KALEIDOSKOP MENSCH

Raum nach oben
Traum Bach unter
Kaum wach, törkelnd

Taumelnd, Politik
Baumeld, wild, Kritik
Von sich abgewiesen

Ausgewiesen
Sich ausgewiesen
In sich angekommen

Unter sich bleiben
Für sich ganz richtig
Harmonie bedürftig

Doch Grenzen fallen
Zwischen sich und sich
Was ist das, ein “Ich”?

Eingebürgert
Eingeschüchtert
Allerseits

Viele sind verunsichert
Nur die Mutigen
Lassen sich ändern

Denn sie wissen
Am Ende bleibt jeder
Trotzdem sich selbst.

– Che Chidi Chukwumerije

Advertisements

VERZEIHUNG

Es ist erstaunlich, wie viel
Die Liebe verzeihen kann
Der Mann seiner Frau
Die Frau ihrem Mann
Machtlos gegen die Macht der Zeit
Die irgendwann alles befreit

Das werd ich Dir nie verzeihen
Hat jeder mal gedacht
Doch die Liebe, die Herzverräterin
Ach wie sie lacht…
Alles, was sie braucht, ist genug Zeit
Dann ist Dein Herz auch so weit

Und es verzeiht, will verzeihen
Wahre Liebe hat ein Eigenleben
Die Zeit ändert den Liebenden
Erweckt in ihm neues Bestreben
Alter Streit erscheint uns nicht mehr wichtig
Nur Liebe ist dem Herz immer richtig.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EINFACHE WUNDER

Von der anderen Seite kam sie
Blindenstock hin und her den Boden fegend
Eine alte Dame, verunsichert wirkend –
War sie neu in dieser Gegend?

Er stürmte an mir vorbei
Auf Grün hat er nicht gewartet
Schnell war er an ihrer Seite –
Hat sie ihn erwartet?

Die Nacht wich dem Tag
Die Wolken zerstreute die Sonne
Die schönsten Wunder des Universums
Ihr trübes Gesicht erhellte mit Wonne

Er legte seinen Arm auf ihre Schulter
Sie lief mit ihm weiter, nicht mehr allein
Ein Sohn vielleicht mit seiner sehbehinderten Mutter –
Wie schön es ist, Mensch zu sein.

– Che Chidi Chukwumerije.

GEDANKENLESEN

Weißt Du, wie das ist
Wenn Du jemandes Gedanken spürst
Wie sie Dich beobachten mit List
In dem Glauben, Du schürst
Keinen Verdacht?

Die besten Schauspieler kommen am Weitesten
Sie sind aber auch zu durchschauen am Leichtesten
Nennen wir sie die verzweifeltsten
Streber nach Macht.

In Vino Veritas, und doch nicht die Weinkunde
Hilft Dir die Menschen lesen in jeder Runde
Sondern eine Menschenkenntnis, die dumm lacht.

– Che Chidi Chukwumerije

VERKEHR

Die Biene, die von Blume zu Blume
Fliegt, nimmt jede Blume mit sich
Bald ist der Wald mit sich verbunden
Ihr Summen singt ein Freudenlied

Jedes einst besuchte Land
Haftet sich dem Flugzeug ewig an
Der Mensch ist ein Strahl
Formgeworden im All

Überall wo ich einmal war
Laß ich ein Teil von mir zurück
Ersetzte es in mir mit einem Stück
Fremden Wesens, fremden Leidens, fremden Glücks

Wo liegt noch die Grenze zwischen Ich und Wir?
Ferner und näher?
Wie definiert man das Wort „Ihr“?
Es führt irgendwann alles zurück zu mir.

– Che Chidi Chukwumerije.

WICHTIGER SEIN

Ich schätze Dich, weil
Du ein Mensch bist, Teil
der Gattung unserer – doch ein Keil
schiebt sich zwischen uns und unser Heil
und das ist das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

Mein herz klopft, und zwar
für zwei – mich und die Welt; es war
einmal die Kindlichkeit – doch ein paar
Eitelkeiten und schon ist das Wasser unklar –
Bald herrscht das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

Versucht doch mal die Ichsucht
zu umarmen. Unmöglich; sie ist verflucht.
Kurze Arme nur für sich, beschwörend Zucht
und Ordnung mit einer Wucht, die riecht verrucht
und abstoßend: das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

– Che Chidi Chukwumerije.

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.