HERBSTGEBUNDEN

Wer hätte gedacht
Als ich unweit der Mittellinie
Unserer Erde geboren wurde
Zwischen Regenwald und Wüste
Tropenbewässert
Harmattangetrocknet
Sonnensohn und Savannahsäugling
Daß ich einst den Herbst
Lieben lernen würde?
Den fremden Herbst.

Wer hätte geahnt, daß das
Was mich ergänzen und stärken
Beruhigen und besänftigen
Verstehen und inspirieren und heilen
Und fesseln würde
Ganz ruhig
Die ganze Zeit in der Fremde
Lebte und webte?
Erschien und verschwand und erschien
Egal, wer ihn erlebte oder nicht.

Als ich das erste Mal Deutschland sah
War mir alles fremd und abweisend
Außer dem Herbst
Der Herbst war mir vertraut
Wie eine Hälfte meines Lebensgedichts.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHWARZ-WEISS

Weißes Blatt
Schwarze Tinte
In der Tat
Sehe ich die Dinge
Als Dichter schwarz-weiß

Die bunte Stadt
Die Meereswinde
Treue und Verrat
Alles Nachgesinnte –
Ich empfinde, was ich weiß

Die Dinge drehen sich im Kreis
Zwischen Vertrauen und Beweis
Die sind nicht schwarz oder weiß
Die sind schwarz UND weiß.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER DIE DAS

Schwach heute
Äußerst wach
Dem Tag ausgeliefert
Der Nacht zugehörig
Ich höre nichts, was Ihr sagt
Ich höre alles, was Ihr denkt
Eure Gefühle sind Lärm, und
Ich ertrinke in Eueren Empfindungen
Doch meine werden mich retten.

Der Sturm ist drin
Der siebte tödliche Sinn
Der alles sehende Unsinn
Der künstlerische Wahnsinn
Der alles enthüllende November
Der unfreie Freitag
Der immer wiederkehrende Durchblick
Der Schmerz, der täglich den Weg sucht zu
Der, die das Gedicht weitergibt: Literatur.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DICHTKUNST

Mancher abgeschiedene Geist,
So sagt die Legende,
Akzeptiert nicht, daß sein Erdensein
Schon längst ist zu Ende;
Vermischt sich unsichtbar, stur,
Unter den noch irdisch Lebenden,
Fährt brav noch Bus und U-Bahn,
Geht spazieren mit Fußgängern.

Veränderungen zu akzeptieren,
Fällt uns Menschen wohl schwer;
Uns wegzudrehen und weiterzugehen,
Wohlbekanntes habend nicht mehr;
Eine vertraute Vergangenheit loszulassen
Macht uns ängstlich und leer;
In der Gegenwart zu leben –
Gestern weg, kein Morgen hinterher.

Ob vor oder hinter dem Grabmal
Bleiben wir das, was wir sind.
Für manche, Reichtum; andere, Status;
Manche, Liebe; oder die Zeit als Kind,
Oder Schönheit, oder Gesundheit;
Vergangenes macht uns häufig blind.
Wir tun so, als ob die Dinge noch so sind,
Wie sie es längst nicht mehr sind.

Die Kunst des Lebens besteht jedoch
Darin, auf fast alles zu verzichten,
Was das Leben anzubieten hat,
Sich Aktuellem, Kleinem, zu verpflichten;
Darin dann alles zu suchen, zu finden
Und erkennen, pflegen und zu errichten,
Worauf man angeblich verzichtet hat.
Die Kunst des Lebens ist dichten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AN GOTT IST ZU GLAUBEN

Und wieder ist jemand gestorben
Den Du kanntest. Selbe Generation.
Du hättest es auch sein können.
Hinterließ einen kleinen Sohn.
Wo ist Gott?
Frag stattdessen: Was ist Gott?
Woran wird Realität gemessen?

Eines Tages sitzen Deine Freunde
Zusammen, erinnern sich auch an Dich,
Meine an mich, aber auch sie, die
Erinnerer, erinnern sich teils vergeblich
Denn auch sie
Werden einst vergessen: Poesie
Bewahrt nur einen Teil unserer Essenzen.

Wir selber ziehen fort und weiter
Denn überall ist Leben und Sein.
Realität selbst ist Gottesschöpfung,
Die Liebe zum Sein und geteiltem Sein
Und Anderssein,
Diese Liebe ist wessen?: von Gottessein
Zeugt sie, und Zuversicht unterdessen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUS SPRACHE WIRD LEBEN

Die Schönheit der Sprache
Ein in Worten unfassbarer Lichtblick
Aus einem Augenpaar ausgeschickt
Wie der erster Tag hell und schön ausbrach
Einst beim Es Werde Licht

Und es ward eine schöne Sprache
Denn Gott war in seinem Wort am Anfange
Schmetterlingsfarben entfalten Klang
Und Freude und noch mehr Freude danach
Nach dem Es Werde Sicht

Denn wir sprechen mit Augen
Und sehen mit Worten der Sprache
Die Schönheit bei gütigem Lachen
Wozu gute Worte wirklich taugen
Nämlich: Es Werde Gedicht.

Und die Schönheit der Sprache
Liegt im Nebenklang und im Nachhall
Und in den Pausen neben leerem Schall
In Verantwortung, weil Worte machen.
Und Es Werde Gericht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE DICHTUNG IST MEINE STIMME

Heute bin ich hart
Wie Stein –
Es geht nichts raus
Es kommt nichts rein
Heute bin ich hart
Wie Stein –

Ich brauche jemanden
Der mich trifft
Und mich bricht
Ich brauche jemanden
Der mich zerbricht –

Denn der harte Mensch
Der vor Schmerz schreien wird
Das bin ich nicht
Ich bin gefangen hier drinnen
Und habe meine Stimme verloren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WANN IST SCHLUSS?

Wann ist ein Gedicht
Zu Ende gedichtet
Und vollbracht?
Wann ein Gedanke
Bis zum Schluß gedacht?

Wenn er Tat
Geworden ist?
Oder wenn er
Gar nicht mehr ist?
An seiner statt
Ein anderer…
Ein weiterer?

Wann ist ein Leben
Zu Ende gelebt?
Erfüllung gebärdet Weiterleben
Versagen erzwingt Wiederholung
Ein Leben ist dann
Zu Ende gelebt
Bei Wiederholungen vom Versagen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

QUELLE

Ich weiß nicht
Was ich morgen schreiben werde
Doch daß ich morgen schreiben werde
Das weiß ich wohl

Ich weiß nicht
Was ich morgen empfinden werde
Doch daß ich morgen empfinden werde
Ist mein wahres Leben

Und selbst wenn ich sterben sollte
Weiß ich dennoch
Daß ich morgen schreiben werde
Weil ich morgen empfinden werde
Weil ich morgen lieben werde
Lieben ist das Leben nach dem Tod

Ich schreibe keine Gedichte
Ich lasse Empfindungen zu
Sie erzählen mir ihre Geschichten
Und meine dazu.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERNÄHRUNG

Hand ausgestreckt
Nach einer Realität
Jenseits des Ausgedachten
Das Jenseits wurde nicht ausgedacht

Ursprung versteckt
Ursprung einer Loyalität
Zum treibenden Nicht-Ausgedachten
Leere Räume haben’s mir beigebracht

Ein leerer Raum
Voller Wunderkraft und Macht
Wirklich, kein Traum
Ich hab’s mir nicht ausgedacht –

Die Zeit ist mein Wunderraum:
Bis sie täglich in sich zusammenbricht
Muß ich finden neu den Wunderbaum
Und pflücken mir ein Gedicht.

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Gibst mir Halt, Nahrung, Richtung
In mitten des Waldes menschlichen Wirrwarrs
Öffnest Dich einmal täglich, helle Waldlichtung.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung