DER LETZTE VOLLMOND DES JAHRES

Alles kommt heute Nacht zusammen
Alle Seiten des Mondes
Deutsch und undeutsch klingende Namen
Alle Gesichter des Bundes
Dem Haß zum Trotz wird der Liebe Licht
Ausgeschenkt in die Runde
Wir gehen mit Mut und mit Zuversicht
Hinein in des Jahres Ende
Und schaffen zusammen die Wende.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE GEDANKENLESER

Einst beobachtete ich
Einen Vogel, wie er oben im Himmel
Einen zweiten traf. Wie sie mit
Einander freudig spielten.

Wie kann das sein? Der Vogel
War mein Gedanke, den ich befreite;
Wessen Gedanke war der zweite
Und was war er?

Auf einem Hügelgipfel
Auf der anderen Seite des Flusses
Stand eine Figur, wie hier ich.
Wer war sie?

Unsere Augen beobachteten
Unsere Gedanken, wie sie sich liebkosten
Aber wir waren zu weit weg voneinander
Um einander zu erkennen

Dann flogen sie weg, unsere Gedanken –
Zusammen und glücklich
Folgten sie der Richtung des Flusses
Bis sie ganz verschwunden waren.

Eine Weile blieben wir stehen
Die einsame Figur und ich
Dann schickten wir langsam wieder
Zwei Vögel in den Himmel.

Doch sie flogen an einander vorbei
Überquerten beide den Fluß;
Ihr Gedanke sank tief in meine Brust
Und meiner sachte in sie.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DES WANDERERS ERINNERUNGEN

Am Abend meines Aufblühens
Möchte ich wie die Erinnerung
Einer Blume zurück schauen
Auf jede bald verschwindende Erinnerung;
Ich möchte mich daran erinnern
Daß ich mich einst daran erinnerte –
Denn an mehr als das werde ich mich
Nicht mehr erinnern;
Die Erinnerung an Dich wird verschwinden,
Bleiben wird nur die Erinnerung
An die Erinnerung –
Das Jahr trug mich wie eine Lotusblume
Auf einem fließenden Strom;
Die Gedichte waren Bäume am Ufer,
Ich werde sie nie wieder sehen
Doch meine Erinnerungen an sie
Habe ich Euch hinterlassen
Als Geschenke des Wanderers
Durch das fremde deutsche Land.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE FARBENLEHRE

Farbenlehre.
Farbenaffäre.
Auseinanderscheren.
Die Globalisierung
Als Sozialisierungsfähre
Ist eine einzige Farbenlehre.
Wer hat die Ehre?
Das entscheidet einzig
Und allein die Farbenlehre.

Was lehrt Dir Deine Farbe?
Ist sie Dir Wunde oder Narbe?
Oder Schutzwand oder Antenne?
Ist sie Dein wahres Gesicht?
Erkenne. Benenne. Bekenne.
Verkenne jedoch Dein wahres Ich nicht.
Oder ist sie nur eine Ablenkung?
Eine erzwungene Selbstbeschränkung?
Erzwungen durch die Farbenlehre.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER ANDERE

Er lebte in einem Vaterland
Sprach eine Muttersprache
Handelte mit Bruder-Herz und Hand
In nicht jedermanns Sache
Und niemals mit Rache.

Er hatte dort keine Vettern
War Nutznießer keiner Vetternwirtschaft
Als Brüder und Schwestern
Betrachtete er alle in der Nachbarschaft
Dennoch erfuhr er Feindschaft…

Schlimmer als Körperschmerz und Glasdach
Und Lügen verkleidet mit Geschick;
Das, was ihm am tiefsten stach
Und brach ihm fast das Genick
War jeder menschenfeindliche Blick.

Er begriff sie nie
Hingen doch im Weltgetriebe
Die Menschheit als eine Familie
Zusammen gebunden im Betriebe –
Eine geistiger Art Geschwisterliebe.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HERZ DER NATION

Lange speiste die Nation
An dem Blut ihrer Kinder
Um Fleisch zu werden
Und reich an Plunder

Doch nun sind ihre Kinder
Groß gewachsene Vegetarier
Im Herzen widerstandsfähiger
Geworden gegen Vampire

Blut sättigt nicht mehr
Gedanken müssen her
Aus Lichtempfindung geboren
Weitsichtig, menschlich, hehr

Schwer dürstet die Nation
Nach den Gedanken ihrer Kinder
Alle einbeziehend und inspirierend
Gemeinsam zum nächsten Wunder.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SPIEGELBILD

Am Anfang schöpfte die Blume
aus der Erde – jetzt schöpft
die Erde aus der Blume
eine Blüte, denn der Blume Blüte
ist der Erde Lächeln zum Himmel
– Trost für seine Tränen –
Keiner braucht sich zu schämen
der seine zarteren Gefühle
einem Fremden zeigt.

Durch Welten getrennt
wie unterschiedlich sind wir wirklich?
Wieso brennt dasselbe Lichtlein
in uns wie das Spiegelbildlein
einer vergessenen gemeinsamen Wurzel
Dunkeljahren und Lichtmeilen entfernt?
Ich kenne Dich, Deine List, Gier,
Deine Herrschsucht, denn sie sind auch
meine – nur anders verbogen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HERBSTGEBUNDEN

Wer hätte gedacht
Als ich unweit der Mittellinie
Unserer Erde geboren wurde
Zwischen Regenwald und Wüste
Tropenbewässert
Harmattangetrocknet
Sonnensohn und Savannahsäugling
Daß ich einst den Herbst
Lieben lernen würde?
Den fremden Herbst.

Wer hätte geahnt, daß das
Was mich ergänzen und stärken
Beruhigen und besänftigen
Verstehen und inspirieren und heilen
Und fesseln würde
Ganz ruhig
Die ganze Zeit in der Fremde
Lebte und webte?
Erschien und verschwand und erschien
Egal, wer ihn erlebte oder nicht.

Als ich das erste Mal Deutschland sah
War mir alles fremd und abweisend
Außer dem Herbst
Der Herbst war mir vertraut
Wie eine Hälfte meines Lebensgedichts.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung