IM SPIEGEL SUCHEN

Ein Junge lief nach langer Wanderung Heim
um seinem Vater zu erklären,
warum er fort gegangen war –
Doch der Vater war mittlerweile schon gestorben,
ohne erfahren zu haben…

Daß sein Sohn gegangen war
auf der Suche nach ihm, dem Vater,
und irrte so lange herum, bis er
die Stimme des Vaters in seinem Herzen vernahm –
denn er war nun ein Mann geworden.

Er schritt nun durch die Tür hinein
Das Haus war leer
An der Wand stand ein Spiegel
Er schaute lang in das Glas hinein
und die Augen seines Vaters, sie schauten zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGESCHÜTZTE KINDER

Kinder legen sich heute Nacht zum Schlafen
Nach noch einem anderen Tag harter Arbeit
Fragen sich, warum ihre Eltern verschwunden sind –
Stell Dir vor, das wären Deine Kinder
und Du wärest nicht mehr da.

Das ist keine Poesie
Das ist wahres Leben –
Viele solcher Kinder liegen in diesem Augenblick
irgendwo im Dunkel, verängstigt, verwirrt,
desorientiert, einsam, ausgeliefert, wach.

Sie versuchen, den Sinn zu begreifen
Sie versuchen, mutig zu sein
Sie versuchen, die Hoffnung nicht zu verlieren,
und dann irgendwann, kurz vor Mitternacht,
schlafen sie müde ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Artikel 4: Verbot der Sklaverei und des Sklavenhandels

Ein Beitrag von mir zu Artikel 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – „Verbot der Sklaverei und des Sklavenhandels“. – Projekt von Coloured Rain: Monat der Menschenrechte.
– Che Chidi Chukwumerije

DEIN PFAD BRAUCHT NOCH ZEIT

Warte ab
Die Zukunft braucht noch eine Weile
um sich neu zu formen…
Drum, bleibe noch länger in der Gegenwart
und laß das Kommende in Ruhe gären…

Seit wann bist Du der neue Mensch, der
Du nun geworden bist?
Du hast Dich zu schnell geändert
für Dein Schicksal
Dein Pfad braucht noch Zeit, zu reagieren…

Freunde werden in den Herzen Deiner Feinde geboren
Feinde werden hinter dem Gesicht Deiner
Freunde geformt
So ist der Weg der Welt – daß
Vieles lang äußerlich ganz anders aussieht
als es innerlich tatsächlich ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAPPINESS IS PARADISE

The end result of life should be happiness. If you live a long and “fulfilled” life, and yet at the end you are full of sadness and uncertainty – what was the point?

I don’t know what or where Paradise is – but if it’s not a synonym for Happiness, what’s the point in making it the destination of your travels?

As simple as it may sound, the aim of life is to be happy – nothing more. The difficult exercise along the way is finding your happiness without unfairly or willfully impeding the happiness of another.

– Che Chidi Chukwumerije

ABENDS

Ich brauche es
abends
in die Leere meiner Seele
lange zu blicken

und dann
nach einer Ewigkeit des Wartens
zu sehen, wie mein Geist von tief drinnen
Bilder an mich zurück schickt

Alles, woran
ich heute flüchtig dachte
ohne zu merken, daß ich daran dachte
es kommt alles zurück

Flüchtlingskinder, die
vergeblich auf ihre Eltern warten…
Ob meine Kinder – und womit –
geimpft werden

Ab wann Ausländer – egal wo –
Wahlrecht haben dürfen…
Und wo ist mein Bruder heute, der
vor sechsundzwanzig Jahren starb?

Dann ist der Abend vorbei
und ich steige aus meiner Seele
wieder heraus
und das war mein Tag heute.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN WORT IN DEIN OHR

Kamera Phone
Deine Ohren wie ein Aufnahmegerät
Erinnern sich an Kleinigkeiten von Gestern –

Wie groß sie jetzt geworden sind.

Und die Dinge, die einst so groß waren,
wie klein sie heute sind.

Unzählige Worte, Kleinkram, säte ich
all die Jahre in Deine Ohren –
So klein waren sie nicht, denn es war alles
ernst gemeint.

Heute bist Du mein Blumengarten geworden
aus dem alles Gute mir geboren wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SAUER STOFF

Ich will unbedingt atmen
Luft! Luft! Luft!
Ich reiße mir die Lungen aus dem Leibe raus
Tauche sie in die kalte Luft ein
Bis sie vor lauter Sauerstoff brennen
Dennoch reicht es nicht aus.
Ich kann immer noch nicht atmen
Als wäre atmen ein Gedanke,
den ich in meiner Erinnerung nicht mehr finde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung