AUSSERHALB

Ich habe schon drei gelesen,
Drei geöffnet, bin schon drei gewesen –
Drei Bücher, drei Schatztücher,
Drei Besucher –
Und habe getrieben, immer, Wucher
Denn alles mir Abverlangte
Erbeutete ich stets mehrfach zurück
Wenn ich beiße, nehme ich ein gutes Stück
Dessen, nach dem ich verlangte
Denn ich liebe über alles die Liebe
Und ich suche vor allem die Sehnsucht
Und ich fürchte keineswegs die Herzdiebe
Es versetzt mich nichts in die Flucht –
Alles kann ich verlieren
Ich werde es mehrfach zurück gewinnen.
Doch ich würde sofort erfrieren
Gäbe es Dich nicht mehr in mir hier drinnen.

Jeden Tag brauch ich Dich
Jeden Augenblick, denn Du bist anders –
Teil von mir, unentbehrlich,
Dich gibt es nirgend wo anders.

– Che Chidi Chukwumerije

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DILEMMA

Egal wo man anfängt
Egal wie
Egal wo man seine Träume aufhängt
Schmerzen sie
Denn alles Unerfüllte jagt uns für immer,
Unausweichbar, ein geistiges Dilemma.

Politik und Wirtschaft
Arbeit und Wissenschaft
Liebe und Freundschaft
Schwäche und Feindseligkeit –
Wir suchen und suchen, aber nach was?
Der Gral ruft ewig ohne Unterlaß
Selbst die Kunst stillt es nimmer
Stets stört es uns, das geistige Dilemma.

Träger einer Dauersehnsucht
Nachts brennt sie heller –
Nur nachts kann Cinderella
Das finden, was sie sucht –
Ohne Sträuben, gib Dich hin
Fließe mit, egal wohin
Das ist Deines Lebens Sinn
Denn Du steckst schon drin.

– Che Chidi Chukwumerije

DES LEBENS GEDICHT

Alles, aber auch nur alles
Alles, was Du Dir nur vorstellen kannst –
Alles, aber wirklich alles
Alles, was Du weißt und denkst und ahnst
Und denkst, daß Du kannst,
Unscheinbares und Monumentales
Alles, was Dir je einfallen könnte,
In tausend Jahren noch einfallen wird,
Auf Deinen Wissensberg sich noch thrönte,
Mit neuen Erkenntnissen Dich krönte,
Alles, was Dir Weisheit beschert
Und Dich Neues immer wieder aufs Neue belehrt,
Alles, was Du Dir gönntest und mehr
Alles, was Du einst hattest und findest aber nimmermehr
Jede Grenze, jeder Gipfel, jeder Endpunkt
Jeder Traum, der schimmert und prunkt
Und näher rückt, ewig näher und näher,
Jede ewige Idee, die noch funkt,
Alles Streben und alles Erreichen
Und alles Ankommen und weiter hoffen –
Entrungenes aller ent-inkarnierten Leichen
Und deren Zeiten, einst; alle Möglichkeiten noch offen,
Alles kann und wird übertroffen.

Der Du heute bist
Wirst Du nimmer wieder werden
Auf dieser reisenden Erden –
Kurz ist die große Frist
Denn es gibt immer Höheres im Lebensgetriebe
Übertroffen wird alles, nur eines nicht
Und das ist die einfache wahre Liebe,
Des Lebens ewiges Gedicht.

– Che Chidi Chukwumerije.

DIE GRENZE

An der Grenze wurde ich selten kontrolliert
Doch von den Augen und durch das Verhalten vieler
Werde ich täglich kontrolliert..

An der Grenze wurde ich nie zurück gewiesen
Doch durch die Blicke, die Worte und das Verhalten vieler
Werde ich täglich zurück gewiesen..

Aus dem Land wurde ich nie ausgeschlossen
Doch in dem System werden mir die Grenzen gesetzt.

Die Außengrenzen sind mitunter Schauplatz innenpolitischer Machtkämpfe –
Die wahre Grenze verläuft innerlich und unsichtbar –
Korrigierung: sie verläuft sichtbar.

Viele, die sich längst integriert haben
Oder sogar bereits integriert geboren wurden
Stehen noch an der Grenze und werden nicht hinein gelassen
Denn das Herz ist die einzig wahre Grenze.

Deutsch, das habe ich innerlich erlebt und begriffen, ist eine Art. Je nach freiem Willen artet es sich jedoch unterschiedlich aus. Daraus bilden sich zwei Gruppen: Die eine spürt den Deutschen in mir; die andere wird – so bald sie kann – auf allen Ebenen mich ausgrenzen.

Dennoch bleibe ich deutsch – auch wenn ich Afrikaner, Nigerianer, Igbo, im Ausland geboren bin, und unter anderem engagiert für die Entwicklung, den Frieden und die Verbesserung jenes angeblich so fremden Erdteils arbeite. Denn deutsch sein ist was anderes – ist anders sein. Ist eigen sein. Ist deutsch sein eben. Entweder bist Du es oder Du bist es nicht. Aber deutsch sein ohne Mensch sein – das geht nicht. Das geht nicht mehr. Auch das ist deutsch sein – danach strebten die Gründer unseres Geistes. Für dessen Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung tragen wir alle Verantwortung.

Mich kann niemand ausgrenzen; ich bin einer unter uns und ruhe in mir – und werde daran zugrunde gehen, ich weiß. Denn ich schwarz. Und das obwohl ich deutsch. Komisch.

Aber es macht nichts, denn in unzähligen Herzen bin ich für immer Zuhause. Ich, Mensch.

– Che Chidi Chukwumerije

UNEINIG

Wer hat die Tür
Geöffnet? Dafür
Muß er hinaus –
Es ist ein müdes Haus.

Der Stuhl kniet
Unter dem Tisch, beriet
Sich unsichtbar
Mit niemandem offenbar
Gefangen ist der Tisch fest
Denn die Stühle knieen zu sechst:
Eigentlich.

Wer sieht denn alles?
Ignoranz des x-ten Males
Würgt. Langsam atmen
Es ist meistens nur raten
Wenig wissen
Das Weltenhaus ist zerrissen
Eigentlich.

Dieses Gedicht
Endet deshalb heute nicht.

– Che Chidi Chukwumerije.

FLÜCHTIGE EMPFINDUNGEN

Früh am morgen
Während sich nächtliche Besucher
Wie Fangnetz vom Traum
Auf dem Heimweg machen
Der Baum reckt sich, schüttelt
Den Kopf, atmet ein und aus den Wind
Wer bist Du, Bewegung tausend Gedanken
Rollend schweigsam ins Licht
Das mir aufdämmern möchte?

Es ist ein Fehler, den ich
Oft wiederhole. Ich drehte mich
Um, um nach zu sehen
Und verlor den Faden.
Kluge Köpfe werden mir nun
Den ganzen Tag über Ersatzgedanken
Großzügig und ungebeten liefern
Aber weise Menschen werden mit mir schweigen
Und den Schatz in unserem Geist aufbewahren.

– Che Chidi Chukwumerije.

DIE LICHTSEHNSUCHT

Der Erdenkörper ist ein Betäubungsmittel
Wir sind blind und taub
Und zum Teil auch gelähmt

Das weitaus größere Teil von dem
Was es wahrzunehmen gibt
Bemerken wir nicht

Wir sehen es nicht, hören es nicht, fühlen es nicht
Wohl weil wir fleischlich eingemummt sind

Allein die Lichtsehnsucht kann uns befreien
Von aller Stofflichkeit.

– Che Chidi Chukwumerije.

ECKEN UND KANTEN

Lebe ich unter den Toten oder
Sterbe ich unter den Lebenden?
Ein Teil von mir lebt und
Es soll auch leben

Ein Teil von mir stirbt
Und er soll auch sterben

Fremd sein ist Fluch und Segen
Anders sein ist sich selbst sein
Freude gibt es allein im Widerstand

Ohne Widerstand kein Wechselstrom
Keine wahre Verbindung
Keine Ehrlichkeit

Nur Heuchelei
Und Rollenspiele
Und Traurigkeit.

– Che Chidi Chukwumerije.