PAUSEN ZWISCHEN DEN WINTERN

Wie zerbrechlich die Schneeflocke
doch fragiler der Mensch.
Jedes Jahr erscheint die Schneeflocke
wieder; eines Tages ertönt dem Menschen
zum allerletzten Mal der Zeit Glocke.

Der Winter wird wieder kommen, oh Mensch;
dein Zeitalter ist kurz. Genieß es. Frohlocke.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OSAKA

Asien! Ich schmecke Dich
wie Blut in meinem Herzen
Rieche Dich wie eine Erinnerung
an heimatlich duftende Kerzen
als Du mich grüßtest im Winter
mit Frühlingsgeburtsschmerzen
denn Kirschblüten im Februar
sind diese hohen feinen Scherzen
mit denen Japan sich verewigt
in unseren reinkarnierenden Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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HERR…

Ich danke Dir
Für ein volles Jahr
Das schnell ging und langsam
Gleichsam

Für jede als Gedicht
Getarnte Einsicht
In der Weisheit und der Liebe
Getriebe

Für das Reifen
In meinem Begreifen
Für die Gabe
Einer neuen Aufgabe
Immer wieder
Immer und immer wieder

Für das alte und das neue Jahr
Für das Begegnen und Beseitigen jeder Gefahr
Für Deine Güte, Herr, und Deine Treue
Und Vergebung, nach allem, was ich bereue
Für den Ruf der Ewigkeit
In aller Ewigkeit, in aller Ewigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2020: Das 2. Jahr im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEIHNACHTEN

Stille Nacht, heilige Nacht –
Nach dem ich heute Nacht
Geschenke meinen Lieben verschenkt
Und meine selbst ausgepackt habe,
Werden meine Gedanken nun gelenkt
Endlich zu der eigentlichen Gabe?
Der göttlichen Weihe der Nacht.

In der Finsternis scheint das Licht
Das Finsternis begreift es immer noch nicht.
Wann werden wir endlich das Gotteswort
Als liebevolles Licht begreifen?
Es erhellt unseren innersten dunklen Hort
Damit wir als wahre Menschen reifen.
Für was anderes kam das Licht nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LICHTLEIN

Abend – Ein Vogel, wie ein Gedicht
Zieht weit oben am Himmel vorbei
Ich fliege eine Zeitlang und sachte mit
Wie eine Erinnerung tief in Dich hinein.

Dieses Jahr kommt nimmer wieder
Dieser Abend und dieser Moment
Doch dieses Gedicht hält ewig nieder
Den letzten, schönsten, vierten Advent.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

WINTERDÄMMERUNG

Wie viele Schreie stehen heute Morgen auf
Ohne Stimme?
Die werden treffen keine Ohren.

Wie viele Tränen wachen heute morgen auf
Ohne Augen?
Sie werden treffen keine Blicke.

Wie viele Herzen gehen heute Morgen auf
Ohne Körper?
Sie liegen leblos am Existenzrand.

Der Winter schleicht erneut
Durch unsere Lebensadern wie blinde Wut
Wie Bindeglut. Wie böses Blut.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER LETZTE VOLLMOND DES JAHRES

Alles kommt heute Nacht zusammen
Alle Seiten des Mondes
Deutsch und undeutsch klingende Namen
Alle Gesichter des Bundes
Dem Haß zum Trotz wird der Liebe Licht
Ausgeschenkt in die Runde
Wir gehen mit Mut und mit Zuversicht
Hinein in des Jahres Ende
Und schaffen zusammen die Wende.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE WAHREN GEFÜHLE DER MASKEN

Und da ist er. Endlich. Der
Morgenkristallnebel. Ein roter Fleck.
Die letzten goldenen Blättertropfen
Die völlig entkleideten Baumkronen

Der braunblättrige Außenteppich
Das vielsagende Stillschweigen
Himmel, wo ist die Hälfte Deiner Vögel?
Warum zögert Deine einfühlsame Sonne?

Die müde gewordenen Decken
Die nackten Augen. Die reifen Wünsche
Vorwände ohne Vorhänge…
Alle zeigen sich, wie sie wirklich sind

Der Herbst,
Der Herbst,
Der Herbst
Ist da.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung