Tagebuch eines Ausländers 3: DIE MAININSEL

Es gefällt mir sehr, am Main spazieren zu gehen. Als ich noch in der Stadt gearbeitet habe, bin ich jeden morgen, nach dem ich meine Tochter in die Kita gebracht hatte, zur Alten Brücke gelaufen, sie aber nicht überquert. Ich nahm die Treppe zum Fluß runter, wo ich nach ein paar Schritten meine Lieblingssitzbank erreichte. Während ich in meinem Buch laß, näherten sich mir ein paar Enten hoffnungsvoll. Man darf sie nicht füttern, aber ich brachte es nie übers Herz, ihnen ein Stückchen meines Brötchens zu enthalten. Ich spürte die Neugier mancher Jogger und Fahrradfahrer und Angestellte unterwegs zur Arbeit, die vorbei flossen wie ein zweiter Fluß. Das Schöne an dieser Stelle ist, daß ich die andere Mainseite nicht sehen kann. Die Bäume auf der Maininsel mitten auf dem Fluß haben eine beruhigende, stärkende, sammelnde Wirkung auf mich, sie fangen mich, spiegeln mich wider. Obwohl ich in dem Buche lese, kommt es mir vor, als würde ich in Wahrheit mit der Maininsel Gedanken tauschen. Plötzlich hallen einer nach dem anderen tiefe Töne von der Kirchglocke oben auf der Strasse rüber zu mir. Es ist neun Uhr, ich stehe auf, richte Krawatte und Jacke und laufe mit dem Main weiter bis hin zum Holbeinsteg. Erst da werde ich ihn überqueren. Den ganzen Tag über, im Büro, immer wenn mir die Luft fehlt, werde ich an diesen Augenblick auf meiner Lieblingssitzbank vor der Maininsel denken. So habe ich das immer gemacht, jeden Tag.

– che chidi chukwumerije.

EINDRINGEN

1.

Der Pfeil flog und suchte das Herz des Schwans. Als er eindrang, klang es fast so sacht und dumpf, wie Schweigen. Und das war der Klang eines sterbenden Schwans. Keine letzte Melodie.

Weit unten, auf dem Boden, sah in diesem Augenblick eine Frau dieses Geschehen und ihr Herz sank. Das Schicksal, so schien es, hatte gesprochen. Der Schwan, den sie im Winter großgezogen hatte, dem sie im Frühling ihre Geschichte erzählt hatte, den sie nun im Sommer frei gelassen hatte, damit er über die Berge und Täler und über die Seen zu ihrem Geliebten fliege, um ihn zu unterrichten, daß sie hier gefangen war im Wald der tausend Gefühle, auf der Insel der Einsamkeit, damit er aufhören würde, zu trauern, Mut fassen und sich auf den Weg zu ihr machen würde, um bis zum Herbst sie zu erreichen, zu retten, zu nehmen, zu sich zu nehmen, und dann für immer zu haben… dieser Schwan wurde gerade hoch im Himmel, vor ihren Augen, von einem Pfeil, dessen Ursprung sie nicht kannte, nieder geschossen. Und der Pfeil, der die Liebesmission des Schwans beendet hat, er drang dabei in nicht nur ein Herz ein, nein, sondern in zwei.

Blutenden Herzens, nach dem sie den ersten Schock überstanden hatte, machte sie sich auf den Weg durch den Wald, an den Ort, zu dem der Schwan runter gefallen war.

 

2.

Er schoß gerne auf Schwäne. Und immer traf er. Immer stillte es seinen Durst nach Mehr, für einen Augenblick. Recht einsam war diese Insel. Auf seinem Kanu war er an einem sonnigen Sonntag her rüber gerudert und als er seinen Fuß auf das Ufer setzte, erwachte in ihm unerwartet aus der Tiefe seines Herzens die schmerzvolle Einsamkeit, die er darin begraben hat. Lange sah er auf den Wald der tausend Gefühle, dann mied er ihn schließlich und schritt statt dessen Richtung der Berge, wo er – Schießbogen und Pfeile in Hand – die Gipfel des Berges der Verzweiflung entschlossen erklomm.

Dann kam der Schwan in der Ferne vorbei geflogen; er schien, aus dem Wald zu steigen, und als er an Höhe gewonnen hatte und gerade dabei war, sich zu entfernen, drang gnadenlos genau der Pfeil in sein Herz ein. Regungslos sah der Mann zu, wie der Schwan erst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit im Licht der Sonne zur Erde zurück fiel. Dann machte er sich auf den Weg nach Unten, berg ab, um seine Trophäe zu nehmen, mit sich auf sein Kanu zurück zu nehmen, und anschließend zurück zu rudern aus dieser Insel, die in ihm seine Einsamkeit geweckt hat.

 

3.

Zwischen dem Wald der tausend Gefühle und dem Berge der Verzweiflung liegt das Tal der Reue, und dorthin fiel der tote Schwan. Fassungslos stand der Mann, erneut regungslos, in mitten der vielen Blumen, die hier blühten, und sah auf die Frau, die ein paar Meter vor ihm auf dem Boden kniete, den blutüberströmten, mit seinem Pfeil durchbohrten Schwan an ihre Brust drückte, und bitterlich, ebenso fassungslos, weinte.

Sie schaute hoch, sah ihn, seinen Bogen, seine Pfeile, sah ihn an und flüsterte:

„Warum…?“

„Weil ich gerne auf Schwäne schieße…“ flüsterte er, erstarrt, zurück.

„Aber warum?“ fragte sie, gebrochen, erneut. „Warum erschießt du nicht auch mich?… Denn dieser Schwan trug mein Herz, freiwillig, und wollte es zu einem anderen zurück bringen.“

Sein Hunger ungestillt, seine Seele einsam, der Mann blieb, blieb immer noch, regungslos. Bis plötzlich in ihm der Geist erwachte. Da zerbrach er auf einmal mit einer bitteren Wut seinen Schießbogen, fiel auf ein Knie und bat um Verzeihung, und bat darum, es irgendwie wieder gut zu machen.

Sie schaute ihm in seine wilden Augen und die waren voller Reue, Schmerz und brennenden Liebe, und sie wurde verwirrt. Denn der Pfeil, der durchdrang nicht nur ein Herz, und nicht nur zwei… wahrlich dieser verfluchte Pfeil war gleichzeitig in drei Herzen eingedrungen.

 

4.

Und weit weit weg, über Berge und Täler, über Seen, im Land des Wartens und Nimmervergessens, da schaute ihr Geliebter in diesem Augenblick zum Himmel hoch, auf die vorbeiziehenden Wolken, und suchte nach einem Zeichen von ihr, irgendwas, während sich in ihm plötzlich ein neuer, noch tieferer, Schmerz schnell breitmachte.

Denn seins war das vierte Herz, das an diesem Tag von diesem schicksalhaften Pfeil durchbohrt wurde.

 

 – CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.