JENSEITS IST DIESSEITS

Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.

Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.

So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.

Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:

Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…

Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.

Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

URSPRACHE

Kommt in meine Arme.
Ihr ferne Alpen,
Ihr seid mächtig genug für mein Herz -
Denn es ist zu groß, zu breit, zu tief geworden
Und ich verstehe es nicht mehr.

Doch Ihr da vorne,
ausgestreckt und ausgedehnt
wie die Wellenbewegung eines Weltmeeres,
von einem Riesen in Stein verwandelt,
Ihr sprecht die Ursprache meines Herzens.

Rauh und zerklüftet
Alt mit einer unbekannten Geschichte
Deshalb, kommt in meine Arme
Ihr schöne Alpen
und liebet mich zurück.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BE-SUCHT UNS IN DER ZUKUNFT

 Wie viele Häute wie eine Schlange
hat unsere Liebe schon abgeworfen?
Die einen suchen uns in der Vergangenheit,
im Gestern,
dort finden sie unzählige, tote, Muster.
Die anderen untersuchen die Gegenwart,
das Heute,
sehen eine immer-wiedergeborene
lebendige und wendige Schlange.
Aber wir, wir leben nach wie vor
in der Zukunft. 
Im Morgen solltet Ihr versuchen, 
das Rätsel zu lösen. 

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM VERTRAUEN

Es ist erstaunlich
wie viele Seiten, Innenseiten,
wie viele Schichten,
geschweige denn Geschichten,
verschwiegene Geschichten,
wie viele andere Menschen
ein einziger Mensch unter seiner Oberfläche
Dir heimlich und eifrig zeigen wird,
nur weil Du seine innerste innigste Wunde
linder behandeltest und zart bandagiertest
ohne ihn zu brechen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MAL SO MAL SO

Mein Herz ist ein Loch.
Manchmal steigst Du rein
Manchmal steigst Du raus
Und beides fühlt sich gut an.

Wir sind mein Zeitempfinden.
Wir werden zusammen alt
Wir bleiben zusammen jung
Und beides fühlt sich gut an.

Dein Herz ist meine Aufgabe.
Manchmal verstehe ich Dich
Manchmal verwirrst Du mich
Und beides fühlt sich gut an.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKL-ICH

Wenn meine Gedanken
wie Flugzeuge
mich mitnehmen konnten
auf ihrer Reise

Und anstatt der Gedanke
an mich käme
ich selber bei Dir an
auf erstaunlicher Weise

Und wenn sie wieder
verschwinden
Und lassen sich plötzlich
nicht mehr finden

Dann sind unsere
unterschwelligen Sehnsüchte
nach einander alles
was uns noch innig verbinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE TRENNUNGEN

„Vater, Du brauchst zu lang -
Kann ich wieder alleine hin?“
Ich spüre seinen Freiheitsdrang.

Er muss zum Hort
Ich zur S-Bahn und zur Arbeit
Für jeden Menschen ein anderer Ort

„Wir müssen in die selbe Richtung.
Lasst uns doch zusammen
bis zur zweiten Kreuzung.“

Wir laufen los
Er marschiert zielstrebig nach vorne,
beachtet mich nicht groß.

Für diese Strecke auf jeden Fall
braucht er mich nicht mehr,
auf einmal.

So reisen wir ein Stück miteinander,
Vater und Sohn,
dann gehen unsere Wege auseinander.

Ich bleibe stehen,
sehe ihn selbstbewusst weiter laufen
und dann um die Ecke gehen.

Kleine Wendungen
können genau so tief bewegen
wie große Trennungen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFPUNKT: ZAUBER

Wo bist Du, Einwanderer?
Bist Du wirklich hier?
Oder bist Du noch dort,
wo Du hierher gekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wo bist Du Auswanderer?
Haben die es dort kapiert,
wenn Du mit ihnen redest und lachst,
daß Du noch nicht angekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wie schön der Sonnenaufunduntergang
Magisch der Staffellauf der Jahreszeiten
Da spricht ein Geist, den Ihr so versteht
und ich anders - doch eines ist gleich:
Wir sind beide gleichsam verzaubert.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Che unter erwachenden Baum am Main. März 2022.

PARALLEL

Parallelwellen gemeinsam reiten
in Parallelwelten;
Gedanken, Gefühle und Gezeiten
unterscheiden sich voneinander selten;
Ob Monde, ob Empfindungen,
beide gelten
als Drahtzieher jener Erfindungen,
die unsre Nächte stets erhellten.

Wie Baumwurzeln unterirdisch verbunden
mit ner unsichtbaren Liebe,
Menschen unwissend aneinander gebunden
im geistigen Getriebe;
Dichter und Denker weltweit inspiriert
durch ähnliche seelischen Antriebe;
und Du und ich manchmal parallel geführt
von einem Geist durch ähnliche Triebe.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung