ABENDS

Ich brauche es
abends
in die Leere meiner Seele
lange zu blicken

und dann
nach einer Ewigkeit des Wartens
zu sehen, wie mein Geist von tief drinnen
Bilder an mich zurück schickt

Alles, woran
ich heute flüchtig dachte
ohne zu merken, daß ich daran dachte
es kommt alles zurück

Flüchtlingskinder, die
vergeblich auf ihre Eltern warten…
Ob meine Kinder – und womit –
geimpft werden

Ab wann Ausländer – egal wo –
Wahlrecht haben dürfen…
Und wo ist mein Bruder heute, der
vor sechsundzwanzig Jahren starb?

Dann ist der Abend vorbei
und ich steige aus meiner Seele
wieder heraus
und das war mein Tag heute.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER NACHTMUND

Lärm.
Der Baum hört seine Gedanken, seine Blätter, nicht mehr.
Lärm.
Das Herz hört das Rauschen seines Botschafters, seines Blutes,
nicht mehr.
Denn die Nacht ist angebrochen.
Mit ihren Millionen Stimmen der Dunkelheit.
Der Mund ist aufgegangen –
Im Märchenwald hört man‘s klarer.
Augen zu. Gute Nacht.
Und morgen alles wieder vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABHÄNGIGKEIT

Ich hielt den Atem an
Überließ Dir den Sauerstoff
Wurde zum Baum

Du läufst an mir vorbei
Sitzt in meinem Schatten
Beachtest mich kaum

Wenn Du atmest, atme ich
Wenn ich sterbe, stirbst Du
Zurück bleibt nur unser Traum

Traum von Freiheit und Freude
Traum von Wahrheit und Wurde
Traum von Lebensraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN KLEINER NACHTREGEN

Als wäre es ein Argument
überschlagen sich die Regentropfen
mit scharfen harten Pointen

Ich verstehe nichts
wenn Ihr gleichzeitig redet

Als hätte er mich gehört
hört der Regen mit einem Schlag
plötzlich auf…

Nein…
Er hat nur innegehalten –

Nun fallen die Tropfen wieder
Sie streiten nicht mehr
Sanft, versöhnend besänftigen sie mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WERDE SEHNSUCHT

Der tieftönige Abend
Atavistisch
Trägt intus keine Erinnerung an den Tag
Er IST der Abend vor dem Tag
Es werde noch kein Licht

Es werde erst Sehnsucht
Jene dumpfe Sehnsucht ohne Gedächtnis
Vorahnen von Morgen
Das raunt die Zaubermacht des Morgens
Verspricht jeden Abend eine neue Welt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung