IM VERTRAUEN

Es ist erstaunlich
wie viele Seiten, Innenseiten,
wie viele Schichten,
geschweige denn Geschichten,
verschwiegene Geschichten,
wie viele andere Menschen
ein einziger Mensch unter seiner Oberfläche
Dir heimlich und eifrig zeigen wird,
nur weil Du seine innerste innigste Wunde
linder behandeltest und zart bandagiertest
ohne ihn zu brechen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNTERBELICHTUNG

Überbelichtung.
Die ganze Welt wohnt im Netz
Minus die ganze Welt

Ich suche nach dem passenden Filter
um die Mitmenschen auf der Straße
klarer zu sehen. Verdunkelt. Erhellt.

Doch sie sind zu wie Bücher
Und zugänglich wie Bücher
Anders ehrlich, anders verstellt.

Wer ist der echte Mensch? Analog
Oder digital? - Es kommt darauf an
Welche Maske, Dir besser gefällt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHNELL VERSCHWINDENDER FRIEDEN

Drohungen machen die Musik
in letzter Zeit
Der Ton ist nebensächlich -
Ein Wort und alle wissen Bescheid,
was gemeint ist.

Alle fühlen sich bedroht
durch die freien Entscheidungen anderer -
Fratzen sind Lächeln plötzlich verroht.
Frieden ist eine Maske, ein Wanderer,
ein Verführer, eine List.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

POLARISIERT

Polarisiert -
Wo stehen wir als deutsches Land
in dieser undeutlichen Welt?
Was hätten wir lieber in der Hand?
Massenwohlstand oder Elitegeld?

Ein Schatten schleicht sich leise
um die Häuser der Massen herum -
Die Armut umschlingt die äußeren Kreise
und meidet zynisch das Zentrum.

Menschlichkeit ringt mit Patriotismus -
ziehen wir doch alle an einem Strang.
Auch wenn dabei der Geldfluss
sich richtet nach Klang und Rang.

Das Herz der Massen war immer tief,
immer treu und immer gespalten.
Versucht, gerade zu stehen, doch die Lage ist schief.
Was tun? Aushalten? Ausrasten? Verwalten?
- Polarisiert.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BAUCHGEFÜHLE

Irgendwas wächst in meinem Bauch
Da ich weder schwanger bin noch mich krank fühl
Bleibt nur die eine Schlussfolgerung:
Es wächst in mir ein Bauchgefühl.

Eine gewisse Ungewissheit -
Oder eine ungewisse Gewissheit?
Denn das etwas ist, das weiß ich gewiss,
Nur ist das genaue Wissen etwas ungewiss.

Dieses Warten auf Bestätigung
Und, manchmal, Hoffen auf Widerlegung…
Schweigen war immer mein bester Freund
Und riet stets leise zur Vorbereitung.

Auf Veränderung, denn Menschen ändern sich;
Auf Wiederholung, denn Menschen bleiben gleich;
Weißt Du noch, als ich Dein Bauchgefühl war:
Und eroberte tatsächlich wie befürchtet Dein Reich.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITTAGSPAUSE

Auf die Schnelle
hole ich mir ein Stück Langsamkeit
aus der Mittagspause heraus -
Eine Stunde ausgedehnt durch Insichgehen. 
Ein verinnerlichter Moment
in der Ferne ist wie eine Ewigkeit Zuhaus.

Aus dem Fenster schauend
betrachte ich das Vollenden des Waldes
Belaubung in seiner Unaufhaltsamkeit.
Lang lebe das Wachsen
Lang lebe das Reifen
Lang lebe die Langsamkeit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MAL SO MAL SO

Mein Herz ist ein Loch.
Manchmal steigst Du rein
Manchmal steigst Du raus
Und beides fühlt sich gut an.

Wir sind mein Zeitempfinden.
Wir werden zusammen alt
Wir bleiben zusammen jung
Und beides fühlt sich gut an.

Dein Herz ist meine Aufgabe.
Manchmal verstehe ich Dich
Manchmal verwirrst Du mich
Und beides fühlt sich gut an.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LÄCHELN OHNE GRUND

Sinn gestern ist heute sinnlos.
Was ist Wirklichkeit?
Macht macht machtlos.
Wissen stimmt unwissend.
Wo findet das Leben statt?
In dem, was ein Mensch ist
Oder in dem, was er hat?
Du würdest fast denken,
die Mächtigen sind wirklich mächtig,
nur weil sie die Wehr- und Mittellosen
brandmarken als verdächtig.

Manchmal wohnt ein Lächeln in Dir.
Du weißt nicht weshalb, warum, woher.
Es hat keine Meinung zu Weltthemen.
Als käme es - und Du - von irgendwo anders her.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIERAUGEN IM ZOO

Das war heute ein schöner Nachmittag,
was für mich sicherlich daran lag,
daß der Mai seine sanfte Sonne freigab.

Großherzig umspülte mich Euer Lachen,
brachte mich nach der Arbeit zum Erwachen;
müde, weil lange Heimflüge platt machen.

Ausflug in den Zoo, trotz Sonne und Eurer Wärme
für mich immer Hart – und nicht wegen der Lärme.
Menschen, nicht Tiere, bilden die Schwärme.

Bewegungsdrang bei uns freigesetzt,
bei ihnen gebannt aber niemals ausgesetzt;
gerettet, unverletzt, gefangen im Hier und Jetzt.

Da sind sie wieder, meine Gedanken,
hin und her zwischen Lob und Kritik schwanken,
während sie mit meinen Empfindungen zanken.

Da ist es wieder, mein Grundempfinden:
in lebendige Augen schauen, um zu finden
nichts, womit mein Zwiespalt zu überwinden.

Augenblicke, die haften und bleiben,
in mir wortlos ihre Botschaft weiter schreiben,
wie Tiere im Gehege ruhelos herum treiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNE SIRENEN

In der Dichtung wirkt Magie,
denn kindliche Poesie umgeht
die schwer analysierende Energie
kopfgenagelter Akademie,
die zersägt und verdreht.

Klug. Die Menschheit ist so klug.
Zu klug für Einfachheit.
Der Verstand ist sich selbst genug,
doch niemals genug für den Höhenflug
innig feinster Innerlichkeit.

Manchmal nach beendetem Gedicht
starre ich aus dem Fenster.
Heute sehe ich Toronto‘s Gesicht,
leise Hochhäuser im milden Sonnenlicht
und ferne Sirenen wie Gespenster.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung