DIE SAAT IST AUFGEGANGEN

Die Saat ist aufgegangen
Der Haß ist aufgestanden
Das Licht ist ausgegangen

Die eingehämmerten Zerrbilder
Generationenlang verdrehte Schilder
Ihre Augen werden täglich wilder

Es war eine Lüge die ganze Zeit
Sie wussten ganz genau die ganze Zeit
Von den Taten ihrer Eltern Eltern Bescheid

Sie wollen sie in heutiger Zeit wiederholen
Sie lassen freudig die Lachmasken fallen
Wagen sich endlich raus mit den Krallen

Man schämt sich für sie
Denn selbst schämen sie nie
Was noch beschämender ist – und wie.

Wie überbrücke ich gezwungene Ferne?
Wie tue ich herzlich, was ich tue gerne?
Laterne, Laterne, Sonne, Mond & Sterne.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LÄCHELN

Es war einmal ein Lächeln
Ungeschützte Fackel im Sturm
Tapfer lächelnd dennoch, warm.

Der erste, der auf es schoss
War wegen seiner Andersart erbost
Schloss das Herz vor Gewissen, Schmerz.

Die zweite, die schoss aus Rache
Denn sie rief es mit einem Locklachen
Es erwiderte, wich, mit nem Lächeln zurück.

Die nächsten, die hassten das Lächeln
Einfach so. Liebten nur Macht.
Lächeln war gedacht als Machtspielchen

Locklächeln als Mittel zum Endziel
Auch der Hass kann lächeln, kalt und viel
Der Griff ist kalt. Der Topf wut-heiß.

Doch alle unterschätzen das Lächeln
Das echte, starke, warme, menschliche.
Letztes Lebenszeichen der Geistesfackel

Es wird sich diesmal wehren.
Als letzter Überlebender Gestern‘s Lehren
Wird es anstecken, und sich vermehren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ICH-GRENZE

Die Ich-Sonne
Im Zentrum des Ich-Sonnensystems
In mitten der Ich-Galaxie
Im Herzen des Ich-Universums

Diese Ich-Sterne
Mit nach Intern gerichteter Schwerkraft
Verbiegen die Aussicht aufs Externe
Beziehen alles auf die eigene Eigenschaft

Es fällt ihnen schwer
Zu begreifen, zu akzeptieren, zu glauben,
Daß manche Menschen einfach mehr
Können, als sie selber vermögen.

Ich-All
Ist nimmer Licht-All.
Ergo: Egotrip, der Ich-Knall
Ist eher Dimmer des Licht-Alls,
Et al, et al.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WIE KANNST DU MICH LIEBEN?

Wie kannst Du mich lieben
Wenn Du mich doch hasst?

Willkommen will nicht kommen
Kommt nicht willens, ist eine Last.

Willkommen, wer will kommen?
Komme was will, Ihr Lieben
Hier findet Ihr, aber nur kurz, Rast

Meine Kinder werden‘s hier vielleicht lieben
Ihretwegen fühl ich mich willkommen
Aber nicht zuhause, denn ich bleibe Gast.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HOTELZIMMER

Nichts ist so einsam
Wie ein Hotelzimmer –
Zurück, meine Gedanken reisen zurück
Zu meinen Geliebten, Herd und Heim
Voran, meine Gedanken eilen nach Vorn
Zu meinem Ziel, Wiederdaheim –
Diese Wände sprechen nicht zu mir.

Diese Wände sind einsam
Keiner bleibt, der kommt –
Jeder hinterlässt ein Stück Einsamkeit
Ein Stück Verlangen nach Herd und Heim
An diesen fremden Wänden undankbar
Jeder will nur Da sein: Wiederdaheim –
Diese Wände schweigen mit mir.

Doch. Ein paar Tage später
Beim Verlassen den Ort meiner Einsamkeit
Spüre ich etwas Unerklärliches
Denn wer trennt sich denn gerne
Von seiner Einsamkeit?
Dem einzigen Moment, in dem
Ein Mensch sich selbst begegnet.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VERRAT

Acht Kräuter gegen einen Baum
Acht Planeten oder neun?
Gib Acht, gib Acht
Sonst wirst Du es bereuen.

Wenn Blumen eine Blume fressen
Wenn Freunde die Freundschaft vergessen
Wenn Rat sich fügt zum Verrat
Und Ver-ein sich ent-zweit unterdessen

Gib Acht, gib Acht
Es wurde nie Fiktion geschrieben
Die nicht basiert war
Auf Wirklichem einst getrieben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LEICHT SCHWIERIG

Es ist schwierig
In schwierigen Zeiten
Schwierig zu bleiben
Wenn schwierig Deine Art ist
Denn das macht alles nur noch schwieriger

Leichter wäre es
Leichter zu werden
Leichter werden
Fällt Dir aber schwierig

Also bleibst Du schwierig
Was Deinen Weg schwierig macht
Dich aber leicht
So leicht
Daß Du jeden Weg leicht gehen kannst
Auch die schwierigsten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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DIE ANTIBLUME

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Wie eine Antiblume
Ist der Hass erneut aufgeblüht
Er wurzelt mitten im Seelenreichtum
Aller Kulturen; gedeiht; versprüht
Den Duft der Angst und Irrtümer
Und vergiftet Verstand und Gemüt.

Und blüht mit Misstrauen und Neid
Im Antiblumendreiklang
Die Diplomatie ist ihr nettes Kleid
Systeme stehen unter ihrem Zugzwang
Und – Ihr ahnt es – es folgt das Leid
Wieder, ihr Höhepunkt, ihr Abgesang.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHICHTDIENST

Armut in der Mittelschicht
Das Schmiermittel wird dünn
Wechselt die Farbe von rot zu grün
Das oben und unten reibungslos schlichtet

Unbezahlte Rechnung der Mittelschicht
Von unten wird nach oben gegengedrückt
Arm werden macht in der Tat verrückt
Und dann wird alles Reiche vernichtet.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ARBEIT ALS MENSCH

Ein Wink
Pushback-Marshall zum Pilot
Mechanisch, Prozedur nur
Doch ein Lächeln bringt es zum Leben
Mensch zum Mensch sagt Auf Wiedersehen
Und meint es auch.

Gute Reise
Leb wohl
Auf Wiedersehen
Arbeit und Technik und Systeme
Sind nur Bühnen und Werkzeuge
Nur Mensch ist Mensch.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung