DAS WIR WIEDERBELEBEN

Baum Klassismus
Frucht Rassismus
Wurzel Eitelkeit
Gewässert von der geistigen Trägheit

Täterschaft
Untrennbar von der Untätigkeit
Der Verrätergruß
Untrennbar von dem Verräterkuss

Verraten wurde die Menschheit
In Dir in mir das gekreuzigte Wir
Wiederauferstehen will die Menschlichkeit
Denn unser Grab, siehe: es ist leer.

Sieg der Hoffnung ist es,
wenn der Mut zum Mutmachen mutig bleibt,
wenn der Mut zum Mundaufmachen wiederaufersteht,
wenn der Mut zur Solidarität ewig lebt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE REICHSTEN MENSCHEN

Wenn ich Geld wäre
würdest Du mich ausgeben
oder für Dich behalten?

Mit mir die Welt einigen
oder die Welt spalten?

Armut schaffen oder ausschalten.

Die reichsten Menschen
sind reich mit Menschen.

Und je mehr Menschen sie befreien
desto mehr Menschen sie erhalten
und nie fehlt es ihnen an Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN ÜBERALL

In Asien suchte ich Asiaten
In Arabien suchte ich Araber
In Europa suchte ich Europäer
In Amerika suchte ich Amerikaner
Und selbst in Afrika suchte ich Afrikaner

Und war beinahe irritiert
verwirrt
frustriert
Denn überall fand ich nur
Menschen.

Menschen Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIGRANTEN

Wie schmerzvoll es sein muß
für einen Baum,
seine Wurzeln mit Gewalt aus zu reißen
aus der Heimaterde –

Wie schmerzvoll es sein muß
im neuen Lebensraum
seine Wurzel hineinwachsen zu lassen
in harten fremden Boden.

Wenn Du einen Baum auf der Reise siehst,
auf seinen nackten Wurzeln zu Fusse gehend,
denk bitte an den Schmerz der alten Trennung
und denk an den Schmerz der neuen Bindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN GEDULDETES SEIN

Duldung.
Klischee innewohnend ich nicht versteh.
Anhaftende Anschuldigung.
Wer kam auf die Idee,
das Bleiben-dürfen eines Mitmenschen
als eine Duldung zu bezeichnen?
Wer kam auf die Idee,
die Würde eines Menschen zu nehmen
und im Schutz-gewähren ihn zu schämen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGESCHÜTZTE KINDER

Kinder legen sich heute Nacht zum Schlafen
Nach noch einem anderen Tag harter Arbeit
Fragen sich, warum ihre Eltern verschwunden sind –
Stell Dir vor, das wären Deine Kinder
und Du wärest nicht mehr da.

Das ist keine Poesie
Das ist wahres Leben –
Viele solcher Kinder liegen in diesem Augenblick
irgendwo im Dunkel, verängstigt, verwirrt,
desorientiert, einsam, ausgeliefert, wach.

Sie versuchen, den Sinn zu begreifen
Sie versuchen, mutig zu sein
Sie versuchen, die Hoffnung nicht zu verlieren,
und dann irgendwann, kurz vor Mitternacht,
schlafen sie müde ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MINORITÄTEN

Jede Gesellschaft hat einen Saum,
einen Rand an seinem Außenraum,
weder Abschaum noch nur Schaum;
ein festes Glied, aber klein. Ein Daumen.

Ein Schweigen mit feinem Gaumen.
Alles sehend, alles riechend, alles hörend
Alles meidend, und ergänzend, und störend
Von allem ausgeschlossen, zu allem dazugehörend.

Eine Anklage gegen das Weltgewissen
Eine Infragestellung unseres Begriffs von Wissen:
Warum ist jede Gesellschaft hin- und hergerissen
Zwischen Toleranz und Haß?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS FALSCHE LACHEN

Wie eine freundliche Flagge
Flatterte ich Dir entgegen,
Ein brüderlicher Gruß voller Vertrauen

Doch Du lachtest…
Es war kein unfreundliches Lachen, aber
Irgendwo im Neben- oder Unter- oder Nachklang
Dieses Lachens war kein Lachen
Sondern Gelächter, über mich.

Dir war meine Flagge wohl zu leicht
Zu unwesentlich
Du merktest nicht, daß Du der Wind warst
Der mich in der Sonne richtete und
Fröhlich flattern ließ…

Sondern Du lachtest, die Brise starb
Meine Flagge löste sich von meinen Lippen
Und machte die lange einsame Reise zum Boden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSTÄNDNIS

Was ist ein Freund wert?
Reicht ein Lächeln als Dankbarkeit
Für das Schönste, was er Dir gewährt:
Die traute Zweisamkeit?

Einfach nur Da sein
Auch wenn Du es angeblich nicht wert bist –
Ein Freund läßt Dich nie allein
Auch wenn – weil er muß – Dich anscheinend alleine läßt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung