AUSZÜGE AUS MEINEM LEBENSWEG

Ich zog meine schwarze Haut aus
und dadrunter war eine weiße
Ich zog meine weiße Haut aus
und dadrunter war eine rote
Ich zog meine rote Haut aus
und dadrunter war eine braune
Ich zog meine braune Haut aus
und dadrunter war eine gelbe
Ich zog meine gelbe Haut aus
und dadrunter war,
wieder,
eine schwarze.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHATTEN UNSERER SELBST

Wir gingen wie
zwei verlorene Schatten
ohne Körper
einen Waldweg entlang
auf der Suche nach dem Licht
das uns auswarf.

Doch als wir das Licht fanden
verstanden wir immer noch nicht
warum wir Schatten waren
oder wo wir her kamen
denn ein Schatten ohne Körper
begreift sich selbst nie

Manche behaupten, Gott zu suchen
Wenn sie ihn finde
wissen sie nicht, wie sie ihm dienen sollen
denn sie kennen sich selbst nicht.
Wir sind alle Schatten
unserer Selbst.

Wie kann ich mich Dir geben
wenn ich mich nicht kenne?
Ich gebe Dir nur einen Schatten
meiner Selbst
und Du merkst nicht, daß Du mich
immer noch nicht kennen gelernt hast.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALTE LIEDER

Deine Musik füllt mich
Du früherer Ich
Wer hätte gedacht
damals als wir sie gemacht
haben und geweint und gelacht
und an die Zukunft gedacht
daß ich in der Zukunft
Dich so sehr vermissen würde?
Deine Einfachheit, Deine Kindlichkeit
Deine Ehrlichkeit, Deine natürliche Würde
Wir dachten, jene Vergangenheit
war eine Hürde –
Aber heute weiß ich, was Du nicht wusstest:
Diese leere Zukunft ist die schwerste Bürde
Ohne Dich
Nein, ohne mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SELBSTTÄUSCHENDE RASSISMUS

Der Rassismus ist ein blinder Fleck.
Die rassistischsten merken es nicht
oder wollen es nicht merken;
In ihren Schwächen
preisen sie sich ihre Stärken;
Doch erkennen werdet Ihr sie
an ihren Werken:
Fremden weh tun ist versteckt ihr Daseinszweck.
Und das sind die Besten.
Was mag denn stecken in den Resten?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENWÄRTIG

Ich erinnere mich an Dinge
die ich nie gemacht habe
und vergesse diejenigen
die ich einst machte

Ich erinnere mich an Menschen
die ich fast, und doch nicht, küsste
und habe diejenigen längst vergessen
die ich mehrmals verschlang in der Nacht.

Ich erinnere mich an die Zukunft
die ich so sehr haben wollte
und vergesse schnell die Vergangenheit
die ich rasch durcheilte.

Und am Ende meiner Tage
stehe ich da mit leeren Händen
ohne Vergangenheit, ohne Zukunft
in einem abgelaufenen Augenblick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERNSTE GESICHTER

Morgen gehe ich hinein in die Welt –
Jedem, dem ich begegne,
schulde ich ein Lächeln. Ihr werdet
es aber nicht auf meinem Gesicht sehen
denn ich habe gelernt: niemals
bin ich nackter
und ungeschützter
als in dem Moment, an dem
ich Dir das immerwährende Lächeln zeige,
das sich hinter meiner Maske verbirgt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INSTANZ DER SCHÖNHEIT

Die Schönheit ist eine Instanz, die Du zu Dir einladen kannst. Sie zieht immer samt ihrer ganzen Würde, ihrer ganzen Magie, und ihrer ganzen Heilkraft ein; wie eine Königin; und macht Deine Umgebung – oder was auch immer, in das Du sie eingeladen hast – zu ihrem Palast.

So bist Du auf einmal der willkommene und verwöhnte Gast im schönsten Palast der Welt, im Haus der Schönheit – aber nur so lange Du Dich an ihren Regeln hältst und der Schönheit täglich Raum gibst. Verstößt Du dagegen oder verletzt Du die Schönheit, so zieht sie auch wieder fort und läßt Dich erneut allein in Deinem öden und unschönen Sein. Die Schönheit verlangt viel und regelmäßige Mühe, und immer wieder das Dich-öffnen für neue Impulse; sie beschert aber auch eine große Belohnung.

So wie Du die Schönheit in Deine Umgebung einladen kannst, kannst Du sie auch in Deine Gedanken und in Dein Herz reinbitten. Wenn Du in Deiner Seele der Schönheit Raum machst, strahlt sie aus Dir heraus und zeigt sich in vielen Kleinigkeiten, die mit Dir in Zusammenhang stehen. Wie Du Dich ankleidest, wie Du gehst und Dich trägst, wie Du redest, wie Du das Leben angehst, wie Du auf Mensch und Tier, auf Natur und Welt reagierst, wie Du über andere Menschen denkst, wie Du andere, die Welt und Dich selbst liebst. Wie Du lächelst, wenn Du lächelst. Und so viel mehr. Die Schönheit strebt immer nach mehr Schönheit, auf unterschiedlichen Ebenen, in unterschiedlichen Formen.

Wir können alle gemeinsam versuchen, das Erdenleben schön zu machen für alle. Und auch für die Erde selbst. Dort, wo wir leben: Zuhause innerhalb unserer 4 Wände, in der Nachbarschaft, im Ort, in der Stadt. Es fängt mit einem schönen und respektvollen Miteinander in der Gesellschaft an.

Che Chidi Chukwumerije

DIE SELBEN AKTEURE

Was hat ein Politiker
in der Welt der Poesie zu suchen?
Dichter erzählen ja für gewöhnlich die nackte Wahrheit.

Was hat ein Musiker
in der Welt der Wirtschaft zu suchen?
Ökonomen interessieren sich für Dein Geld,
nicht für Deine Seele.

Was hat der Otto Normalbürger
In der Welt von Entscheidungsträgern zu suchen?
Sie denken
Sie hören ja nur auf Lobbyisten.

Bis ich genauer hinsah
und sah: Es war die ganze Zeit
der selbe Mensch, mal im Anzug,
mal in Jogginghose, mal als Frau, mal als Mann,
Mal als Ausländer, mal als Einheimischer,
Mal als Wahrhaftiger, mal als Lügner.
Ich sah die ganze Gesellschaft in Dir
Und Dich in jedem Fremden auf der Straße.
Und die Stadt war mir vertraut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEHMEN

Willst Du es mir zeigen?
Mach Dein Fenster auf
Lass es offen stehen in der Nacht
Ich komme nach Mitternacht

Willst Du es mir geben?
Sperr Deine Seele auf
Lass mich nehmen, was ich will
Gib mir die freie Wahl

Willst Du es mir sagen?
Öffne Dein Tagebuch
Schließ Deinen Lügenmund
Ich lese Dich und reibe Dich wund
Die Wahrheit schreit aus Deinem Abgrund.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLICKENTEPPICH

Zwei Lichtstrahlen
wie Fäden in einem persischen Teppich
bewegen sich fast unabsichtlich
auf einander zu –

Und sie sind die zwei Seiten einer Gesellschaft.

Und wie wohl Du mit Deinen Augen
ihren Pfaden folgst, ist es schwer
im Wirrwarr-Miteinanders des Durcheinanders
der Gesellschaft zu erkennen, ob sie sich treffen.

Nur das sprachlose Herz durchblickt die Gesellschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung