FLÜCHTLINGE

Die Gegenwart ist auf der Flucht
Vor der Vergangenheit weit geschwommen
Und findet, egal wie hart so sucht,
Keine Gelegenheit sie zu entkommen.

Kein Geschehen ist Boot genug
Keine Gegenwart ein sicheres Meet
Der Getriebene schleppt mit sich im Zug
Seine Herkunft in die Zukunft mit hinterher.

Die Zukunft! Schimmernd in der Ferne
Trügerisches, höhnendes, herzloses Horizont
Man möchte dem Suchenden zurufen, “Lerne
Erkennen: Dein Leben selbst ist die Front!”

Dein Heute ist die zu häutende Haut
Wenn das Leben Dich haut, Deine dicke Haut
Lässt nur das durch bis unter die Haut
Unter dessen Wirkung Deine Mitwirkung auftaut…

Mitwirken beim eigenen Neuwerden
Beim Versöhnen Deiner alten mit Deiner neuen Welt
Beim gemeinsamen Streben aller Sucher auf Erden
Nach einer Zukunft, die sich friedvoller entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

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IN DIESEN ZEITEN

Das Leben, das alles
Nach der Gleichart gerne trennt
Wirft auch gerne zusammen
Was sich angeblich noch nicht kennt

Das Leben, das die Menschen
Bodenständig und seßhaft schuf
Schuf sie auch unruhig, wanderlustig
Dem Erleben-Ruf

Das Leben, das uns zwingt
Immer wieder die Erde zu betreten
Zwingt uns nicht, selbst zu unserem
Heil neue Gedanken zu vertreten

Das Leben ist, was es ist
Was der Mensch daraus macht
Ist kein Gesetz des Lebens mehr
Wir haben’s selber ausgedacht

Das Leben bringt auch gerne
Wechselwirkend alles zurück:
Die über andere herrschen wollen
Streben vergebens nach dem Glück.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Mein Jahr der deutschen Dichtung.

GLEICHART

Es war sonderbar
Unter sich zu sein
Sich fremd zu fühlen
Zu wissen, ich bin allein

Die Nation bindet
Mich aber nicht
Schwarz oder weiß
Wirklich innerlich

Rassen, Sprachen, Kulturen
Geschlechter auch
Immer blieb, getrennt, zurück
Eine Empfindung im Bauch

Geistig Gleichgesinnten
Laß mich finden
Sonst lass mich immer
Den Unterschied empfinden.

– Che Chidi Chukwumerije

HERRSCHAFT DER LÜGE

Wir glauben unseren eigenen Lügen
Mangels der Wahrheit. Die Nachrichten
Riechen nach Lügen, doch wir fügen
Uns unruhig ein, gegen unsere Ansichten
Aus Liebe zur Ordnung und Ruhe
Ohne Nachfrage, ohne Mühe.

Auch wenn eine Lüge Reim noch Sinn
Ergibt, gibt sie uns einen alternativen Halt,
Beruhigt unsere Angst vor dem Unbekannten
Bietet zur Orientierung eine Handlungsbasis
Denn nicht die Wahrheit ist uns heilig
Leider. Sondern unsere Ruhe.

Bald wird das Internet eh gesperrt
Artikel 13 filtert alles weg, was wahr sein
Könnte, in der Behauptung, es muß geklärt
Werden, ob es nicht doch Lug, Trug und Schein
Alles ist. Die Wahrheit muß sich ab jetzt
Rechtfertigen, denn Lügen wurden verletzt.

Che Chidi Chukwumerije

UNSERE WERTE

Wie sollen wir erfolgreich
Unsere Werte leben
Wenn Mut zur Wahrheit uns fehlt
Im täglichen Erleben?

Wenn Macht die Macht hat
Ihren eigenen Missbrauch zu decken
Wenn Opfer instrumentalisiert werden
Um Tätersünden zu verstecken?

Wo geschützte Räume fehlen
Aber Interpretationsräume gepflegt werden
Wo Bewertungen unbewertbar sind
Und die Bewerter sind in Wahrheit Schergen

Was sind unsere Werte überhaupt?
Wie kommen wir noch an sie ran
Wenn der Grundwert – die Wahrhaftigkeit –
Nicht unbestraft sich äußern kann?

Aber ich werde trotzdem davon nicht lassen
Meinen Beitrag zu leisten, trotz Trug und Haß,
Zur Weiterentwicklung der Menschenrasse.

– Che Chidi Chukwumerije

WEISSE WESTE

Die Lügen sind im System eingebettet
Da braucht keiner mehr extra zu lügen
Nur gewissenhaft das System durchsetzen
Wir erzählen die Wahrheit, um zu betrügen
Unser Gewissen haben wir ersetzt
Durch ein auf Papier umschriebenes Gesetz

Klar sind unsere Hände sauber
Sind sie doch bandagiert in Handschuhen
Lästig ist die Bürokratie, doch brauchbar
Wenn es darum geht, unser Wollen kund zu tun
Unser wahres Vorhaben ist Form geworden
Der Mensch schweigt, es sprechen die Behörden

Der Mensch entschuldigt sich und ist frei
Das Vergängliche ist doch nur ein Gleichnis
Die Evolution menschlicher Zivilisation schreitet fort
Das Unterentwickelte wird zum historischen Ereignis
Abgeschüttet und ungeliebt zurück gelassen
Ohne es irgendwie direkt zu hassen.

Che Chidi Chukwumerije.

——

Das Jahr der deutschen Dichtung

IM ZEITALTER DER GRENZEN

Die Globalisierung, statt die Grenzen zu öffnen,
Hat sie lediglich nah an einander gerückt
Damit sie sich gegenseitig besser sehen, besser hassen;
Die Spannung macht alle gleichsam verrückt!

Besser wäre es vielleicht, die Grenzen wären noch zu
Und stattdessen die Herzen aufgehen
Dann würde jeder uneingeschränkt Eingang finden
In jedes andere Herz – und sich verstehen.

Che Chidi Chukwumerije

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2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FARBLEHREN

Ach, die Farben
Schwarz und weiß genannt
Gelb und rot und braun
Wessen Verstand wurde noch nicht verbrannt?

Die Farblehre pflanzt sich fort
Von Eltern auf Kind und Enkelkind
Generation um Generation
Sag mal, machen Farben blind?

Der Farbencodex, wer kennt ihn nicht?
Schweigsamste Geheimsprache derweilen
Unsichtbare Tinte stets fein verwoben
Zwischen Zeilen

Doch ich kenne andere Farben auch
Die das Bild vervollständigen
Die Farben der Liebe, die Farben des Hasses
Die Farben der Wahren und die der Anständigen.

– Che Chidi Chukwumerije

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.
– Che