Hast du was Schönes oder was Interessantes geträumt?“

Ich denke nach. Stimmt!

„Ja!“ sage ich. „Ich konnte tatsächlich fliegen.“

„A ha?“ Er klingt beeindruckt. „Hexenmeister, was?“

Ich lache amüsiert.

„Da war ein Tier da. Vielleicht ein Tiger. Oder… war’s eine Frau?“

„Sag’s mir.“

„Hm… ich weiß nicht mehr.“

Er steht da, bewegt sich nicht. Seine Augen wirken wie ein Hypnosemittel auf mich.

„Sag mal,“ sage ich, „Wie spät ist es jetzt? Ich habe viel zu tun heute.“

Er schüttelt seinen Kopf, macht eine lockere Handbewegung.

„Ich weiß,“ sagt er. „Du musst um 8.30Uhr bei der unbeliebten Arbeit sein. Es ist wichtig, daß du dich nicht aufregst. Du hast noch reichlich Zeit. Entspann dich, ruh dich aus.“

Er ist die Ruhe selbst. Ich lächele.

„Wie heißt du?“

„Den Namen eines Menschen zu erfahren, und wirklich zu begreifen, heißt, den Menschen richtig kennen zu lernen, seine Persönlichkeit, den Sinn seines Seins, zu verstehen.“

„Ja, das ahnte ich immer,“ sage ich, und versuche erneut, auf zu sitzen.

Er macht eine Handbewegung und mein Körper wird schwer.

„Wieso willst du jetzt schon aufstehen?“ fragt er mit einem trägen Lächeln.

„Ich habe heute echt viel auf dem Tisch.“

„Du brauchst einen klaren Kopf vor allem.“

Und ich schlaf wieder ein. Wie lang?

Als ich das dritte Mal die Augen aufmache, sitzt er auf meiner Bettkante. Sein Atem ist wie ein kühler Luftzug, es tut gut. Ich drehe mich um und er massiert mir die Schulter.

„Es ist ja für Dich nichts Neues. Du kennst das alles schon.”

Ich atme aus.

„Ja schon,“ antworte ich.

„Dachte ich mir,“ sagt er, „Sonst wäre ich wohl nicht hier.“

Ich seufze. Wenn ich nur dieses Job wechseln könnte.

„Es wird schon alles gut,“ sagt er.

„Wie spät ist es nun?“ seufze ich. „Ich muss nun echt endlich langsam aufstehen.“

„Wieso?“ fragt er. „Das verstehe ich nicht. Es ist doch noch so früh.“

Ich drehe meinen Kopf zum Fenster, wo ich hinter dem Vorhang das Tageslicht klar sehen kann. Ein leichter Anflug von Panik kriecht in mir hoch.

Ich drehe mich um und schiebe mich auf meine Ellenbogen.

„Aber nun! Das reicht jetzt.“

Er steht langsam auf und sieht mich spöttelnd an.

Durch den Nebel in meinem Kopf kämpfe ich mich heraus. Langsam werden seine Gesichtszüge immer klarer erkennbar…

Die Panik in mir steigt an.

„Wo kommst du her?!“ rufe ich. Meine Stimme klingt jetzt fester in meinen Ohren.

„Ich komme von dir. Und ich bin in dir.“

„Bitte?“

Er dreht sich um, läuft Richtung Tür.

„Wer… wer bist Du?“ stottere ich.

Zum letzten Mal dreht er sein Gesicht zu mir. Jetzt ist es deutlich zu erkennen. Mein Atem stockt in meinem Hals! Ist das nicht… mein Gesicht? Aber irgendwie anders… verbogen… ich und doch nicht ich.

„Ich…“, sagt er, “bin der Herr der Trägheit.“

Im selben Augenblick hallt die Erkenntnis in mir nach. Dann ist er verschwunden.

Ein Blitz fährt mir durch den Kopf.

Ich drehe mich zum Betttisch, nehme mein Handy in die Hand und schaue auf die Uhrzeit.

8.30 Uhr !!

Und ich liege noch im Bett.

Mist.

– Che Chidi Chukwumerije.

EINDRINGEN

1.

Der Pfeil flog und suchte das Herz des Schwans. Als er eindrang, klang es fast so sacht und dumpf, wie Schweigen. Und das war der Klang eines sterbenden Schwans. Keine letzte Melodie.

Weit unten, auf dem Boden, sah in diesem Augenblick eine Frau dieses Geschehen und ihr Herz sank. Das Schicksal, so schien es, hatte gesprochen. Der Schwan, den sie im Winter großgezogen hatte, dem sie im Frühling ihre Geschichte erzählt hatte, den sie nun im Sommer frei gelassen hatte, damit er über die Berge und Täler und über die Seen zu ihrem Geliebten fliege, um ihn zu unterrichten, daß sie hier gefangen war im Wald der tausend Gefühle, auf der Insel der Einsamkeit, damit er aufhören würde, zu trauern, Mut fassen und sich auf den Weg zu ihr machen würde, um bis zum Herbst sie zu erreichen, zu retten, zu nehmen, zu sich zu nehmen, und dann für immer zu haben… dieser Schwan wurde gerade hoch im Himmel, vor ihren Augen, von einem Pfeil, dessen Ursprung sie nicht kannte, nieder geschossen. Und der Pfeil, der die Liebesmission des Schwans beendet hat, er drang dabei in nicht nur ein Herz ein, nein, sondern in zwei.

Blutenden Herzens, nach dem sie den ersten Schock überstanden hatte, machte sie sich auf den Weg durch den Wald, an den Ort, zu dem der Schwan runter gefallen war.

 

2.

Er schoß gerne auf Schwäne. Und immer traf er. Immer stillte es seinen Durst nach Mehr, für einen Augenblick. Recht einsam war diese Insel. Auf seinem Kanu war er an einem sonnigen Sonntag her rüber gerudert und als er seinen Fuß auf das Ufer setzte, erwachte in ihm unerwartet aus der Tiefe seines Herzens die schmerzvolle Einsamkeit, die er darin begraben hat. Lange sah er auf den Wald der tausend Gefühle, dann mied er ihn schließlich und schritt statt dessen Richtung der Berge, wo er – Schießbogen und Pfeile in Hand – die Gipfel des Berges der Verzweiflung entschlossen erklomm.

Dann kam der Schwan in der Ferne vorbei geflogen; er schien, aus dem Wald zu steigen, und als er an Höhe gewonnen hatte und gerade dabei war, sich zu entfernen, drang gnadenlos genau der Pfeil in sein Herz ein. Regungslos sah der Mann zu, wie der Schwan erst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit im Licht der Sonne zur Erde zurück fiel. Dann machte er sich auf den Weg nach Unten, berg ab, um seine Trophäe zu nehmen, mit sich auf sein Kanu zurück zu nehmen, und anschließend zurück zu rudern aus dieser Insel, die in ihm seine Einsamkeit geweckt hat.

 

3.

Zwischen dem Wald der tausend Gefühle und dem Berge der Verzweiflung liegt das Tal der Reue, und dorthin fiel der tote Schwan. Fassungslos stand der Mann, erneut regungslos, in mitten der vielen Blumen, die hier blühten, und sah auf die Frau, die ein paar Meter vor ihm auf dem Boden kniete, den blutüberströmten, mit seinem Pfeil durchbohrten Schwan an ihre Brust drückte, und bitterlich, ebenso fassungslos, weinte.

Sie schaute hoch, sah ihn, seinen Bogen, seine Pfeile, sah ihn an und flüsterte:

„Warum…?“

„Weil ich gerne auf Schwäne schieße…“ flüsterte er, erstarrt, zurück.

„Aber warum?“ fragte sie, gebrochen, erneut. „Warum erschießt du nicht auch mich?… Denn dieser Schwan trug mein Herz, freiwillig, und wollte es zu einem anderen zurück bringen.“

Sein Hunger ungestillt, seine Seele einsam, der Mann blieb, blieb immer noch, regungslos. Bis plötzlich in ihm der Geist erwachte. Da zerbrach er auf einmal mit einer bitteren Wut seinen Schießbogen, fiel auf ein Knie und bat um Verzeihung, und bat darum, es irgendwie wieder gut zu machen.

Sie schaute ihm in seine wilden Augen und die waren voller Reue, Schmerz und brennenden Liebe, und sie wurde verwirrt. Denn der Pfeil, der durchdrang nicht nur ein Herz, und nicht nur zwei… wahrlich dieser verfluchte Pfeil war gleichzeitig in drei Herzen eingedrungen.

 

4.

Und weit weit weg, über Berge und Täler, über Seen, im Land des Wartens und Nimmervergessens, da schaute ihr Geliebter in diesem Augenblick zum Himmel hoch, auf die vorbeiziehenden Wolken, und suchte nach einem Zeichen von ihr, irgendwas, während sich in ihm plötzlich ein neuer, noch tieferer, Schmerz schnell breitmachte.

Denn seins war das vierte Herz, das an diesem Tag von diesem schicksalhaften Pfeil durchbohrt wurde.

 

 – CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

Tagebuch 15: ANDERSRUM

Ich konnte das nicht verstehen. Ich war 14 und er war 38. Na und? Aber ihm schien das ein bedeutender Unterschied zu sein. Seine Kräfte ließen immer früh nach und ab Mitte der zweiten Runde konnte ich mit ihm machen, was ich wollte. Kopf, Brust, Bauch – meine Füße trafen ihn spielerisch. Er seinerseits traf, wenn er traf, mich niemals an den Kopf; so hoch gingen seine Beine nicht mehr. „Wart ab, bis auch Du mal fast 40 bist, dann wirst Du am eigenen Körper erleben, dass es nicht mehr so leicht ist.“ Jedes mal widersprach ich ihm. „Es ist alles in Deinem Kopf, 40 ist nichts, Du bist nur faul.“ Er schaute mich gütig an und lächelte. Insgeheim brannte ich danach, sofort 38 zu sein, um ihm und den anderen älteren meine „It’s all in your mind“ Theorie zu beweisen. Mit den anderen älteren kämpfte ich sowieso schon längst nicht mehr gerne. An den Tagen, wo keine anderen jungen Kämpfer beim Taekwondo Training waren, mied ich all jene älteren Schwarzgürtler, die ich aus Respektgründen nicht mit voller Kraft treffen konnte, durfte oder wollte, und das waren fast alle. Er dagegen kam irgendwo aus Europa und schmiss Respekt aus dem Fenster, forderte mich heraus, Vollgas zu geben. Das tat ich auch einigermaßen, so lange er mit halten konnte oder wollte – dann war’s mit ihm auch vorbei. Ich war mir mit 14 ganz sicher – mit dem Alter werden die Menschen geistig träge, die Selbstdisziplin lässt nach, mit ihr die Ehrgeiz. Niemals könnte es am Körper liegen. Jetzt bin ich 39 und muß amüsiert öfters an diese Episode zurück denken, immer wenn ich vom Thai Boxing Training im Challenge Club um die Ecke müde und schmerztrunken nach Hause laufe. Die jüngeren unter den Monstern im Club sind zwar keine 14, aber fast alle unter 25, und die hauen wie Blitz und Donner. Ich gebe mir wirklich Mühe aber spätestens in der dritten Runde können sie mit mir machen, was sie wollen. Ich glaube, ich bin faul geworden. 🙂

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Tagebuch 14: ÜBERALL