WIDERSPRÜCHE

So oft wir abheben und wieder
auf den Boden der Tatsachen landen
So oft wir tags Gedanken verlieren
deren Fäden wir nachts fanden
So oft wir in der Gegenwart anfingen
und in der Vergangenheit doch stranden
weil heute uns die Widersprüche trennen
die uns gestern verbanden..
So oft warst du mein Freudenhaus
denn ich ging pausenlos ein und aus
und nie habe ich dich verstanden
Doch tausendmal in dich gehen
und tausendfach dich nicht verstehen
war Durst alles, was wir empfanden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KÄLTE UND WÄRME

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der sich die Wärme zurück zieht
tief ins Herz von Mensch und Natur.

Jeder Obdachlose, den man sieht
zitternd da draussen, ist ein Mensch
der in Schwierigkeiten geriet.

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der der Mensch die Wärme bezieht
einzig und allein aus der Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCHBLICK

Wenn Du auf alles verzichten musst
um Raum zum Verdichten einem zu lassen;
Du dabei anscheinend viel verpassen musst,
was manche gutmeinend Dir bedauern –

Wie schnell wächst dann Dein Tiefblick
in die Herzen aller, die Dich lieben
wie Ohren ein Geheimnis lieben,
voyeuristisch, solidarisch, lauernd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS SCHWEIGEN DER OPFER

Manchmal fehlen Dir die Worte,
um etwas nicht gutes zu benennen;
weil der Ausdruck „nicht gut“
so viele Bedeutungen hat,
daß es schwer ist, mit diesen Worten
fest zu nageln eine ungute Tat –
obwohl sie die einzigen sind.
Ungenügend, doch alles sagend.
Alles verschweigend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAMKEIT

Wenn wir uns nah genug kommen
erkennen wir
wie weit entfernt von einander wir sind

Wenn wir uns weit genug von einander entfernen
erkennen wir
wie nah wir einander sind

Wir müssen uns nur von der richtigen Person entfernen
und der richtigen Person annähern
um zu erkennen, was falsch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEISTER

Geister,
habe ich in Erfahrung gebracht,
sind einsame Menschen,
stecken und gefangen geblieben
jenseits unserer Gemeinsamkeit.

Wie einsam muß es sein
mitten unter Menschen zu leben,
und sie sehen Dich nicht
und sie hören Dich nicht
und sie fühlen Dich nicht…

Ist es nicht besser,
weiter zu gehen?
Ist es nicht manchmal besser,
Dich einfach zu lösen
und Deinen Weg weiter zu gehen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SIE-FREUNDE

Das einzige, was sie verbindet, ist Distanz.
Nähe erweckt in ihren Herzen
eine unerklärliche Resistanz.
Mit wachsender Intimität schwindet
die gegenseitiger Akzeptanz.
Ihre Freundschaft braucht Raum
um zu entfalten
und zu halten
und walten zu lassen
ihre vollständige Substanz.
Das war, das ist, das bleibt ihr ewiger,
rätselhafter, gemeinsamer und schöner Tanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIE BRAUCHT KEIN BLUT

Ist Blut Familie?
Ich suchte überall in meinem Erbgut,
vergebens,
denn es fehlte mir trotzdem
ein Teil von mir,
der mit mir nicht verwandt ist.
Er hat fremden Hut an.
Unter allen Menschen gibt es keinen,
der mir mehr zugewandt ist
als meine geistige Gleichart
in fremder Gestalt, als wäre Familie
erst dann wirklich Familie,
wenn sie außerhalb vom Blut liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGESSEN

Wie oft muss ich schon gestorben sein,
daß ich Deinen Namen vergessen konnte,
die Du einst meine Sehnsucht gewesen warst,
als ich in Deiner Sehnsucht mich sonnte?

Mehrere Menschen liegen zwischen mir und Dir,
mehrere Leben, mehrere Gräber – und jedes verblich;
Mehrere Geschichten, Entfernungsschichten…
Und jedes davon war auch Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ZWEI WELTEN

Ich sah keine Slay Queens
Traf auf keine Influencer
Gewann keine Follower
Fand auch keinen mit tausend Followern
Wurde von keinem Clickbait abgelenkt
Blieb rätselnd vor keinem Avatar stehen
Begegnete keinen viralen Memes oder
Überirdisch schön retuschierten Menschen
Wurde von keinen Trollen beschattet

Alle sahen sie irgendwie so normal aus
Ich brauchte keine Likes
als ich die Straße runterlief zum Lokalbahnhof
hier in dieser anderen, alten, ersten Welt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung