DAS NÄCHSTE OPFER

Das Herz ist Natur
Immer am Sterben und immer am Sich-Entfalten
Ist eine Blume
Immer am Sich-Umblättern
Ist ein Universum
Immer am Explodieren und am Abkühlen
Ist eine Schlange
Immer am Winden
Am Häuten
Am Lauern
Voller tödlichem Gift und heilender Kraft
Und immer bereit, das nächste Opfer hungrig zu verschlucken.

– Che Chidi Chukwumerije.

Himmel!

Ein Zug klopft in meinem Kopf
Mein Herz schlägt
Stark

Meine Augen öffnen sich kurz
schließen sich wieder
Ich bin allein.

Die Angst lähmt mich
Sorge verwirrt meine Gedanken
Die Hoffnung umarmt mich zart, ich bin inruhig
Wolken, grau, schweben über mir
ich sehe den Himmel nicht mehr.

Hebe den Fuß, Mensch, und schreite fort!
Ich höre die Stimme klar, zwar
doch ich habe Angst.

Wo ist der Himmel?

Stimme wieder, Stimme wieder:
Mußt du wirklich den Himmel sehen
um dich daran zu erinnern, daß er
da ist? Er ist immer da.

– Che Chidi Chukwumerije.

DIE ANGST

Wenn du zu schnell gehst
dann stürzest du…
Wenn du zu langsam gehst
dann kommst du zu spät an…
Wenn du zu froh bist
dann denkst du nicht klar…
Wenn du zu ernst bist
dann bekommst du keine Freunde…
Wenn du alleine bist
dann denkt man, daß du komisch bist…
Wenn du mit der Menge gehst
dann verlierst du deine Eigenpersönlichkeit …
Vorsicht… Vorsicht…
Du willst doch nur das Richtige tun…,
Lacht die Angst.

– Che Chidi Chukwumerije.

DAS KOMISCHE

Das Komische
ist, daß ich es nie erkenne
bis es vollbracht ist
immer

sondern glaube stete
noch beim Letzten zu sein
das allerdings schon längst vorbei ist
lautlos

Mich traf kurz vorher ein Blitz
Eine Erkenntnis –
Ich wollte aber als erstes mir den Titel besinnen
Aber bis mir der eindämmerte
war wieder weggeflogen bereits das Gedicht.

Das Komische
ist, daß ich es nie erkenne
bis es vollbracht ist… und heim geflogen –
Immer.

– Che Chidi Chukwumerije

ANNELIESE 1927-2014

Sie war knapp 87 Jahre alt
Da lag sie, an dünnen Schläuchen verkoppelt
Aber ihre Augen sprachen mit mir
Wir wussten beide, es war das letzte Mal
Diesseits.

Ihre Enkelin, meine Frau, streichelte ihre Stirn
Ihre alte, verdorrte Hand…
Ihr Sohn, Onkel meiner Frau, scherzte mit ihr
Tapfer lächelte sie schwach, sanft…
Ich dachte nach.

Vor zwei Monaten saßen wir noch an ihrem Küchentisch
In Kleinheppach – sie, ich und meine Frau
Sprachen über Gott und die Welt.
„Soll ich dir etwas aus der Bibel vorlesen?“
Fragte ich sie jetzt. Neben dem Bettfuß lag eine.

Jetzt schmunzelte sie zart, flüsterte schwäbisch:
„Was willsch mer denn vorläse?“
Ich schlug auf, suchte kurz, fing an:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“
Und sie fing an,… zu weinen.

Ihre alte Zimmernachbarin fühlte sich gestört
Sie war noch nicht so weit –
Anneliese wollte nicht, daß wir gehen
Aber es wurde spät, sie müde – Und ich drehte mich ein letztes
Mal zu ihr, verabschiedete mich mit unserem üblichen Gruß:

Auf Wiedersehen.“

– Che Chidi Chukwumerije
Anneliese Yvonne 1

SCHLUSSSTRICH

Zu lang bin ich nicht mehr geflogen
Zu lang habe ich nachgedacht
Zu lang habt Ihr mich gewürgt
Tausendgedanken klein…

Zu lang habt Ihr mich betrogen
Zu lang stahlt Ihr mir die Nacht
Und habt mich mit Unsicherheit eingemauert
Tausendgedanken klein…

Das ist wirklich Scheiße
Schmeiß es ins Klo
Und laß wegspülen…
Tausendgedanken klein.

– Che Chidi Chukwumerije.