GLEICHMUT

Der Tag war schwer und leicht

Eine alte Dame schleppte ihren Rollkoffer
langsam über die Zebrastreifen
in ihren Gedanken versunken

Sie strahlte eine leicht amüsierte Stärke aus

Das Leben hat ihr beigebracht
daß sie das Gewicht des Lebens
tragen und ertragen kann
komme was mag

Der Verkehr blieb ungeduldig stehen
bis sie langsam und gelassen
die Straße überquert hatte

Der Tag war schwer und leicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN TAG WIE TAUSEND JAHRE

Wie groß
umfangreich und
geräumig der Tag ist
jeder Tag
jeden Tag
habe ich entdeckt
seit dem ich täglich innerhalb
der weiten Grenzen und
vielen und verschiedenartigen
Räumen und
unzähligen Schichten
dieses Reichs „Tag“
jeweils ein neues Gedicht suche
und finde.

Das richtig Verblüffende
Umhauende
Demütigmachende
ist nicht, was ich finde
oder daß ich täglich finde…
sondern die Fülle dessen, was
mir täglich angeboten wird
und die Menge an Wertvollem,
das ich täglich liegen lasse
unaufgenommen
unverinnerlicht
unverarbeitet
weil ich noch nicht offen und
stark und rege genug bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITERDENKEN

Denk an einen Vogel
der lange alleine fliegt
und da fliegen denken ist
denk an einen Vogel
der lange alleine denkt

Sein Herz war seine Navigation.

Und so flogen wir von Frankfurt nach London
und kamen immer noch nicht an
Die Maschine rollte zur Parkposition
und wir flogen noch in der Luft
und steigen nimmer aus

denn unser Herz ist unsere Navigation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KRISTALLENGEISTER

Die Welt ist voller Schatten
einfach nur weil
wir keine Kristallen sind

Noch nicht.

Das Zeitalter wird kommen
da werden Menschen
vom Licht getroffen
nicht Schatten werfen
sondern Farben

die allerschönsten Farben
des Lichtes

Lichtdurchlässigkeit
Freude zu lassen
Wissen teilen
Liebe weiter- und zurückgeben

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE MACHT DER FREMDENFEINDLICHKEIT

Wenn alle glauben
es liegt eine verborgene
ihnen überlegene Macht
im Schatten
dann stellen sie sich auf die Seite
des Schattens

Dadurch gewinnt dann erst
der Schatten Anhänger
Soldaten, Befürworter, Aufwind
und Stärke – was er alles vorher
nicht hatte

Die Macht des Schattens
ist die Macht der Illusion –
Bleibe Du im Licht
denn im Schatten ist nichts

Einer im Licht
ist stärker
als hundert im Schatten.

Che Chidi Chukwumerije (11.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEUE WINDE, ALTE FAHNEN

Wir liegen wach seit einem Tag
und einer Nacht und halten Wacht
nach dem Orkan, der kam und kam
und kam noch nicht. Die alten Gefühle
sitzen noch fest in der Windstille
auf der Landschaft mitten im Gewühle
unserer äußerlich gemäßigten Gesellschaft.
Nur einer ist unruhig: der alte Wille
zur Erneuerung ohne Veränderung.
Doch wie kann unsere Gemeinsamkeit
neu werden, wenn die alten Sitten
und Ansichten noch mitten im Herzen
der Bevölkerung sturmreif und tief sitzen?
Auch neue Fahnen wehen im alten Winde
und in den neu kommenden die Alten.
Auf lebe neu der alte Widerstand.

Che Chidi Chukwumerije (10.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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ZEITGEISTER

M: Wir reden übermorgen

H: Was wollen wir über morgen reden? Laß uns doch lieber über heute reden?

G: Ne, laß uns über gestern reden. Dann wissen wir Bescheid über heute und morgen. Denn vor gestern gab es keine Geschichte. Alles fing immer gestern an.

M: Alles gut. Doch laß uns das erst übermorgen machen. Denn heute will ich erst über morgen reden.

H: … und morgen erst über heute?

M: Ja!

G: Aber das wäre dann gestern… endlich!

H (*kopfschüttelnd): Was soll ich täglich mit diesen Selbstgesprächen? Gestern und Morgen gibt es nicht. Eines gab es, eines wird es geben. Täglich. Heute bin ich ein Einzelkind. Wie immer.

SCHWEIGEN.

Che Chidi Chukwumerije (08.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung