VERRAT

Ich kenne ein Volk
Das begab sich auf Wanderschaft
Und verlor sein Herz unterwegs in die Leere

Armes Volk
Jetzt lebt es blind im Paradies, doch
Liebt weder seine Nachbarn noch sich selbst

Nicht mal seine todkranken Kinder
Weichen sein hartes Herz.
Nur Essen und Trinken und laute Musik nimmt es noch wahr

Es gibt keinen Morgen mehr.

Che Chidi Chukwumerije.

Advertisements

UNVOLLENDET, MANN

Stark sein müssen
Ist des Mannes Fluch
Wer verzeiht denn dem schwachen Mann,
Der scheitert trotz mehrmaligem Versuch?

Sein Stolz tötet ihn doppelt
Und als wäre das nicht genug
Die Erwartungen der Gesellschaft
Schleppt er mit im Zug

Ich halte hier inne –
In seiner Dunkelkammer drinne
Sieht er alles Negative in einem anderen Sinne…

Aber er kann es keinem erklären
Ohne wie ein Bettler zu erscheinen
Er ist ein Mann, er muß weiter laufen
Und sterben auf seinen zwei Beinen.

– Che Chidi Chukwumerije

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.

HASS OHNE BODEN

Der Hass findet immer einen Weg
Sich zu wehren
Nichts hält ihn zurück, nicht mal
Die größten Lehren
Die stärkste Liebe
Strafe, Scham oder Schmerz
Alles dient nur als Rechtfertigung
Für eine Reise abwärts
Den Gehaßten weiter zu hassen
Auf alter Art und Weise
In neuer Form
Sich angepasst den Regeln von Heute.

Die Nachrichten morgens zu hören
Verdirbt Dir nur den Tag
Was gibt es Gutes noch unter den Menschen
Während man lügt “Guten Tag!”
Wie viele, die Dir täglich begegnen
Hassen Dich wegen Deines Äußeres?
Haben Angst vor Deinem Inneren
Halten sich für was Besseres.

Leben mittels Vergiftung der Seele
Scheint wieder als Motto zu siegen
Hetzen, aufstacheln, dran bleiben
Wir sind wieder im Krieg.
Eine feindliche Übernahme ist im Gange
Doch wer von wem? Und wie und was?
Mir scheint’s, der Menschengeist wurde längst übernommen
Von Trägheit und Eitelkeit und Hass.

– Che Chidi Chukwumerije

UNBEHAGEN

Behagen
Sah ich schlendernd
An allem vorbeigehen
Es roch nach Komfort
Und hinterließ
Uns Unbehagen

Denn seine Augen
Waren fett wie Matratzen
Global ausgeweitete Pupillen
In jedem lag eine Lüge
Verbreitet
Es geht uns gut
Schaut mich nur an

Ein Gedanke für dich
Ein Gedanke für mich…

– Che Chidi Chukwumerije.

MORGEN

Wieder ein neuer Tag
Die Reifen rollen, ich sitze
Sitze fest und ruhig
Das Frühstück war anders heute
Die ersten Minuten sind gut überstanden
Ich bin mein neuer Tag
Geworden.
Tag im Tag.
Ich fahr durch meine Gedanken
Unterwegs zum Büro
Hauptstadt ist eine Urempfindung
Straßen befinden sich im Bau
Immer
Immer wieder
Wieder verstehe ich nur die Bäume
Sie sind, was sie sind
Wie viele sind wir im Bus?
Das einzig Verbindende ist nicht mal ein Gruß.

– Che Chidi Chukwumerije.

DAS DAUERHAFTE GEDICHT

Es fängt manchmal mit dem Gefühl,
Besser noch der Empfinden
An,
Manchmal mit dem richtigen Wort –
Manchmal wächst es, langsam, wie die Harmattan-Jahreszeit
Uns anwächst
Oder die zögernden Regen –
Es fällt manchmal aber mit dem Blick erst auf,
Nicht unbedingt dem ersten Blick,
Oder aber ihm auch doch –
Ein Mensch, der wirklich Mensch ist,
Der lebt unter dem Gewicht der Gegenmeinungen
Der Gesellschaft,
Wie eine Blume in der Wüste setzt er sich aber durch –

Das ist das dauerhafte Gedicht.

Das unsichtbare Gesicht, das bleibt doch das einzige Sichtbare…
Es tut weh, lohnt sich aber,
Der verbrannte Finger hat das leckere Essen gekocht,
Die Erdnuss überlebt das Feuer,
das Kind überlebt sein nächtliches Ungeheuer –
Was Wert hat, ist teuer –
Das Wasser ist teuer, das Wasser und das ewige Feuer…
Am Ende schmilzt alles
in sich zusammen ein –
Rauh ist fein, groß ist klein
Farbig ist farblos

Der afrikanische Urwald
Ein europäisches Grünhaus
Ein asiatischer Garten
Jedes sieht wie das andere aus

Das Menschenauge vertieft sich
Vereinfacht hat sich die Welt
Wir schauen um. Laufen von Zelt zu Zelt,
verirren uns nie.

Die Verbindungen sind so
gründlich –
Aufwiedersehen, ein Wiedertreffen, stündlich –
Ein Lied, ununterbrochen, wie eine Schienenbahn
Das Herz trommelt, das Atem pfeift, das Blut rollt entlang
Du kannst reden, was Du willst, von Rassismus
Von Unterschieden, von Babel, von Kommunikationslücken
Es geht tiefer, Bruder.
Wie auch immer, ich verstehe dich immer.

– Che Chidi Chukwumerije.

MENSCHHEIT

Ich strauchelte denn
Der Weg war deine Sehnsucht
Und immer wenn der Drang
Die Gänge überflutete

Gab es Krieg und wir stritten uns
Über Geld, Politik und Religion, Haben und Sein
Über KulturRasseGeschlechtKlassen und Familie
Und hielten Vortrag über Empfindung

Und feierten Gott und Gottlosigkeiten
Bis dein Drang anders gestillt war
Als ehrlich Schwäche zuzulassen
Und zu lieben statt zu hassen.

– Che Chidi Chukwumerije.

GRÜNES MOOS

Grünes Moos
Was ist los?
Sag nicht bloß
Es wär ein Verstoß
Gegen Gesetz, Liebe, Natur
Daß Sonne und Luft
Lust, Farbe und Duft
Regung, Erregung und Aufregung pur
Mal austrocknen müssen
Nur weil dein sanftes Kissen
Bühne so vieler sanfter Küssen
Langausgezogener gefühlsvoller Tschüßen
Lieber Auf Wiedersehen und Vergehen müssen
Verhärtet ist heute

Gesetz, Liebe, Natur
Sind wie jene leute
Die wir lieben und verstehen nicht
Derentwegen unser Herz bricht
Und sich verspricht
Nie wieder zu genießen
Was wir wieder genießen müssen
Und bestimmt auf Erden
Wieder genießen werden
Im grünen Moos
Der Erde Schoß.

– Che Chidi Chukwumerije

WARM

Warm und vertraut war es einst zwischen ihnen gewesen
Und vor allem menschlich, bodenständig, genugsam
Dann trennten sich ihre Wege und, wie es so häufig ist,
Ihre Wesen und Charakter auch, ohne daß sie es merkten
Denn sie blieben in Kontakt. Als sie sich nach Jahren wieder trafen
Hörte die eine entfremdet und verwirrt zu, wie die andere
Von Materialismus gefüllt, erfüllt und getrieben
Nur noch von Haben und Besitz und Vergleichen sprach
Und erst als sie fragte, wo denn ihre alte Freundin geblieben sei
Lösten sich Schmerztränen, doch sie wurden sich nie wieder warm.

– Che Chidi Chukwumerije.

Dieses Gedicht habe ich als Teil eines Interviews geschrieben, das in Sabine’s Lifestyle-Kolumne veröffentlicht wurde. Das Interview kann man hier lesen.