SOMMERNACHTREGEN

Ich roch ihre Erregung,
angeregt von der Nacht,
die halbe Stadt hing raus,
ging raus und war draußen zu Haus.

Auf einmal kam der Wind
wie schnelle harte Atemzüge,
und ich roch ihre Aufregung –
die ganze Stadt eilte wieder nach Haus.

Doch nicht schnell genug –
Die Böden wurden feucht
Die Menschen wurden naß
und ich roch den dürstigen Regen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WALDSPAZIERGANG

Es schimmerte zutiefst grün im Wald
Es war dunkelgrün, schwärzer wie schwarz
Wo die Dunkelheit herkam, entging mir
Es war Mittag, die Sonne war hell und hart

Aus dem dunklem Untergrund
kroch vorsichtig wie ein Reh ein Gedanke hervor
Blieb mitten im Gefühlschaos stehen
Wir starrten uns wortlos an

Wir trennten uns wortlos von einander,
er zurück in die Tiefe meines Bewusstseins,
ich wieder in das helle Grün des Waldes,
wo ein Reh sich umdrehte und Heim ging.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAGE SIND TAUSEND JAHRE

Der Tag ist so groß,
zeiträumig so groß
Ich verliere mich ständig unterwegs
von Morgen bis Abend

Und weiß am Ende des Tages nicht mehr
wer ich am Anfang war –
Der Tag verändert den Tagträumer
Läßt unverändert den Tagversäumer

Morgenstund hatte viel im Munde
Jede weitere Stunde war mal Wunde,
mal große große Empfindungsrunde,
mal Freude,
beinhaltete immer Bewegung im Grunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RISSE

Als wäre Heute eine Papierwand
reißt sie der Nostalgie entlang…
Heute häutet sich,
trennt sich und tränt,
hält das überraschte Herz gebannt.

Eine Melodie ist ein Pfad,
der sein Gedächtnis nie verliert –
Ein Gedicht ist eine Speicherkarte,
in die die Jugend ihre Träume diktiert
und als Erinnerungen sie dort ewig bewahrt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE NAVIGATOR

In der Landschaft meiner Gedanken
fliege ich, ein Flugzeug,
und ich fliege durch sie hindurch

Denn ich muß tausend Gedanken ignorieren
um den einen zu finden,
der mich unaufhörlich ruft

Ich sehe Euch alle
und ich liebe Euch alle
dennoch muss ich Euch alle verlassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHE SEITEN

Du denkst, Du fährst durch die Nacht
Doch am Ende der Reise
steigst Du aus dem Zug und begreifst
Es ist die Nacht
die durch Dich hindurch gefahren ist.

Weil die Orte die Plätze getauscht haben
und Du bist noch, wo Du warst
Weil Abend und Morgen die Seiten
gewechselt haben
Über Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNBEDIENUNG

Wenn ich mit einer Fernbedienung
Deine Gedanken steuern könnte,
würde es Sinn machen, sie
auf etwas zu lenken, was jenseits
Deiner Vorstellungsfähigkeit liegt?

Da wären die doch verschwendet.
Lieber lenke ich sie auf Blumen,
auf Gütigkeit, auf Menschlichkeit, auf Mut,
auf Deine eigene Innere Stimme,…
aber auf keinen Fall auf mich.

Da wären sie doch verschwendet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung