SEIN

Ich gehe meinen Pfad
Schritt für Schritt
Und mache eine Neugeburt
Aus jedem Fehltritt
Das heutige schöne Gedicht
War gestern ein häßlicher Schrei
Ich sterbe gerne im Dezember
Um neugeboren zu werden im Mai.
Um neugeboren zu werden
Mit einem neuen Schrei.
Ich will alles hinter mir lassen
Doch wozu?
Es kommt alles wieder –
Und doppelt stark hinzu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLEIBENDE FRAGEN

Diese Ahnung
Den ganzen Tag lang
Daß irgendwann heute in der Früh
Irgendwas in Dich eindrang –
Aber was?
Eine Melodie ist ein wortloser Gesang.
Viele mögliche und unterschiedliche Worte
Schwängen mit ihr im Einklang.

Seltsam, am Ende des Tages,
Nach dem ganzen langen schweren Gang,
Der selben wortlosen Melodie zu lauschen,
Ohne Antworten, wie am Anfang.
Diese unterschwellige Ahnung
Den ganzen Tag lang
Daß irgendwann heute in der Früh
Irgendetwas in Dich eindrang –
Aber was?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBENSPHASEN

Ich blätterte alte Fotos durch
Sah in jeder Phase meines Lebens
einen Fremden mit meinem Gesicht

Und meine Frage lautet:
Wo war ich mein ganzes Leben lang
während diese Fremden mein Leben lebten?

Nein, die Frage lautet:
Für welchen zukünftigen Fremden
gebe ich mich heute ahnungslos aus?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS LECK

Jemand steht neben mir
Unbeobachtet
Und beobachtet meine Gedanken

Ich wünsche
Er würde das alles nicht sehen
Was er sieht –
Und auch das sieht er.

In der Schöpfung gibt es kein Versteck
Alles hat irgendwo ein Leck…
Der Dreck unter der Reinheit
Die Reinheit unter dem Dreck –
Alles wird einmal aufgedeckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung