BRILLE

Ohne meine Brille
habe ich mehr Wille
als Wissen

Mit meiner Brille
habe ich mehr Gewissen
als Stille

Je weniger ich sehe,
desto entschlossener werde ich

Je mehr ich sehe,
desto unruhiger werde ich.
Oder auch umgekehrt.

Je mehr sich der Trubel vermehrt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VIELSEITIG

Im Herzen der Einheit
gibt es viele Einheiten
geteilt in Gemeinheiten
getrennt durch Ungereimtheiten

Gut gemeint der große Moment
Ein Herz, das vielseitig brennt
Wiedervereint und wiedergetrennt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEITVERBUNDEN

Generationen
trennen nicht
Generationen
verbinden dicht

Denn Menschen gehen
und kommen zurück
erneut wagen wollend
dasselbe Glück oder Unglück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREMDES ENTFREMDEN

Ich nag es
fremde Menschen
und fremde Kulturen
mir vertraut zu machen

Grenzen zu überschreiten
mit einem Lächeln
und mit einem Tanz
Wände zu durchbrechen

Grenzen, die seit
dem Anfang der Menschheit bestehen
Wände, die seit
dem Anfang der Zivilisation starr stehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WAS NEUES ODER DAS ALTE?

Wollen wir ins Neue?
Oder ins Alte?
Laß uns diese Frage ernst nehmen –
Denn wo finden wir den wahren Halt?
Im Neuen oder im Alten?
Laß uns dafür die Zeit nehmen
Und gründlich darüber nachdenken,
Sonst werden wir es bereuen.
In welche Richtung wollen wir,
In welche Richtung sollen wir,
Weiter reisen? Vorwärts oder zurück?
Menschheit, wo liegt unser Glück?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GESELLSCHAFT

Wir leben nebeneinander
Sehen einander
Unscharf
Reden miteinander
Kaum
Verstehen einander
Nicht.

Wir leben nebeneinander
Manchmal füreinander
Aber niemals miteinander.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WILLENSKRAFT WIR

Wollen wir „wir“ wollen?
Wollen wir? Wir wollen!
Ja, wollen wir!
Wollen ist unser Wir
Handeln ist unser Wir
Denken ist unser Wir
Empfinden ist unser Wir
Wollen wir? Ja, wollen wir!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SIEHST DU

Die Gesellschaft
die Dich mit fremden Augen ansieht
wird Dir immer wieder
und wird Dir eines Tages
zeigen, sie sieht Dich nicht als Mitglied.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

REINKARNIERENDE ÄGYPTER

Die Menschen hier sind mir ähnlich
Als waren wir einst zusammen in einem Herz
Bevor die Haut uns trennten
Und fremde Sprachen. Und Fluss und Schmerz.

Wie viele Leben leben wir
Bevor wir anfangen, wirklich zu leben?
Wie viele Tode sterben wir
Bevor wir uns dem Gotteswillen geben
Und uns gegenseitig vergeben
Oder für immer aufhören zu leben?

Wie tief muss eine Wunde sein
Bevor sie geheilt werden kann?
Wie tief müssen wir verbunden sein
Bevor jeder dem anderen vergeben kann?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ARBEITNEHMER

Wir schaffen bis geht nicht mehr
denn es geht nicht mehr
Wir tragen einen Traum
doch trägt der Traum uns? Woher
wolang wohin? Ich weiß es nicht.
Arbeiter und Angestellte tun ihre Pflicht
und blicken auf ihre Hände - leer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung