SYMBOLISCHE ERLÖSUNGEN

Es hätte schlimmer ausgehen können
sagt Mutter, Aufprall hart, aus dem Nichts
aber es kommt nichts aus dem Nichts
Das Leben übt sich nie im Missgönnen

Aber es ist auch was anderes passiert,
was merk-würdiges, sagt sie. Der Aufprall
hätte mich brechen können überall
doch äußerlich hat‘s nur die Schulter kassiert

Der Hauptstoß war am Seelenkörper,
innerlich. Ich fühle mich von etwas befreit,
wie ein großer Bruch mit der Vergangenheit
bei kleinem Schulterbruch am Erdenkörper.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KWAME

Auch in einer anderen Sprache
spreche ich die selbe Sprache
wenn ich von Dir spreche
oder Dich an spreche

denn manchmal spüre ich
irgendwo tief in mir eine Bewegung
als würden wir gerade und immer noch
mit einander reden…

und der Unfall wäre nie passiert
und die beinahe 25 Jahre
zwischen Deinem Abscheiden und heute
wären nie gewesen.

Wie kann man jemanden so sehr
vermissen? Und jedes weitere Jahr
reißt die Lücke nur noch größer auf
und macht den Schmerz tiefer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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KONSTELLATIONEN

Die gegenüber schaut in ihr Handy
und lächelt die ganze Zeit
Die neben ihr liest unauffällig mit,
mit emotionslosem Gesicht
Eine vierer Gruppe großer Männer
redet stehend in lauter Stimme
Ein Mädchen mit bunten Haaren und
einem bunten Rock erbricht sich plötzlich
Der S8 Boden wird bunt beschmiert
zwischen Niederrad und Hauptbahnhof
Alle Männer weichen zurück
Es ist ihren bestürzten Freundinnen peinlich
Die stille Mitleserin schmunzelt emotionslos
Ein paar Minuten später sind wir
am Hauptbahnhof und es könnte sein
daß wir alle uns nie wieder sehen werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS VERTRAUTE WIR

Das vertraute Wir
kam plötzlich aus dem Nichts
Die Botschaft jedes Gesichts:
Wir sind hier
und unser Wir ist auch Hier.

Aus Schmerz wird Stärke
Aus Schwäche wird Zusammenschluss
Aus Spaltung eine neue Zusammensetzung
Aus Vielfalt eine neue Nation
aus alten Tugenden und neuem Mut!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GLEICHMUT

Der Tag war schwer und leicht

Eine alte Dame schleppte ihren Rollkoffer
langsam über die Zebrastreifen
in ihren Gedanken versunken

Sie strahlte eine leicht amüsierte Stärke aus

Das Leben hat ihr beigebracht
daß sie das Gewicht des Lebens
tragen und ertragen kann
komme was mag

Der Verkehr blieb ungeduldig stehen
bis sie langsam und gelassen
die Straße überquert hatte

Der Tag war schwer und leicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SIE ERTRINKT UND KÄMPFT

Sie war auf der Suche
nach der großen Liebe
Am Ende sitzt sie in mitten
einer großen Familie … alleinerziehend

Vier Kinder sitzen
wie die tiefen Narben ihrer Sehnsucht
auf ihrem Gewissen Tag und Nacht
Eine nimmer endende To-do-Liste…
sich zäh in die Länge ziehend.

Und immer noch schwankt sie täglich
zwischen
Ich habe mein Leben verschwendet
und
Er wird zu mir zurück kehren.
Die Hoffnung, ach, ewig anziehend.

Che Chidi Chukwumerije (05.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LEBEN WIE IM FLUG

Die Kabineninnenbeleuchtung
wie Gardinenstangen
an denen wir hängen in der Luft

Von der Luft gehalten
halten wir die Luft ein

Von der Erde angezogen
ziehen wir irdisch um

Vom Schicksal zusammen gehäuft
dennoch sitzt jeder allein

Manche schlafen und manche wachen
und bald ist der Flug rum.

Che Chidi Chukwumerije (20.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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SCHULDEMPFINDEN

Er ging täglich die Treppe auf und ab
Ein Nachbar sagte, er käme aus dem Grab
Weil er jemandem noch nicht vergab

Ach Quatsch!, er ist aus Fleisch und Blut
Sagte ich überzeugt, es geht ihm gut
Er ist nur Einzelgänger, doch ohne Wut

Ein paar Tage später im Treppenflur
Grüßten wir uns wie immer durch Nicken nur
Von Geisterhaftem an ihm keine Spur

Ich lächelte und gab ihm meine Hand
Er gab mir auch seine, doch es fand
Kein Kontakt statt. Ich traf die Wand!

„Also bist Du doch ein toter Geist!“
„Geist bin ich gewiß, wie Du es heißt,
doch sehr lebendig – wie Dein Auge beweist!

Und Geist bist Du auch, nur hast Du noch
die irdische Hülle, ich nicht, und doch
ringen wir beide unterm selben Joch!“

„Warum kommst immer zu diesen Treppen?“
„Ich möchte den treffen und mich entschuldigen,
den ich mal ermordete auf diesen Treppen.“

Che Chidi Chukwumerije (17.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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