SELBSTFREMDGESPRÄCHE

Bevor Du eine Fremdsprache lernst
halte inne und schau ein letztes Mal zurück
auf Dein altes Selbst
– denn nichts ist so lebendig
und so unwiderstehlich als die Macht einer Sprache
Dich unumkehrbar zu verändern –

Bevor Du anfängst, in einer Fremdsprache zu denken,
halte inne und schau ein letztes Mal
auf Deine alten Gedanken
– denn irgendwann ist die neue Sprache nicht mehr fremd
und Du wirst Dein altes Selbst nicht mehr kennen.

Bevor Du anfängst, mit den Worten einer Fremdsprache
Dein Innenleben auszuschreiben,
schreib es zuerst in Deiner jetzigen Sprache nieder –
denn die Fremdsprache wird Fremdes in Dir wecken
und Du wirst es nicht merken
denn die dazugehörige Sprache ist nun auch Deine geworden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKERE DICHTUNG

Dein innerer Fluss
Er muss er muss
fließen …

Meine Finger
in Deiner Wunde
richten Deinen Widerstand
zugrunde

Krass, wie nass das Gras wird
Der Regen, dagegen, wird verrückt
Kontrollverlust, befreit von Frust
Dichtung in jeder Richtung erlöst sich
Zum inneren Fluss, der fließen muss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STIMMEN AUS SCHWEIGEN

Videokonferenz. Stimmen.
Ich höre mich nicht.
Ich höre nur mein Schweigen, reichhaltig,
genau so laut.

Als die Konferenz plötzlich vorbei ist
und die Stimmen weg sind,
höre ich auf einmal meine Gedanken wieder
und mein Schweigen nicht mehr.

In den Stimmen
höre ich mein Schweigen.
In meinem Schweigen
höre ich die Stimmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS UNGESCHRIEBENE SCHWINDET WIEDER

Seit zwölf Stunden versuche ich
mich an den Gedanken von gestern Abend
zu erinnern…

Ich habe eine Demo vorbereitet
Ich habe marschiert
Ich habe mich ausgeruht und
Komputerspiele gespielt

Ich bin nun wieder in meinen Kopf eingekehrt
aufgeregt und voller Hoffnung
um die Ecke in mein Gedächtnis hineingeblickt

Doch immer noch fehlt er,
ganz, wie ein Geist –
der schöne tiefe Gedanke von gestern Abend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHÄLEN

Im siebten Jahr ihrer Beziehung
War es plötzlich Herbst
Die Gedanken änderten ihre Farben
Die Empfindungen wurden tief, herb, ernst
Die Gefühle, sie fielen langsam zu Boden
Wie die müden Blätter zerlesener Oden.

Abgegriffen der einstige Glücksgriff
Ein Ozean ist zu groß für ein Schiff
Nein, ein Ozean ist nicht groß genug
Für die pochende Sehnsucht…
November nahte sich, sie wurden nackt
Suchten zum ersten Mal zueinander Kontakt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENFLÜSSE

Azurwiesen
Smaragdhimmel
Immermeere
Gedankenflüsse
Wiedergeburtstage
Erinnerungsbrisen

„Ist alles gut bei Dir?“
„Ja, ich warte auf
den Schluß – und
Abschluß – und
Verschluß – und
Entschluß… des Gedichtes.“

Aber vielleicht war das schon –
Wie das Ende einer Beziehung
Das Absterben einer Freundschaft
Das nächste Kapitel in Deinem Leben –
Schon längst da
Nur weißt Du es noch nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOSE UND DICHT

Wie oft hockte ich schon und horchte
Nicht wissend auf wessen Stimme ich wartete
Meines Inneren oder der Mitternacht?
Als sie kam, verstummte ich, denn es war die Stimme
Der Dichtung, die besucht wen wann wie sie will
Jedes Mal auf einem anderen Maultier reitend
Die Empfindung von Entferntsein begleitend
Nähe zum Nächsten verbreitend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung