VIELFALT

Die Vorhänge zwischen den Emotionen
fallen wie gefaltete Farben, wenn sie zögernd
ihre gebrochene Farbtonleiter sich herunter tasten,
die eine Farbe suchend, die nicht existiert.

Es gibt zu viele Zwischenlieder –
Mitglieder der menschlichen Familie –
Wo höre ich auf? Wo beginnst Du?
Unser Vielfalt, wie ein Überraschungsei,
zaubert tägliche neue Farben ans Licht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RAUM ZUM EMPFINDEN

Distanz ist die Illusion von Distanz
Nähe ist die Illusion von Nähe
Jede Beziehung ist subtil wie ein Tanz

Freundschaft. Blutsverwandtschaft. Ehe.
Mensch, Volk oder Staat als letzte Instanz.
Was ich sehe, ist nicht, was ich sähe.

Irgendwie reimt es anscheinend nie ganz;
Irgendwo doch, wenn tanzend ich mich umdrehe –
Dort, an der Grenze der Toleranz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN ÜBERALL

In Asien suchte ich Asiaten
In Arabien suchte ich Araber
In Europa suchte ich Europäer
In Amerika suchte ich Amerikaner
Und selbst in Afrika suchte ich Afrikaner

Und war beinahe irritiert
verwirrt
frustriert
Denn überall fand ich nur
Menschen.

Menschen Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS GEFÄRBT

Deine Farbe
entzieht sich meiner Fähigkeit,
Farbe Farbe einordnen zu können
denn Du bist nicht braun
und Du bist nicht schwarz
Du bist nicht beige
nicht grau, nicht grün
nicht dunkel, nicht hell
Du bist das, was ich ahne
bevor ich überhaupt an Farbe denke –
Und sobald ich anfange, an Farbe zu denken
verschwindest Du wieder.
Was bist Du?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHATTEN UNSERER SELBST

Wir gingen wie
zwei verlorene Schatten
ohne Körper
einen Waldweg entlang
auf der Suche nach dem Licht
das uns auswarf.

Doch als wir das Licht fanden
verstanden wir immer noch nicht
warum wir Schatten waren
oder wo wir her kamen
denn ein Schatten ohne Körper
begreift sich selbst nie

Manche behaupten, Gott zu suchen
Wenn sie ihn finde
wissen sie nicht, wie sie ihm dienen sollen
denn sie kennen sich selbst nicht.
Wir sind alle Schatten
unserer Selbst.

Wie kann ich mich Dir geben
wenn ich mich nicht kenne?
Ich gebe Dir nur einen Schatten
meiner Selbst
und Du merkst nicht, daß Du mich
immer noch nicht kennen gelernt hast.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERNSTE GESICHTER

Morgen gehe ich hinein in die Welt –
Jedem, dem ich begegne,
schulde ich ein Lächeln. Ihr werdet
es aber nicht auf meinem Gesicht sehen
denn ich habe gelernt: niemals
bin ich nackter
und ungeschützter
als in dem Moment, an dem
ich Dir das immerwährende Lächeln zeige,
das sich hinter meiner Maske verbirgt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFPUNKT DER NATION

Irgendwo müssen wir uns doch treffen

Wenn nicht in der Musik, dann
in der Sprache
Wenn nicht in der Wirtschaft, dann
im Sport
Wenn nicht in der Kultur, dann
in der Geselligkeit
Wenn nicht in der Geschichte, dann
in unserer Hoffnung
Wenn nicht in Schmerz und Freude, dann
in Neugier und Sympathie
und Solidarität
Wenn nicht in der Vergangenheit,
oder in der Gegenwart, dann
in der Zukunft

Irgendwo müssen wir uns doch treffen
als Nation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LETZTE CHANCE

Ich habe nie geglaubt
der Mensch lebt nur einmal –
doch was wenn das mein letztes Mal ist?

Mein letztes Mal, die Sonne zu sehen
Mein letztes Mal, Gedichte zu schreiben
Mein letztes Mal, Euch zu begegnen

Fast haben wir uns gestern gegrüßt
In der Bahn unsere Augen begegneten sich
kurz, und schauten wieder weg.

Wir bereuten es gestern.
Wir bereuen es heute.
Und wir werden es morgen noch bereuen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung