ZWEITER SCHNEEVERSUCH

Ein bißchen Schnee
Wie aus Versehen ausgerutscht
Von himmlischer Hand
Und den langen luftigen Weg bis zur Erde
Herunter geirrt, schwebend
Winzige einzelne Schneeflösklein
In der Luft jedes für sich allein
Den eigenen Weg suchend, bahnend
Bis sie alle die Erde berühren
Und dort einander wiedertreffen
Zum ersten Mal
Seit dem sie ihre Heimat verließen
Und zum letzten Mal bevor sie verschmelzen…

Ein schöner leiser Vormittag
Besänftigt und geweicht vom
Zweiten Schneeversuch des Jahres Ende
Eingeweiht mit Weihrauchkörnchen
Die das Bild der vorbeifließenden Autos verlangsamen
Und deren Murmeln nach und nach dämpfen
Still muß es langsam werden
Denn die Heilige Nacht kehrt bald zurück.

In der Stadt und auf dem Lande
Im Berge und Dorf, im Büro und Zuhause
Im Auto und Zug und Flugzeug
Und im einsamen Boot bei der letzten Segelfahrt
In mir und in Dir
Im Wald und drüben im Park
Überall, wo es Mensch und Tier gibt
Heben alle die Augen kurz hoch
Und reden lautlos mit dem zweiten Schnee –
Ob er liegen bleiben wird,
Im Gegensatz zum Ersten, Vergessenen, Verschwundenen
Von Vorvorgestern…

Still sollte es ja langsam werden
Denn die Heilige Nacht ist bald mit uns.

– Che Chidi Chukwumerije

Advertisements

ERTRAG

Ein gesprochenes Wort
Soll wie eine reife Frucht sein
Die fallen muß –

Ansonsten
Halte es noch eine Weile zurück
Und warte, wie es Bäume tun.

Durch Sturm und Wind
Zu Boden gerissenen, unreifen Früchten
Trauern wir immer nach

Selten
Geben sie auch einen Samen frei
Der keimen wird. Keimen kann.

Schwer wiegen
Leicht wiegen
Gesagt ist gesagt.

Schweigen ertragen
Alles Saat hat seine gute Zeit
Zum Ertragbringen.

Ohne Winter
Kein Frühling, kein Sommer
Ohne harren, kein Herbst.

– Che Chidi Chukwumerije.

MÄRZ

Der Wald ist wild mit nackten Bäumen,
Finger, Hände tausendmal
Der Schnee ist weg, ein Raum voller Träumen
Macht seinen weg zurück ins Tal.
Et al, et al.

Zwischen Raum und Raum liegt kurze Zeit
Liegt Bitterkeit, liegt Tapferkeit
Und starkes Öffnen, und Mühe
Und Ruhe – – – und nun, blühe…

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHWANGER (SEHNSUCHT NACH FRÜHLING)

Du hast deine Gefühle
Neulich bei mir geliefert
Her ein fuhr, wie ein Frachter

Ein Blick von Dir – Ich
Freue mich über die Sonne
Heutzutage. Die Sonne

Im Walde. Die nackten Zweige sind
Schwanger mit ungeborenen Blättern
Frühling. Zitternd vor Freude

Lass mich ’raus
Wackelnder Schwanz
Nach oben schaut ein Hund

Er sucht einen Bund
Sein Wunsch ist gesund
Lass mich ’raus

– Che Chidi Chukwumerije

WENDE

Der Wind weht wieder
Der sich so lange gelegt
Eine Feder fühlt sich neu bewegt
Ein Blatt, ein Herz voller Lieder

Unruhig und kurz war der Winterschlaf
Kein Schnee, kein Schweigen
Sehr wach, sehr eigen
Ein Schiff halb geankert am Haf’

Nur diese eine Nacht
Letztes Wochenende
Ein paar Schneeflocken haben gebracht
Die ganze Weltenwende.

– Che Chidi Chukwumerije.