ALLES

Du gibst, Che, von Dir zu viel Preis
Na, und? Wo wäre denn sonst der Beweis
Daß ich lebte, litt und liebte, hielt nichts zurück

Jedem das gab, was er in mir weckte
Alles, was mir ernst war, ganz vollstreckte
Und strebte wirklich ehrlich nach dem Glück?

– Che Chidi Chukwumerije
“2019: Das Jahr der deutschen Dichtung”

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BLIND

In der Zukunft angekommen
Strassenschilder verschwommen
Heißersehntes wirkt befremdlich

Ist es dunkel oder bin ich blind geworden?
Gestern sah ich einen anderen Morgen
Nun flattr’ ich verwirrt, Fledermaus ohne Echo

Ohne Spiegel bist Du nackt
Nur ein Radar bleibt mir noch intakt:
Erinnerung der Überzeugung.

Und unterdessen
Nie wieder zu vergessen:
Empfindung.

– Che Chidi Chukwumerije.

2019:Das Jahr der deutschen Dichtung

WENIGER MEHR

Die reden und reden und sagen nichts
Warum gibt es so viele Worte in der Sprache?
Wer keinen Redepartner hat, guckt Netflix
Alleinsein ist dem modernen Menschen Siegfrieds Drache
Der leere Wortschwall seine verzweifelte Attacke

Es war einmal, nicht lange her,
Ich tauschte manche Blicke mit Dir
Und ohne Worte sagten sie mehr
Als unsere vielen Worte heute
Die ängstlich feige nichts bedeuten

Ssschhh… traue Dich, sage nichts
Überlaß Deinem Schweigen das Sagen
Damit all das, was die Worte nicht sagen
Kommen können ans Licht.

– Che Chidi Chukwumerije

DEINE GRENZEN BILDET DEINE FANTASIE… NICHT.

Eine Rose wird eine Kartoffel niemals werden
Eine Frau nie wirklich ein echter Mann
Feuer mag flüssig sein wie Wasser
Aber frag es, ob es Deinen Durst löschen kann

Der Haß hebt uns niemals empor ins Licht
Das schafft nur die Liebe, zart
Das Schwert mag glauben, es sei ein Kissen
Doch der Krieg erinnert es daran, es ist hart
Deine Grenzen bildet nicht Deine Fantasie
Sondern das tut in Wirklichkeit Deine Art.

Statt aus allem alles machen zu wollen
Und die Menschen scheinbar ohne Konsequenzen
In allerlei Fantasien sich schwelgen zu lassen
Sollte jeder nach Innen sich versetzen
Und sich fragen: Was bin ich?
Wer sich kennt, kennt seinen Weg und wird glücklich
Der kennt aber auch seine Grenzen.

Wer Selbst, Pfad und Wegzaun begreift
Hat gefunden seinen Weg nach Außen
Entwickeln wird er sich fortan
Innerhalb seiner unerreichbaren Grenzen
Denn er fühlt sich Zuhause.

– Che Chidi Chukwumerije.

WENN KEINER ZUSCHAUT

Du bist jemandem sein Cliché
Und bist jemandem seine Lüge
Du bist jemandem sein Traum
Illusionen gibt es genüge

Wer bist Du, wenn keiner zuschaut
Wenn Du alleine bist?
Wenn der Sarg zugemacht wird
Nach abgelaufener Frist?

Wer bist Du, wenn Du Macht hast
Zu vertuschen, was Du tust?
Wer bist Du, wenn Du nichts hast
Und überleben musst?

Alles, was alle glauben
Ist doch bedeutungslos
Allein zählt, ob du innerlich
Klein bist oder wahrlich groß.

– Che Chidi Chukwumerije

AM ANFANG EINGESCHLAFEN

Sind das 2 oder 3 Sterne,
So einsam, verloren,
Wie entfremdete Erinnerungen,
Neblig und verfroren im nächtlichen Zelt
Des Bewusstseins meiner Welt?
Einst gefunden, einst verloren
Zweimal entrückt und noch ungeboren
Winkend winkend wie ferne Grüße –
Und kein Versuch, keine Analyse
Entschlüßelt Dir, was Du verpasst hast,
Allein ahnst Du: Du hast irgendetwas verpasst.

Wie oft, wie ärgerlich,
Der wiederholte Mist, wiederholend sich
Wie kann das sein?
Alle Tränen, und die Becher, die sie füllen,
Ergäben keinen Wein
Der je betäuben oder je erfüllen
Oder irgendwie das gut machen könnte
Was der Mensch seinem Geiste ungünstig verpönte –
Doch funkeln sie, ferne Erinnerungen,
Anfang und Ende unterbrochener Dämmerungen –
Aber sind sie ein Gruß oder sind sie eine Klage?
Das ist die erahnte und doppelseitige Frage –
Oder warten sie nur auf den Moment
Wo ein Herz wieder taut, weil es drinnen brennt,
Der wahre Advent, eine Seele weint innerlich laut,
Und alles, was Du spürst, ist eine Gänsehaut
Denn daoben sieht man sie,
Erreicht sie nicht, denn wie
Erinnert man sich denn an ein Leben,
Das man versäumte, zu erleben?

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHLUSSSTRICH

Zu lang bin ich nicht mehr geflogen
Zu lang habe ich nachgedacht
Zu lang habt Ihr mich gewürgt
Tausendgedanken klein…

Zu lang habt Ihr mich betrogen
Zu lang stahlt Ihr mir die Nacht
Und habt mich mit Unsicherheit eingemauert
Tausendgedanken klein…

Das ist wirklich Scheiße
Schmeiß es ins Klo
Und laß wegspülen…
Tausendgedanken klein.

– Che Chidi Chukwumerije.

WIR SIND

Wir sind wie Zombies
Leben in Deutschland wie
Schatten in einem Raum leben –
Nämlich nicht. Nur
An der Wand schemenhaft schleichen
Unstet, unsicher, bruchstückhaft
Unerfasst und unfassbar
Und fassungslos

Wie Geister tauchen wir aus dem
Nichts nachts auf
Tanzen laut wie entfesselte
Verzweifelten…
Lachen mit Mund
Fragen einander gegenseitig mit Augen
Was wir hier machen –
Nämlich nichts.

– Che Chidi Chukwumerije.

DA

Rückwirkend vermagst du nicht
Zu erlangen die gesuchte Übersicht
Denn aufgepasst
Hast du nicht
In der Gegenwart als alles geschah
Deine Wünsche, allein deine Wünsche
Waren alles, was du sahst…

Ich sehe Löcher im Himmel
Einst waren es Wolken silbrig und hell
Ich sehe blasse Flecken an der Wand
Einst hingen da Fotos bestimmt
Aber ich habe die nie wahrgenommen
Und erinnere mich nicht mehr
An meine Erinnerungen –
Denn ich war nicht wirklich da.

– Che Chidi Chukwumerije.