MOMENTE DES LEBENS

Momente gesammelt
Denn ein Herz hat mehr Speicherplatz
Als alle Smartphone der Welt versammelt
Neben diesem einen Schatz:
Menschengeist.

Blatt um Blatt
Lese ich alle Menschen zwischen den Zeilen
Wie kann ich vergessen, was mich geprägt hat?
Momente markieren meine Meilen
Ich, Menschengeist.

Momente der Freude
Momente des Schmerzes, der Angst, der Liebe
Was mich einmal durchdringt, gehört im Gebäude
Meines Geistes fortan zum Getriebe
Je mehr ich erlebe
Desto mehr lebe
Ich, Menschengeist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

Advertisements

UNSTET

Wenn keiner zuschaut
Bin ich schwach
Hab Fremdes geklaut
Hab Keusches versaut
Der Stimme vertraut:
Mach einfach!

Wenn keiner zuschaut
Bin stark und wach
Verteidigt fremde Haut
Geteilt mein letztes Kraut
Brücken gebaut
Nach der Stimme laut:
Mach einfach!

Was bin ich? Menschlich?
Wann werd ich menschlich?
Was bedeutet das – unanständig und anständig?
Was bedeutet das – geistig?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

DER VERSTECKTE NEIDER IM SPIEGEL

Der Neid hat eine komische Art
Manchmal erkennt man ihn nicht
Obschon er in einem selber wie ein Ich-Wart
Wohnt und wirkt und jedem neidet sein Licht

Ein Schmerz, mit dem man
Sein ganzes Leben lang lebt
Als normal einstuft und vergisst irgendwann
Ihm selbstverständlich, eingelebt

Jeder des anderen Bewegungen angepasst
Wechselwirkung sich bestätigend
Sein Innenleben durchdrungen und erfasst
Er und sein Schmerz an einander klebend

Sein Schmerz, sein Leiden, sein Neid
Seine Wunde, sein Schwert und sein Schild
Seine Ich-Sucht, und die weiß stets Bescheid,
Sein schön verkleidetes Spiegelbild.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

APRILGEDICHT

Ich sage manchmal Ja
Und ich bin da
Und manchmal Nein
Bitte laß mich allein

Der Regen zögert
Eingeschüchtert
Der Regen stürmt
Schuttelt und wurmt

April April
Du hast Deinen Stil
Und machst, was ich will

Befreist alle meiner Seiten
Schneller als ich es vermeiden
Kann, muß ich mich entscheiden

Täglich tausend Eindrücke
Und ich nur eine wackelige Brücke

Ein Dichter.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

REISE ALLEINE WEITER

Die der Gruppe neigen
Die Alleinsamkeit meiden
Den Unpopulären weichen
Die sind die Schwachen

Die beobachten kühn
Um die Gruppenmitte zu orten
Lachen bei all deren Witzen mit
Selbst der blödsten Sorten

Doch sie wirken trotzdem verloren
Inmitten der lachenden Menge
Mitlacher sind noch lange keine Freunde
Freund, zieh Kurzes nicht in die Länge

Du bist anders. Akzeptiere es.
Du bist echt, wenn Du alleine bist
Deine Art ist anders. Respektiere sie
Rette Dich. Trenne Dich vom Mist.

– Che Chidi Chukwumerije

GEDULD

Was teilst Du gerne
Mit den Mitmenschen?
Deine Stärken
Oder Deine Schwächen?

Ich glaube, die Schwachen
Teilen gerne ihre Stärken
Die Starken
Teilen gerne ihre Schwächen

Was gibt es zu lernen
Von unseren Mitmenschen?
Wie wir Masken
Auf- und absetzen

Und zu lernen,
Die Stärken der Schwächen
Und die Schwächen der Stärken
Nie zu unterschätzen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WAS MAN HAT, HAT MAN

Nichts erwecket den Neid
Mehr wie glücklich sein
Im Moment, wo wir uns freuen
Startet auch unser Leid

Bist Du die Nacht, Menschenherz
Daß Dir das Licht Weh tut?
Glücklicher, sei auf der Hut
Sonst folgt unweigerlich der Schmerz –

Wie ein Klischee bestätigt
Es sich, wiederholt sich ständig
Wie ein billiger Reim elendig
Und dann bist du erledigt.

Erledigt? Wirklich? Nein!
Bist doch Deines Glückes Schmied
Es gibt einen Inneren Fried
Zerstörbar von nur Dir allein.

– Che Chidi Chukwumerije.

BLIND

In der Zukunft angekommen
Strassenschilder verschwommen
Heißersehntes wirkt befremdlich

Ist es dunkel oder bin ich blind geworden?
Gestern sah ich einen anderen Morgen
Nun flattr’ ich verwirrt, Fledermaus ohne Echo

Ohne Spiegel bist Du nackt
Nur ein Radar bleibt mir noch intakt:
Erinnerung der Überzeugung.

Und unterdessen
Nie wieder zu vergessen:
Empfindung.

– Che Chidi Chukwumerije.

2019:Das Jahr der deutschen Dichtung