AUS SPRACHE WIRD LEBEN

Die Schönheit der Sprache
Ein in Worten unfassbarer Lichtblick
Aus einem Augenpaar ausgeschickt
Wie der erster Tag hell und schön ausbrach
Einst beim Es Werde Licht

Und es ward eine schöne Sprache
Denn Gott war in seinem Wort am Anfange
Schmetterlingsfarben entfalten Klang
Und Freude und noch mehr Freude danach
Nach dem Es Werde Sicht

Denn wir sprechen mit Augen
Und sehen mit Worten der Sprache
Die Schönheit bei gütigem Lachen
Wozu gute Worte wirklich taugen
Nämlich: Es Werde Gedicht.

Und die Schönheit der Sprache
Liegt im Nebenklang und im Nachhall
Und in den Pausen neben leerem Schall
In Verantwortung, weil Worte machen.
Und Es Werde Gericht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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DIE DICHTUNG IST MEINE STIMME

Heute bin ich hart
Wie Stein –
Es geht nichts raus
Es kommt nichts rein
Heute bin ich hart
Wie Stein –

Ich brauche jemanden
Der mich trifft
Und mich bricht
Ich brauche jemanden
Der mich zerbricht –

Denn der harte Mensch
Der vor Schmerz schreien wird
Das bin ich nicht
Ich bin gefangen hier drinnen
Und habe meine Stimme verloren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WANN IST SCHLUSS?

Wann ist ein Gedicht
Zu Ende gedichtet
Und vollbracht?
Wann ein Gedanke
Bis zum Schluß gedacht?

Wenn er Tat
Geworden ist?
Oder wenn er
Gar nicht mehr ist?
An seiner statt
Ein anderer…
Ein weiterer?

Wann ist ein Leben
Zu Ende gelebt?
Erfüllung gebärdet Weiterleben
Versagen erzwingt Wiederholung
Ein Leben ist dann
Zu Ende gelebt
Bei Wiederholungen vom Versagen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

QUELLE

Ich weiß nicht
Was ich morgen schreiben werde
Doch daß ich morgen schreiben werde
Das weiß ich wohl

Ich weiß nicht
Was ich morgen empfinden werde
Doch daß ich morgen empfinden werde
Ist mein wahres Leben

Und selbst wenn ich sterben sollte
Weiß ich dennoch
Daß ich morgen schreiben werde
Weil ich morgen empfinden werde
Weil ich morgen lieben werde
Lieben ist das Leben nach dem Tod

Ich schreibe keine Gedichte
Ich lasse Empfindungen zu
Sie erzählen mir ihre Geschichten
Und meine dazu.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERNÄHRUNG

Hand ausgestreckt
Nach einer Realität
Jenseits des Ausgedachten
Das Jenseits wurde nicht ausgedacht

Ursprung versteckt
Ursprung einer Loyalität
Zum treibenden Nicht-Ausgedachten
Leere Räume haben’s mir beigebracht

Ein leerer Raum
Voller Wunderkraft und Macht
Wirklich, kein Traum
Ich hab’s mir nicht ausgedacht –

Die Zeit ist mein Wunderbaum:
Bis sie täglich in sich zusammenbricht
Muß ich finden neu den Wunderbaum
Und pflücken mir ein Gedicht.

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Gibst mir Halt, Nahrung, Richtung
In mitten des Waldes menschlichen Wirrwarrs
Öffnest Dich einmal täglich, helle Waldlichtung.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE GRENZE DER DICHTUNG

Einer muß das Verschlüßelte
Erst entschlüsseln (können) (wollen) (müssen)
Und darin liegt die Kunst.

Die Dichtung ist ein stilles Bild
Die in Richtung einer Realität zeigt
Die jenseits der Dichtung liegt.

Sich in die Dichtung zu verlieben
An der Dichtung zu hängen
Und bei der Dichtung stehen zu bleiben
Ohne in die darüber und dahinter
Lebende Realität hinein zu gehen,
Ein Teil dessen unvollkommen, unvollständig
Und meistens fehlerhaft VERDICHTET wurde
Als Dichtung ins Gedicht,
Wäre:

Der Dichtung ihren wahren Sinn und
Wahren Zweck zu berauben;
Wäre:

Ihr Dasein vergebens und umsonst zu machen
Fast wäre es besser, das Gedicht
Wurde nie geschrieben.

Die Dichtung fungiert und funktioniert
In ihrer höchsten Form
Am besten als Botschafter, als Zeigefinger
Um das Vorhandensein dessen zu bezeugen
Und darauf hinzuweisen:

Ein Ort und eine Zeit
Und eine Beschaffenheit und ein Sein
Wo das, was schwach in dem Gedicht
Zu ahnen ist,
Keine Dichtung ist
Sondern normale und echte
Realität.
Die Wirklichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER LIEBE ZULIEBE

Es ist die Liebe zum Leben
Die in ruhigen Stunden
Die Gedichte in mir sich erheben
Ließ, und mich sie aufheben –
Sonst wären sie wieder verschwunden.

Schaffe in Deinem Leben Raum
Zu verwirklichen einen lieben Traum
Mittig in Dir – nicht am Saum.
Der Liebe Traum ist mehr als Traum
Er ist Erhaltung, Nahrung, Lebensbaum.

Ernst knapp ist nur die liebe Zeit
Doch die Zeit, die man der Liebe verleiht
Damit der Liebe Traum gedeiht
Das allein ist wahrlich die Lebenszeit
Denn die erhält man zurück als Ewigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

IMMER ERFÜLLEN

Lauf leer
Gib alles und mehr
Leerlauf
Nimm alles in Kauf

Feuer ist eine Wärme
Abgebende Reaktion zwischen
Einem brennbaren Stoff
Und Sauerstoff

Dichtung ist eine Wärme
Abgebende Reaktion zwischen
Einem brennenden Herz
Und sehnendem Schmerz

Und je oberflächlicher
Meiner Umgebung
Desto erfüllender
Meiner Dichtung.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SELBSTBEWUSST REISEN

Immer wenn Du reist
Egal in welche Richtung
Bist Du Träger
Einer gewissen Wirkung
Dein Leben ist Gedicht
Du bist selbst Dichtung
Ob Migrant oder Forscher –
Du bist und bekommst Verstärkung
Deiner Art entsprechend
Belebend, spendend
Willkommen oder befremdend
Beginnend oder beendend
Unsichtbare Fäden postwendend.

Menschsein verpflichtet
Reisen verdichtet
Suchen sichtet
Schreiben belichtet.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung