DIE ZUKUNFT IST WEIBLICH?

Es ist nicht leicht, hört man häufig, ein Mann zu sein heutzutage. Der Mann muß sich neu klären, um innerlich in die Lage zu kommen, seine Art, Fähigkeiten und Kräfte unter den Bedingungen der modernen Menschenart zum Einsatz ganz bringen zu können, ohne verroht zu wirken. Der Klärungs- und Umwandlungsvorgang bedingt das sich Auseinandersetzen mit der Frage, als Mann: was bin ich? Dieses sich Auseinandersetzen mit dieser Thematik soll ein lebendiges sein, im Erleben und in der Selbstreflexion im Licht der Wahrnehmung der eigenen Art des Handelns, Seins, Denkens, Empfindens und Reagierens im Erleben selbst. Es geht darum, die Männlichkeit irgendwie wieder und ganz zur Geltung zu bringen. Denn vorgeschlagen in dieser Frage ist die Andeutung, daß die Männlichkeit in bisheriger Form keinen Wirkungskontext in der modernen und in der kommenden Gesellschaft mehr hat.

Was ist jedoch Männlichkeit? Das Innehaben von Führungspositionen war von jeher für die Männlichkeit ein selbstverständliches Bestandteil seines Selbst, Selbstbilds und Wirkens. Genau aus diesem Grund kommt vielleicht ein Teil der heutigen Männlichkeit kaum klar mit den Formen der tragenden Strukturen der jetzigen Gesellschaft, die nicht nur zulassen, daß die Weiblichkeit in großen Zahlen an Führungsinstrumenten und Machtpositionen gelangen, sondern dies zum Teil sogar bedingen und unausweichlich machen. Je mehr immer höheren Gipfeln der Zivilisation, der Technik und der Sozialwissenschaft zugestrebt werden, desto mehr wird Platz für die Frau geschaffen, nicht nur neben, sondern auch teilweise vor dem Mann. Denn das Hauptwerkzeug, mit dem in der Vergangenheit genau dieses stets verhindert werden konnte – die brutale rohe körperliche Gewalt, wenn auch nur als Andeutung in der Kultur zusammenhängend – gilt nicht mehr als zugelassenes Mittel in diesem Kontext.

Jetzt gilt es also, Mann zu sein ohne den mit direkter oder angedrohter Gewalt unterstutzten Anspruch auf Führung mit in die Waagschale zu werfen. Jetzt gilt es also, das ursprüngliche Selbstbild des verklärten ideal-sein-wollenden Mannes zu erfüllen, “Ritter” zu werden. Jetzt gilt es also, mit der Macht des innewohnenden Geisteswesens männliche Kraft zum Zwecke der Beschützung und der Raumschaffung für das Gedeihen des Ganzen, sowie seiner Weiterentwicklung, einzusetzen. Beherrschung transformiert sich und hebt sich auf die Ebene der Selbstbeherrschung; und Druck ausüben reift zum “Sich zum Ausdruck” bringen. Unterdrückung weicht dem gegenseitigen kritischen Erleben von einander. Das Formnehmen und Inhaltgeben dieses Grads der Zivilisation zu ermöglichen, zu begleiten und zu beschützen, ist als Herausforderung der höchsten Gewaltpotenz der Männlichkeit ebenbürtig und ist deshalb den Versuch wert.

Die Frage nach den Wirkungswesen und Wirkungsformen des modernen Mannes läuft einer anderen Überlegung vorbeugen wollend, ungültig machen wollend, voraus. Die Überlegung, ob es überhaupt noch Platz gibt für die Männlichkeit, vor allem in bisheriger Zusammensetzung, in der sich heranreifenden Zivilisation. Ob also das Zeitalter der männlichen Vorherrschaft langsam abgebaut wird und ersetzt durch eine Neuzeit der bestimmenden Wirkung weiblicher Führung. Als vor einigen Jahren FIFA mit dem Slogan kam – “Die Zukunft des Fußballs ist weiblich” – wurde, ob bewußt oder nicht, das angenommene Versetzen eines globalen Paradigmen lokal angepfiffen. So was löst in manch einem männlichen Bewußtsein, gefesselt durch subtile Ketten, einen Zustand aus, der von einigen als Krise wahrgenommen, jedoch von anderen als Anregung zur Neudefinierung von Männlichkeit und von Begriffen wie männlicher Stärke angenommen wird.

Denn – und auch diese Frage lässt sich stellen: Was ist wenn die Zukunft des (Fußb)alls auch gar nicht weiblich ist… sondern einfach menschlich?

[Der lyrische Mittwoch, Folge 15] Aka Teraka – FERNERHIN

Vielen Dank an Sebastian Schmidt für das Interview/Gespräch. Es war mir eine Freude, am lyrischen Mittwoch teilnehmen zu dürfen.

PS – “Aka Teraka” war zu jener Zeit mein Pseudonym.

HIER oder unten in voller Länge zu lesen:

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via [Der lyrische Mittwoch, Folge 15] Aka Teraka – FERNERHIN.

GRUPPENDYNAMIK UND DER PREIS DES FREMDSEINS

Dennoch musst Du den Kopf hoch heben, oder gerade deshalb. Nur eine Option wird Dir überlassen: stark sein.

… Dich nicht definieren zu lassen von der fremden Gruppe, dessen andersartiger ergänzung-bringender Teil Du schicksal-gesteuert geworden bist, sondern Dein höchstes Menschenrecht in Anspruch zu nehmen – das Recht auf eigenständiges Denken – und die Freiheit experimentierend und suchend durch das Leben zu gehen, auf der Suche nach der neuen Menschheit, vor allem in Dir selbst – …

… Dir nicht klischeehafte Rollen geben zu lassen, sondern das eigene Wirken selbst suchend zu entfalten – …

… ist die größte Sünde, die Du begehen kannst, und wirst dafür den höchsten Preis bezahlen. Trotzdem lohnt es sich, diesen Weg zu gehen, denn das Menschsein – Dein Menschsein – ist unbezahlbar.

Kein nutzbringendes Teil tut es vielleicht aus dem Grunde weil es ihm leicht gemacht wird; sondern weil es einfach nicht anders kann, als seine Umgebung zu prägen und mitzugestalten. Das ist die Eigenart eines lebendigen Menschengeistes.

Weder Politik, noch Sport, noch Ausschweifungen, noch soziale Angelegenheiten, noch Liebesbeziehungen, noch Familie, noch Geld anhäufen, noch Trägheit, noch so viel mehr, wird Dir reichen oder den Hunger in Dir nach der Frage stillen: Was bin ich?

Und Du wirst suchen – in der Fremde und auf heimatlichem Boden – nach Etwas, das tief in Dir selbst schlummernd liegt.

Entfalte Dich, Mensch. Kokon und Schmetterling.

– Che Chidi Chukwumerije.

MENSCHENGEIST

Kann man ohne politisch zu sein trotzdem den Zeitgeist treffen, spiegeln, sogar beleben, treiben, lenken? Kann man in seinen Handlungen, auch wenn sie weder politisch noch politisch-motiviert sind, Lösungen entsprechen, die jenseits der Findungsmöglichkeit aller formellen und informellen politischen Bestreben liegen?

Das politische und politisierte Ausleben vom individuellen und Gruppen-Innenleben, so scheinbar unvermeidbar und wichtig es ist – … manchmal kommt mir vor, als fahren wir im grossen Kreis von Generation zu Generation und nennen es Fortschritt. Wir haben jedoch irgendwo drinnen in jedem von uns auch ein nicht-politisches Teil. Wir spüren es, fühlen uns aber unsicher darüber, wie und in wie weit wir es zur Geltung kommen lassen dürfen oder können. Denn die politisch-gepolten Stimmen raten uns stets davor ab. Irgendwann wissen wir dann gar nicht mehr, wie das geht.

Als ich im Internat in Lagos war, von ’85 – ’91, hatten wir Mitschüler, Muslime, aus dem fernen nigerianischen Norden. Am Anfang waren wir alle 11-jährige Kinder. Doch als wir 16, 17, wurden, in den letzten Jahren, Monaten und Semestern vor dem Schulabschluss, spürte man es. Einige von ihnen wurden irgendwann in den Ferien anders, glaubensgerecht, sozialisiert, grenzten sich unmerklich bei aller Freundlichkeit ab, sprachen häufiger mit einander in ihrer Sprache, beteten ernsthafter, reagierten empfindlich auf religiöse Themen; ‘wussten’, wer sie sind. Manche sagten trocken, sie mussten sich ja vor den ‘wiedergeborenen’ Christen Stand halten. Die Wiedergeborenen, die Born-agains. Einst waren auch sie sorgenfreie Schulkinder. Jetzt treffen sie sich abends, reden laut in Zungen und verteilen Plätze in Himmel.

Irgendwann, irgendwo, irgendwie, aus welchem Grund auch immer, wird alles politisch – Religion, Ethnie, Nationalität, Alter, Geschlecht, Ideologie, Sexualität, Bildung, ‘Rasse’, Klassengeist, Gesellschaftswesen, Gesundheitsstand, selbst Sport und Freizeitaktivitäten. Auch dann wenn es sich nicht als politische Parteien ausdrückt – denn das tut es selten. Irgendwann wird trotzdem alles zur Politik oder zum Spielball der Politik.

Da die Politik historisch mit dem Erstehen des Staatswesens oder der Gruppenbildung – welches wiederum im Zusammenhang mit Kriegsführung oder Überlebenskampf und Ausdehnungsbestreben sich bildete – ihre Seele fand, wird sie leider vermutlich immer untrennbar von Auseinandersetzungen sein. Wahrscheinlich aus diesem Grund der Versuch der Relativierung durch die Trennung in ‘gute’ und ‘schlechte’ Politik, die je nach macht-habende oder macht-anstrebende Ideologie stets anders definiert wird. Der Mensch, es wird häufig behauptet, ist einfach und grundsätzlich ein politisches Tier.

Doch in dem Augenblick, wo das System zu überhitzen oder zu überkochen droht und alles außer Kontrolle gerät, da spaltet sich die Menschheit bei den entscheidenden Lebensfragen in zwei grundunterschiedlichen Gruppen. – Die eine grabt sich noch tiefer in sein politisches Wesen hinein, greift nach dem Urgefühl seines sozio-politischen oder politico-ideologischen Verstandes zurück und sucht dadrin Halt, Schutz und Orientierung.

Die andere befreit sich Licht suchend von allen Deutungen, Hetzereien und Debatten und tastet wieder nach dem Funke der eigenen nicht-politischen Inneren Stimme, nach seinem eigenen freien und unbeeinflussten Menschengeiste.

– Che Chidi Chukwumerije.

LEBEN

Ich habe mich dazu entschlossen, nicht mehr zu sterben. Nicht mehr mich hin zu legen und tot zu stellen. Denn ich habe aus Erfahrung gelernt: wenn man das tut, dann stirbt man wirklich. Zu meinem Erschrecken. Nettsein ist manchmal eine langsame Form des Selbstmords.

Dann dachte ich daran, was das bedeutet, wenn man nicht mehr sterben will und sich nicht mehr tot stellen möchte. Ich dachte an all die Gesellschaftsregeln, die man brechen wird, all die Höflichkeitsformeln, die fortan missachtet werden müssen, an all die Beziehungstabus, die man begehen wird. Überlegte, wie viel Neues, wie viel Neuland, erschaffen werden würde. Wie viel Aufwirbelung entsteht, wenn einer zum Leben erwacht. Wie viel Altes stirbt. Und ich atmete auf, als mir zum ersten Mal bewusst wurde, wie nah ich dem Tode gewesen bin.

Ich dachte daran, wie viele Menschen ich erschrecken und enttäuschen werde. Daran, wie viele moralische Vorstellungen oder geistige Wahrnehmungen ich verletzen werde und ich wurde wütend, weil mir dann klar wurde, wie viele Handschellen die Unfreien den Freien anlegen, wie viele Gefängnisse die Mutlosen errichten, damit ja keiner auf Entdeckungsreise sich begibt; wie verlockend die Herrschsucht ist.

Dann erinnerte ich mich an die, die mit aufleben werden, sollte ich wieder auferstehen, die sich freuen werden, die sich bestätigt fühlen werden. Die den Mut finden werden, die Angst zu überwinden und das Leben auch selbst weiter zu wagen. Ich habe mich des Lebens und der Lebendigen und Lebendig-sein-wollenden besonnen. Derer, die mich stärken und inspirieren und verstehen und lebendig erhalten.

Ich habe mich dann dazu entschlossen, nicht mehr zu töten, nicht mehr den Tod anderer Menschen zu fordern oder zu ermöglichen, geschweige denn selbst auszuführen. Keine Träume mehr zu würgen oder zu stehlen oder zu verspotten. Keinen Menschen innerlich zu töten. Und ich dachte daran, was das in der Beziehung bedeuten würde, in der Freundschaft, in der Familie, bei der Arbeit, im Zivilleben, in der Gesellschaft, selbst in der Feindschaft, in der Gegnerschaft. Daran, wie viel an Selbstbeherrschung und Entbehrung das mir abverlangen würde. Und ich wusste nicht immer, wo die Grenze, wo die Linie dazwischen verläuft. Die Grenze zwischen dem Leben und dem Tod.

Denn ich erschrak, als ich vor meines Geistes Auge die Gesichter all der fremden, all der verhassten und all der geliebten Menschen sah, die ich getötet habe oder deren Tod ich verlangt oder im Kauf genommen habe, konsequent, mein ganzes Leben lang. Wie viele Hoffnungen, wie viele Versprechen, wie viele Träume, und wie viele Innenleben habe ich schon lebendig begraben? Daß etwas subtil getan wurde, heißt nicht, daß es nicht getan wurde. Aus Angriffslust oder zur Selbstverteidigung.

An all diese Dinge dachte ich, heute Nacht und gestern Nacht und vorgestern und davor. Und ich konnte mein Denken nicht mehr rückgängig machen. Noch meinen Entschluß. Noch meine Wege. Und ich ahnte es, teils lähmend, teils Ansporn gebend: leben ist schmerzvoller und schwieriger als sterben. Leben und leben lassen.

– Che Chidi Chukwumerije.

TRANS-PARENT

Es hat eine alte Erkenntnis heute bei mir sich wieder bestätigt. 99% schaffst Du selber. Das letzte Stückchen jedoch liefert stets ein anderer. Du stellst ein Bild zusammen – und ein anderer erkennt es wieder und zeigt Dir, was das ist.

So schrieb Puzzleblume heute als Kommentar zu meinem Gedicht “Time Stands Still”:

“My sudden idea coming up with the suggested image was “trans-parent” – in Worte übertragene Sinne sind manchmal kaum zu fassen, aber erschaffen übertragbare, plakative Bilder: ein eigenartiges, schönes Phänomen.”

Und da war das Wort, der Begriff, den ich seit Monaten gesucht, empfunden und doch nicht gegriffen habe, auf einmal da. Das Wesen, gar der Geist, meiner Dichtung.

So einfach, so schön. Vielen vielen Dank!

Es gibt einen Stammbegriff, ein Urbild, einen Anfang und Ausgangspunkt, den Parent. Er lebt im Erzeugten weiter und gibt sich im Bilde wieder, das zum Schluß entsteht, dort wo der Betrachter am Ende ankommt. Er ist zugleich Anfang, Weg und Ziel; Geber, Mittler und Empfänger. Er fängt als verborgener Samen an und klärt sich auf dem Entfaltungsweg zum Gebilde.

Er klärt sich, erklärt sich nie. Er öffnet, vermittelt und zeigt sich so, wie er ist.

Er ist trans-parent.

Che Chidi Chukwumerije.


(PS – Nicht lachen, aber wie zum Teufel soll ich das jetzt auf englisch übersetzen? Ein bißchen Schwund ist immer. Englisch ist meine erste Sprache, deutsch – meine dritte –  habe ich erst mit 19 gelernt. Aber es gibt Dinge, die kann ich nur auf Deutsch richtig sagen. Das verstehen viele nicht und halten mich für strange. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag…

Ich glaube, ich nehme einfach irgendwann neuen Anlauf und drücke es in meinen anderen Sprachen auch völlig anders aus. Denn beschreiben darf ich es nicht, umschreiben noch weniger, wenn es trans-parent bleiben soll. Ein bißchen Schwund ist nimmer.)

START

EIN ANDERER UMGANG MIT DU UND SIE

Sie, nicht weil Sie mein Vorgesetzter oder meine Chefin sind, sondern weil wir einander innerlich fremd sind…

Du, nicht weil wir Kollegen oder Nachbarn sind, sondern weil wir geistig im Gleichklang schwingen.

Und Sie, obwohl wir gleichalt sind, und in den selben Bekanntschafts- oder Arbeitskreisen uns befinden, sind mir irgendwie fern… ungleichartig… und intuitiv zolle ich Ihnen den dazu nötigen Respekt, Ihren Raum…

Und Du, obwohl wir uns erst kennen gelernt haben, oder es anscheinend uns nichts verbindet, was Nähe zulässt, bist mir vertraut ohne Ende und ich fühle mich bei Dir zu Hause und in der Gesellschaft eines Freundes.

Und selbst wenn einige die Sprache zum politischen Machtinstrument des Teilens und Herrschens, oder zur gesellschaftlichen Umgangsform des Lügens, des Verbergens und der Grenzüberschreitung abwerten…

bleibt trotzdem des Menschen Wort dessen BUND, denn seine Aus-sprache ist jeder. Höflich, Sie. Ehrlich achtungsvoll.
Vertraut, Du. Intim und sehr vertraut.

Che Chidi Chukwumerije.

KEIN MAL AM TAG

Bist Du schon mal hungrig gewesen? Dreimal am Tag besucht er. Dreimal am Tag schickst Du ihn weg. Aber sag, kennst du ihn wirklich, den Hunger?

Kennst du seine Gesichtszüge? Die vielen verschiedenen Blicke seiner Augen? Seinen Gang? Seine Gedanken?Habt ihr euch mal mit einander
Tagelang unterhalten? Ist er schon mal bei dir wochenlang Eingezogen? Er ist Hausmeister. Hast du monatelang bei ihm gewohnt? Hungers Gast. Ein eifersüchtiger Liebhaber ist er. Er will alles, aber alles. Und sollte er dich nur einmal jahrelang in seinem Gefängnis einsperren, was wirst du tun?

Atemlos – er macht atemlos
Sprachlos – er macht sprachlos
Machtlos – er macht machtlos

Ein Gesicht.
Das Kind dadrüben im Staub
Das zart lächelnde…
Ich weiß, es hat heute noch nichts gegessen
Das sehe ich in seinen Augen.
Kein Lächeln kann
Hungers Gesichtsausdrücke
Verschleiern.

 – Che Chidi Chukwumerije.

MUT ZU LIEBEN

Die Angst, verlassen zu werden, führt dazu, daß ich die Menschen verletze, von mir vertreibe und selbst als erster sie verlasse. Um dann selbst da drunter zu leiden.

Die Angst, zurück gewiesen zu sein, veranlasst mich dazu, den Menschen nicht zu sagen oder zu zeigen, genau wie viel sie mir bedeuten und wie sehr ich auf sie angewiesen bin. Denn ich habe Angst, sie würden diese Macht, die sie über mich haben, missbrauchen.

Weil ich von anderen nicht verletzt werden möchte, verletze ich lieber nicht nur sie, sondern auch mich selbst, bevor es so weit wird.

Diese Angst ist meine Wunde. Nicht die Angst zu versagen oder zu sterben oder gar andere zu enttäuschen, sondern die Angst davor, von jenen Menschen verletzt und verlassen zu werden, die ich am meisten liebe, brauche und will. Und aus dieser Angst heraus lasse ich diese Menschen gar nicht erst an mich heran oder ich verletze sie und treibe sie fort. Ich konnte immer den Schmerz dieser Verluste ertragen. Dieser Schmerz war mir ertragbarer, als wenn ich von diesen Menschen selbst verletzt und verlassen wäre – in einem Augenblick, in dem ich voller Vertrauen es nicht erwarten würde.

Aber der Schmerz, den ich dadurch diesen Menschen zugefügt habe, war mir zwar nicht egal, doch habe ich ihn mit in Kauf genommen, ausgeblendet und relativiert, manchmal sogar gewollt, damit sie einen Schritt von mir zurück weichen würden. Deren Schmerz war mir lieber als meiner. Oder: unser beide Schmerz war mir lieber als meiner allein. Wer sich selbst Schmerz zufügt, kann ihn besser ertragen. Ich liebe die Einsamkeit, weil allein sie mich von alleine nicht verlassen kann.

Jedoch bin ich irgendwann zu weit gegangen, so weit, daß ich genau den einen Mensch getroffen, verwundet, verjagt und verloren habe, den ich tatsächlich am meisten liebe, brauche und will, und vor allem, auf den ich doch nicht verzichten kann – eigentlich das, was ich immer erreichen wollte. Doch wurde diesmal in mir ein Schmerz ausgelöst, ein Verlust erzeugt, der sich als unerträglich erwiesen hat. Bittere Ernte. Das hätte ich nie erwartet. Das, was mich schützen sollte, hat das Gegenteil bewirkt: mich verwundbar gemacht: Mein Gleichgewicht ist fort und ich weiß nicht, was für Folgen das auf mich langfristig haben wird.

Eine positive Folge ist, daß ich diese Wunde nicht mehr als Angst einstufe, sondern als Feigheit. Dieses Umbenennen hat Wunder bewirkt. Auf einmal habe ich buchstäblich und tatsächlich die Angst verloren und hab stattdessen einen Gegner bekommen, den ich besser greifen und niederstrecken kann. Denn diese Feigheit habe ich seit dem niedergelegt und zeige jetzt den Menschen, vor allem den mir wichtigen oder wichtig werdenden, das, was ich vorher vor allem ihnen immer versteckt habe. Das wiederum hat in Folge mir in jüngster Zeit viel Schmerz aber auch viel Freude gebracht. Am wichtigsten aber habe ich die Freiheit gewonnen und die Gewissheit, ich lebe.

Eine zweite positive Folge ist, daß ich viele Entscheidungen endlich getroffen und umgesetzt habe, oder am Umsetzen bin, die lange in mir gestaut haben, auf den Mut zum Handeln harrend. Erfolg oder Niederlage ist vorerst nicht das Wichtige, sondern das Handeln selbst.

Nicht desto trotz schmerzt innig und belastet mich sehr der Verlust dieses einen Menschen und hat mich kurzzeitig sogar an den Rand des Wahnsinns und des Selbstmords getrieben. Seit dem ich allerdings diese Phase überlebt habe, habe ich den Eindruck, ich kann alle anderen Schmerzen und Komplikationen und Auswirkungen, die mit diesem Fall zusammen hängen, fest ertragen. Ob das gut ist oder schlecht, vermag ich nicht zu beurteilen. Dafür kenne ich mich im Fach Psychologie zu wenig, eigentlich gar nicht, aus.

Ich weiß nur, daß der Weg vorwärts für mich in der Wahrhaftigkeit zu mir selbst liegt und in der Bereitwilligkeit, mich auch der Gefahr des Herzensleidens zu öffnen. Ich glaube, das ist das, was die Menschen Vertrauen nennen. Ich nenne es lieber den Mut.

Und ich glaube, das war letztendlich der Sinn meiner Beziehung zu diesem Menschen. Nicht der Mensch selber, sondern das Herausbrechen aus meiner Schale. Alles andere bleibt jetzt ver-gangen. Die mir wichtigen Menschen bleiben gegen-wärtig, präsent, in meinem Leben.

– Che Chidi Chukwumerije.

OMEN

Manchmal liege ich namenlos da und weiß nicht, wer ich bin. Und bin glücklich.

Ich rufe mir alle Namen ins Gedächtnis, die ich jemals hieß oder noch heiße, im Spaß und im Ernst, doch – merkwürdig – keiner von ihnen trifft zu.

Ich habe mich daran gewöhnt, mich an meinen eigenen Namen nicht mehr erinnern zu können.

Vielleicht habe ich dadurch die Möglichkeit, wirklich Ich zu werden, Ich zu sein, mich (wieder) zu finden und zu erkennen – nicht im Namen nur, sondern tatsächlich im Wirken.

– Che Chidi Chukwumerije.