AUF DER DURCHREISE

Es fällt mir schwer, offen zu bitten
Zu sagen, ich bin Einwanderer, bitte helft mir
Weil ich hilfsbedürftig bin, bitte akzeptiert mich
Denn ich wurde zurückgestoßen und bin leer
Aber nicht so leer, daß ich ohne Stolz bin
Weil ich voll bin mit der Frage nach meines Lebens Sinn.

Mit dem Stolz wandert die Scham einher
Wer will denn Träger einer gefallenen Kultur sein?
Wer will bemitleidet und geduldet werden?
Und geächtet, ausgewichen subtil und fein?
Aber zu stolz sein, es laut zu beklagen
Vor lauter Scham vor seines eigenen Volkes Versagen.

Wer klagt ist schwach; wer nicht klagt, wird geschwächt
Macht ist das Instrument der machtlosen Richter
Dankbarkeit fällt leicht, wenn es schwer ist
Und schwer wenn leicht, aber ich bin ein Dichter
Und anstatt zu sagen, daß ich Einwanderer bin
Sage ich ehrlich stolz, daß ich ein Wanderer bin.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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AN DEN FALSCHEN FREUND

Ich habe Dich durchschaut
Ich weiß, was bei Dir
Unter der Haut liegt
Weiß, was Du über
Meine Haut denkst
Auch wenn von Dir
Kein Laut kommt
Und selbst wenn, sagst
Du es leise, nicht laut
Aber mir sind Deine Gedanken laut
Denn ich habe Dich durchschaut.

Daran habe ich lange gekaut
Und bitter doch lautlos verdaut
Und wenn einst Deine Haut taut
Wird laut, was ich vorher
Durchschaut habe.
Denk nicht, daß es mir davor graut –
Es ist mir schon längst laut
Und vertraut.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STEHEN

Ich ziehe auf mich
Tatsächlich noch Blicke
Verschiedenartigen Inhaltes
An denen ich ersticke

Sauerstoffmaske
Läßt mich noch grotesker aussehen
Doch Opferrollen
Sind mir fremder als mein Aussehen

Man steht, wenn man geht
Man geht, wenn man steht
Man gewinnt, wenn man verliert
So lange man sich nicht verliert

Und Achtung wird angezogen
Nicht anerzogen, sondern geweckt
Denn mein Geist war ausgezogen
Und stark zu werden ist mein Zweck.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHATTEN AM STRASSENRAND

Wir sind nicht so anders wie Ihr
Wenn Ihr genauer hinschaut
Keine Angst. Kommt. Kommt näher
Ihr seid uns bereits vertraut
Wir Euch aber nur auf Papier

Jene Schatten am Straßenrand
Das sind keine Fremden
Es gibt keine Fremden auf diesem Land
Es gibt nur Mitmenschen
In anderem Gewand

Wenn Ihr grüsst, grüsst uns auch
Lehre uns Euer Land lieben
Erweckt in uns Eure Sitte und Euren Brauch
Denn die Dinge, die Euch betrüben
Bewirken bei uns dasselbe Gefühl im Bauch

Wer will denn nicht nach Oben streben?
Und das Eigene beschützen
Und weiterentwickeln und Wertes zurückgeben?
Auch ohne uns gegenseitig zu duzen
Ergänzen und bereichern wir uns das Leben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSTAUSCH

Ich traf die Gesellschaft
Während meiner Wanderschaft
Wie Mensch Mensch begegnet
Gegenseitig mißverstanden wir uns
Über Politik, Sitte, Kunst
Schieden mit kühlem Gruß abgesegnet

Nur viel später in der Nacht
Bin ich schlaflos aufgewacht
Geweckt von einem Fremden
Der jetzt meine Seele geworden war
Denn meine war nun weg, und zwar
Wohnt sie im heut getroffnen Fremden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EIN WACHES EMPFINDEN

Ich habe Menschen gesehen
Die herb und streng aussehen
Und doch sind sie zart

Ich habe welche getroffen
Die interessiert wirken und betroffen
Und sich entpuppten als hart

Mode ist’s wieder geworden
Daß Kinder sich gut geborgen
Fühlen hinter einem Bart

Wir glauben oft zu kennen
Ohne richtig zu erkennen
Was sich um uns schart

Stacheln schützen oft eine Rose
Und manch eine Herzlose
War anders am Start

Doch manchmal zeigt die Figur
Auch einfach die wahre Natur –
Frag Deinen inneren Torwart

Ob überheblich oder einsam
Sie haben eines gemeinsam
Beide wirken apart

Man braucht ein waches Empfinden
Im Erleben, um herauszufinden
Seine wirkliche Gleichart.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung.

GRENZSTEIN

Der Mensch, der Weltenwanderer
Hat auf seiner Expansionsreise
Sich vorgedrängt bis zur Grenze
Seiner widersprüchlichen Denkungsweise…
Weiß nicht weiter.

Zurück oder weiter?
Wo endet das eigene, beginnt das fremde?
Was darf man nehmen, darf man lassen?
Wie sehen Feinde aus, wie Freunde?
Was bestimmt Massen, Klassen, lieben, hassen?

Welche Grenze liegt noch unerforscht?
Denn alle erkennbaren haben wir bereits
Mehrmals erreicht, durchbrochen, überquert
Doch unbefriedigt brennt der geistige Lichtreiz –
Wir wollen weiter!

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

FLÜCHTLINGE

Die Gegenwart ist auf der Flucht
Vor der Vergangenheit weit geschwommen
Und findet, egal wie hart so sucht,
Keine Gelegenheit sie zu entkommen.

Kein Geschehen ist Boot genug
Keine Gegenwart ein sicheres Meet
Der Getriebene schleppt mit sich im Zug
Seine Herkunft in die Zukunft mit hinterher.

Die Zukunft! Schimmernd in der Ferne
Trügerisches, höhnendes, herzloses Horizont
Man möchte dem Suchenden zurufen, “Lerne
Erkennen: Dein Leben selbst ist die Front!”

Dein Heute ist die zu häutende Haut
Wenn das Leben Dich haut, Deine dicke Haut
Lässt nur das durch bis unter die Haut
Unter dessen Wirkung Deine Mitwirkung auftaut…

Mitwirken beim eigenen Neuwerden
Beim Versöhnen Deiner alten mit Deiner neuen Welt
Beim gemeinsamen Streben aller Sucher auf Erden
Nach einer Zukunft, die sich friedvoller entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

IN DIESEN ZEITEN

Das Leben, das alles
Nach der Gleichart gerne trennt
Wirft auch gerne zusammen
Was sich angeblich noch nicht kennt

Das Leben, das die Menschen
Bodenständig und seßhaft schuf
Schuf sie auch unruhig, wanderlustig
Dem Erleben-Ruf

Das Leben, das uns zwingt
Immer wieder die Erde zu betreten
Zwingt uns nicht, selbst zu unserem
Heil neue Gedanken zu vertreten

Das Leben ist, was es ist
Was der Mensch daraus macht
Ist kein Gesetz des Lebens mehr
Wir haben’s selber ausgedacht

Das Leben bringt auch gerne
Wechselwirkend alles zurück:
Die über andere herrschen wollen
Streben vergebens nach dem Glück.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Mein Jahr der deutschen Dichtung.