Tagebuch eines Ausländers 2: MEINE STADT.

Ich bin gestern mit meinem Schwiegervater, der zu Besuch war, durch die Stadt gereist – gereist, sage ich, denn für mich fühlte es sich wie eine Reise an. Er wollte Frankfurt ein bisschen kennenlernen, hat sich darüber beschwert, daß er – obwohl er uns schon ein paar Mal besucht hat – von der Stadt wenig eigentlich gar nichts gesehen hat, und nun hatte er seinen eigenen Plan, wie das wieder gut zu machen war. So setzten wir uns in eine Straßenbahn. Er schaute aus dem Fenster, kommentierte alles, manchmal mit Worten, manchmal mit schweigsamen Blicken. Wir fuhren zu einer Endstation und wieder zur anderen Endstation und dann wieder zur Mitte, wo wir einst eingestiegen waren. Da stiegen wir wieder aus. Danach sind wir zum Main gelaufen, wo er unbedingt eine Flussrundfahrt machen wollte. Wir saßen vorne im Schiff. Sein Gesicht löste sich in eine Sonnenblume auf und immer wieder ließ er, während der einstündigen Fahrt, einen leisen Seufzer von sich hören. Er freute sich, lange war es her, seit er zum letzten Mal so einen schönen, ruhigen, reichen Tag gehabt hat, sagte er mir schließlich, leise. Danach gingen wir in Alt-Sachsenhausen spazieren, wo er prompt ein spanisches Lokal entdeckte. Das Lokal war gerade zu, sonst hätte er sein viertes Bier des Tages sicherlich dort getrunken. Jedes Stück Kuchen, jedes Glas Bier, jede Wurst, jedes Brötchen, jeder Kartoffelsalat, jedes Eis, jedes Lächeln, alles, was er an diesem Tage bekam, schmeckte ihm besonders. Er war zufrieden. Langsam schritten wir nebeneinander nach Hause und machten dabei noch einen kurzen Stopp bei dem Apfelweinwirt, wo ich schon einmal mit meiner Frau war. Unterwegs berührte er meine Schulter und bedankte sich bei mir für den schönen Tag, und dafür, dass ich ihm meine Stadt gezeigt hatte. Er ahnte wirklich überhaupt nicht, dass es gerade umgekehrt war: denn er war es gewesen, der mir meine Stadt neu gezeigt hatte. Oder vielleicht war es seine.

– che chidi chukwumerije.