Tagebuch eines Ausländers 13: BESCHISSEN ZERRISSEN

Ein älterer, großer, schlanker, in sich versunkener, einsam wirkender Herr geht mit seinem kleinen goldenen Hund zweimal, manchmal dreimal, am Tag ganz langsam spazieren. Ich weiß nicht, warum ich immer einen Bogen um ihn mache. Es irritiert mich, mein eigenes Verhalten. Es ist etwas in seinem Blick, wenn er einen anschaut. Er bleibt oft minutenlang stehen und lässt den kleinen goldenen Hund an der Leine rum springen. Dabei beobachtet er die Passanten, die Häuser, die Strasse, mit seinen denkenden dunklen Augen, die im starken Kontrast zu seinen weißen Haaren stehen. Manchmal nickt er mit dem Kopf, seine Augen durchbohren mich, beim Nicken lächelt er ein wenig, meine Tochter hat vor seinem Hund Angst, was den Herrn irgendwie traurig zu machen scheint. Ich ärgere mich selber über meine Abneigung, denn er hat noch niemandem irgendwas angetan. Vor kurzem trafen wir Lina und Holger, unsere Nachbarn, auf dem Gehweg. Ihre kleine Tochter und unsere spielten und lachten mit einander, während die Erwachsenen plauderten. Dann kam der Herr mit seinem Hund die Strasse hoch. Als er an uns vorbei ging, schwiegen alle und schauten weg und wir drückten unsere kleinen Kinder an uns. Ich merkte, wie ein Blick von ihm uns streifte, dann verschwand er langsam um die Ecke. Es war merkwürdig, wir schauten uns alle an und Lina fragte, wieso der Herr diese Wirkung auf alle hatte. Im kurzen Gespräch darüber stellten wir alle fest, daß wir alle ein schlechtes Gewissen hatten und uns darüber schlecht und beschissen fühlten, daß wir grundlos so über den alten Herrn dachten und redeten, einfach nur weil wir kleine Kinder hatten und er immer allein war und so einen schmerzvollen, unheimlichen Blick in seinen denkenden Augen trug. Es schmerzte uns sehr, jemanden aus der Ferne verurteilt zu haben und irgendwie trotzdem unfähig oder unwillig zu sein, unsere Meinung zu ändern, noch unsere Reaktion, noch unser Verhalten. Eltern dürfen paranoid sein, behauptet meine Tante. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf… Die Linie zwischen Vorsicht und Vorurteil, Schutz und Diskriminierung, zwischen Angst und Rufmord, ist hauchdünn. Aber wir sind alle Gefangene unserer Vorsicht geworden. Alle fühlen sich ein bißchen sicherer – doch es macht keinen wirklich glücklicher. Jedoch wird niemand die Spielregeln ändern – und manchmal bist du auf der einen, manchmal auf der anderen Seite der Ängste und Vorurteile.

– Che Chidi Chukwumerije.