AUFNAHMEGERÄT

Was war zurück geblieben?
Nach dem die Fotos gespeichert waren
Die Videos geteilt an meine Lieben
Die Audios bereinigt ob der Unklaren
Die Blogs geschrieben und gelesen –
Aber war nicht mehr, viel mehr, da gewesen?

Vollzog nicht die ganze Zeit
Ein tieferes Geschehen, als Begleit,
Unsichtbar jeder technischen Erfindung
In seiner Art und wahrer Identität?
Wahrgenommen nur von unserer Empfindung,
Unserem echtesten Aufnahmegerät.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

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MOMENTE DES LEBENS

Momente gesammelt
Denn ein Herz hat mehr Speicherplatz
Als alle Smartphone der Welt versammelt
Neben diesem einen Schatz:
Menschengeist.

Blatt um Blatt
Lese ich alle Menschen zwischen den Zeilen
Wie kann ich vergessen, was mich geprägt hat?
Momente markieren meine Meilen
Ich, Menschengeist.

Momente der Freude
Momente des Schmerzes, der Angst, der Liebe
Was mich einmal durchdringt, gehört im Gebäude
Meines Geistes fortan zum Getriebe
Je mehr ich erlebe
Desto mehr lebe
Ich, Menschengeist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

NACHTRUHE

Ruhige Tage
Mein Sinnen vage
Frei von Sorgen
– das macht mir Sorgen

All meine Plagen
Das leise Unbehagen
Die vielen Fragen
… schweigen.

Die Wanduhr tickt leise
Wandschatten gehen auf Reise
Es weigern sich unerklärlicherweise
Meine Sorgen weiterhin sich zu zeigen…

Als ob heut Zuhause
Mit ner kleinen Verschnaufpause
Der sanfte Abend mich traf:
Schlaf, Kindlein, schlaf.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

FLÜCHTLINGE

Die Gegenwart ist auf der Flucht
Vor der Vergangenheit weit geschwommen
Und findet, egal wie hart so sucht,
Keine Gelegenheit sie zu entkommen.

Kein Geschehen ist Boot genug
Keine Gegenwart ein sicheres Meet
Der Getriebene schleppt mit sich im Zug
Seine Herkunft in die Zukunft mit hinterher.

Die Zukunft! Schimmernd in der Ferne
Trügerisches, höhnendes, herzloses Horizont
Man möchte dem Suchenden zurufen, “Lerne
Erkennen: Dein Leben selbst ist die Front!”

Dein Heute ist die zu häutende Haut
Wenn das Leben Dich haut, Deine dicke Haut
Lässt nur das durch bis unter die Haut
Unter dessen Wirkung Deine Mitwirkung auftaut…

Mitwirken beim eigenen Neuwerden
Beim Versöhnen Deiner alten mit Deiner neuen Welt
Beim gemeinsamen Streben aller Sucher auf Erden
Nach einer Zukunft, die sich friedvoller entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

UNSTET

Wenn keiner zuschaut
Bin ich schwach
Hab Fremdes geklaut
Hab Keusches versaut
Der Stimme vertraut:
Mach einfach!

Wenn keiner zuschaut
Bin stark und wach
Verteidigt fremde Haut
Geteilt mein letztes Kraut
Brücken gebaut
Nach der Stimme laut:
Mach einfach!

Was bin ich? Menschlich?
Wann werd ich menschlich?
Was bedeutet das – unanständig und anständig?
Was bedeutet das – geistig?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

DER VERSTECKTE NEIDER IM SPIEGEL

Der Neid hat eine komische Art
Manchmal erkennt man ihn nicht
Obschon er in einem selber wie ein Ich-Wart
Wohnt und wirkt und jedem neidet sein Licht

Ein Schmerz, mit dem man
Sein ganzes Leben lang lebt
Als normal einstuft und vergisst irgendwann
Ihm selbstverständlich, eingelebt

Jeder des anderen Bewegungen angepasst
Wechselwirkung sich bestätigend
Sein Innenleben durchdrungen und erfasst
Er und sein Schmerz an einander klebend

Sein Schmerz, sein Leiden, sein Neid
Seine Wunde, sein Schwert und sein Schild
Seine Ich-Sucht, und die weiß stets Bescheid,
Sein schön verkleidetes Spiegelbild.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

APRILGEDICHT

Ich sage manchmal Ja
Und ich bin da
Und manchmal Nein
Bitte laß mich allein

Der Regen zögert
Eingeschüchtert
Der Regen stürmt
Schuttelt und wurmt

April April
Du hast Deinen Stil
Und machst, was ich will

Befreist alle meiner Seiten
Schneller als ich es vermeiden
Kann, muß ich mich entscheiden

Täglich tausend Eindrücke
Und ich nur eine wackelige Brücke

Ein Dichter.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

GRÜNES LICHT

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Grünes Licht
Der Frühling bricht
Aus Winters Erinnerungen aus
Übernimmt der Natur Haus

Grünes Licht
Der Frühling spricht
Ein Gedicht nach dem anderen
Jedes eine Blume dem Bewundernden

Ich komme zu Dir
Gehe mit Dir
Fahre aus Dir heraus
Es blüht wieder mein Gefühlschaos.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

BLÜTENSTIEL

Bin ich sentimental
Oder empfindlich? Ich nehme
Geburt und Tod in tausend Dingen
Täglich war – Ob ich zu sehr mich sehne?

Ich nehme wahr, wie wir
Menschen vieles ohne Worte wahrnehmen
Doch entweder fehlen uns die Worte
Oder der Mut, um es preis zu geben

Wer geht denn gerne in die Tiefe?
Wer ist mutig genug? Uneitel genug?
Wer wird der verwundbare Erste sein
Ins Land der Wahrhaftigkeit zu wagen Einzug?

Die Verwundbarkeit, sie eint uns
Sie ist’s, was wir mit einander teilen
Alle Menschen wissen mehr
Als sie es je wagen würden, zu zeigen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Mein Jahr der deutschen Dichtung