Tagebuch 14: ÜBERALL

Der Straßenmusiker an der Ecke mit Rücken zur Deutschen Bank Filiale. Er sieht aus wie ein Südamerikaner, korrigierte mich aber, als ich meine Vermutung aussprach. Er komme aus Ungarn. Er spielt eigentlich ganz schlecht, hat offensichtlich nicht mehr als fünf Lieder in seinem Repertoire. Dafür singt er mit großer Inbrunst und hat ein freundliches, hoffnungsvolles Lächeln für jeden Passanten. Vor Kurzem, nach Beendigung seines zweiten Liedes, machte er eine Grimasse und ballte seine Finger mehrmals in Fäuste und sagte mir mit sorgenvoller Stimme, seit einiger Zeit tuen ihm die Hände weh, er wisse nicht warum. Selbst im Winter habe er noch stundenlang ohne Schmerzen spielen können. Der menschliche Körper ist manchmal so, war meine Antwort, hält durch schwierige Zeiten eisern durch, und fängt dann an zu meckern, wenn es ihm eigentlich gut geht. Als Ausgleich, so zu sagen. Er schaute mich nicht ganz überzeugt an. Meinen Sie?, fragte er. Könnte sein, sagte ich. Es gibt Tage, an denen ich vorbei laufe ohne zu stoppen, nicke ihm aber immer zu; dann gibt’s Tage, wo ich mir sein fünf Lieder Repertoire anhöre. Obwohl er kein guter Gitarrist ist, ist er ein guter Performer. Ich ziehe immer seelenbereichert weiter, lasse ihn fünfzig Cent reicher zurück. Die Welt hat sich gut in religiöse, kulturelle, idealistische, sexuelle, geopolitische und rassistische Gruppierungen geteilt. Doch überall wird weiterhin eines alles nüchtern einigen, nämlich das, was wir täglich in jeder Gesellschaft, unter allen Gruppierungen, immer gesehen haben, immer sehen werden: überall gibt’s reich und überall gibt’s arm. Und überall gibt es Menschheit.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 13: BESCHISSEN ZERRISSEN

Ein älterer, großer, schlanker, in sich versunkener, einsam wirkender Herr geht mit seinem kleinen goldenen Hund zweimal, manchmal dreimal, am Tag ganz langsam spazieren. Ich weiß nicht, warum ich immer einen Bogen um ihn mache. Es irritiert mich, mein eigenes Verhalten. Es ist etwas in seinem Blick, wenn er einen anschaut. Er bleibt oft minutenlang stehen und lässt den kleinen goldenen Hund an der Leine rum springen. Dabei beobachtet er die Passanten, die Häuser, die Strasse, mit seinen denkenden dunklen Augen, die im starken Kontrast zu seinen weißen Haaren stehen. Manchmal nickt er mit dem Kopf, seine Augen durchbohren mich, beim Nicken lächelt er ein wenig, meine Tochter hat vor seinem Hund Angst, was den Herrn irgendwie traurig zu machen scheint. Ich ärgere mich selber über meine Abneigung, denn er hat noch niemandem irgendwas angetan. Vor kurzem trafen wir Lina und Holger, unsere Nachbarn, auf dem Gehweg. Ihre kleine Tochter und unsere spielten und lachten mit einander, während die Erwachsenen plauderten. Dann kam der Herr mit seinem Hund die Strasse hoch. Als er an uns vorbei ging, schwiegen alle und schauten weg und wir drückten unsere kleinen Kinder an uns. Ich merkte, wie ein Blick von ihm uns streifte, dann verschwand er langsam um die Ecke. Es war merkwürdig, wir schauten uns alle an und Lina fragte, wieso der Herr diese Wirkung auf alle hatte. Im kurzen Gespräch darüber stellten wir alle fest, daß wir alle ein schlechtes Gewissen hatten und uns darüber schlecht und beschissen fühlten, daß wir grundlos so über den alten Herrn dachten und redeten, einfach nur weil wir kleine Kinder hatten und er immer allein war und so einen schmerzvollen, unheimlichen Blick in seinen denkenden Augen trug. Es schmerzte uns sehr, jemanden aus der Ferne verurteilt zu haben und irgendwie trotzdem unfähig oder unwillig zu sein, unsere Meinung zu ändern, noch unsere Reaktion, noch unser Verhalten. Eltern dürfen paranoid sein, behauptet meine Tante. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf… Die Linie zwischen Vorsicht und Vorurteil, Schutz und Diskriminierung, zwischen Angst und Rufmord, ist hauchdünn. Aber wir sind alle Gefangene unserer Vorsicht geworden. Alle fühlen sich ein bißchen sicherer – doch es macht keinen wirklich glücklicher. Jedoch wird niemand die Spielregeln ändern – und manchmal bist du auf der einen, manchmal auf der anderen Seite der Ängste und Vorurteile.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 12: GESCHENK DER BERGE:

Fast durchgängig waren die Berge unsichtbar, in Nebenschleier verhüllt, so daß man wusste, sich daran erinnerte, daß sie da waren, da sind, aber sie nicht mehr sehen, greifen, zum teil nicht mehr begreifen konnte; ein bisschen vergaß man auch, wie sie genau aussehen. Und ich dachte zu mir, daß das wie Gedanken, wie Träume, wie Ideale sind, an die man glaubt, zu denen man aber immer wieder die Verbindung verliert. Und doch weiß man, ich glaube an etwas, etwas Urtiefes und Unerschütterliches, selbst wenn ich in diesem Augenblick nicht mehr richtig weiß, was es ist. In diesem Augenblick, in dem meine Sinne vom Rausch des Genusses benebelt sind, meine Ein- und Übersicht von der Binde tausend übernommener Fremdgedanken zugemauert sind, meine innere Ruhe vom Tosen entflammter Hänge und Schwächen zerrissen ist, meine Entschlusskraft von Angst vor Versagen gelähmt ist; genau in diesem Augenblick redet meine innere Stimme zu mir, erinnert mich daran, daß ich an etwas glaube, was größer ist, als alle diese Ketten und außerhalb des Geltungs- und Wirkungsbereiches deren Grenzen felsenfest steht. Und das genügt. Selbst wenn ich die Orientierungsberge meines Innenlebens nicht sehe, reicht bereits das Wissen von deren Vorhandensein als zwischenzeitlicher Halt… bis die Sonne die Bahn der Nebel wieder löst. Morgen fahren wir nach Frankfurt wieder zurück. So wenig Sonne, so viel Regen, Nebel und Kälte habe ich Ende Mai hier in den Bergen nie erlebt. Und doch hat genau dieses Erlebnis mich mit der Erkenntnis bewaffnet, die ich in den kommenden Wochen und Monaten der inneren Benebelung immer wieder brauchen werde.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 11: DANKBARKEIT:

Es muss ein Samstag gewesen sein, denn es war reger Verkehr am Main. Die Jogger und Fahrradfahrer hatten es schwierig, denn die genießerischen Fußgänger waren en Masse unterwegs. Wir fütterten die Enten, bis mein Schwiegervater uns auf das Schild aufmerksam machte, welches genau das verbietet. Meine Frau lachte, denn ihr war das Schild vorher nie aufgefallen und versuchte jetzt, die veränderte Lage unserer nun verwirrten Tochter zu erklären. Wir setzten uns auf meine Bank und schauten anderen dabei zu, wie auch sie eifrig und gütig das Schild übersahen, wie vorher meine Frau, oder ignorierten, wie vorher ich. Irgendwann viel uns nichts mehr ein, was wir der Kleinen als Grund geben konnten, warum sie nicht mehr das durfte, was sie vorher immer durfte, und was jedoch alle diese Menschen da vor uns immer noch taten, entschlossen wir uns dazu, weiter zu laufen. „Das, was die machen, ist falsch,“ sagten wir im Gehen, um das Gespräch abzuschliessen, aber sie ließ natürlich nicht locker und entgegnete jeder Erklärung mit „Aber wieso!“ Am Ende blieb nur „Es ist am Main verboten“ übrig, so daß wir zu Beamten wurden. Nach ein paar Schritten sahen wir ein bisschen weiter Vorne vier Enten am Wasserrand. Nach einiger Beobachtung fiel es uns ein, daß die über die Strasse wollten. Wegen des regen Menschenverkehrs schafften sie es zunächst nicht. Als einmal eine Lücke sich auftat, wagten drei den Quergang im Hochsprint. Nun warteten sie auf der anderen Seite auf die vierte. Sie schien verängstigt zu sein. Immer wenn sie rüber wollte, kam eine Gruppe Fußgänger, ein Radfahrer, ein oder ein paar Jogger, eine Mutter mit Kinderwagen, irgendjemand, vorbei. Ich merke ihre steigende Nervosität und die Aufregung bei ihren Freunden auf der anderen Seite. Irgendwann waren wir an der Reihe. Wir blieben stehen, lang genug, so daß die letzte Ente rüber flitzen konnte. Die Kleine klatschte. Als die Ente bei den anderen ankam, schüttelte sie sich einmal heftig und dann watschelten alle vier flink weiter. Dann merkten wir, daß da, wo sie sich geschüttelt hatte, nun eine Feder auf dem Boden lag. Wir gaben sie der Kleinen und erklärten ihr, die Ente habe uns aus Dankbarkeit eine Feder geschenkt.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 10: KINDLICHKEIT

Seine Augen funkelten, während er sprach. Über die Berge. Erinnerte mich daran, wie sie alle heißen. Er lud mich zu Kaffee und Kuchen ein und wollte wissen, wie es meinen Eltern geht und ob sie ihre Augen-OPs schon hinter sich hatten. Gegenüber von uns war ein kleiner Spielplatz, wo fünf Kinder sich gegen einen kleinen Jungen verbündeten und ihn von jedem Spielapparat weg schubsten. Ein Mädchen war kurz dagegen, wurde aber von den anderen schnell zurecht gebogen. Als endlich der Junge weinend ging, fingen die fünf an, unter einander zu streiten. Schweigend beobachteten wir diese Szene. Er schüttelte den Kopf und sagte, Kinder sind noch heute so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich noch eins war. Er rief das vorbeilaufende weinende Kind zu sich und wickelte es in ein Gespräch ein. Wie er es bei mir gemacht hatte, bestrahlte er das Kind mit seinen kindlich leuchtenden Augen und fragte es nach seinen Eltern, ob sein Vater den Zaun des Opas bereits repariert hatte, ob die Mutter mit dem neuen Auto noch unzufrieden sei. Er sagte dem Jungen etwas, was er vorher nicht wusste – sowohl sein Papa als auch Opa waren mal Schüler bei ihm in der alten Grundschule gewesen. Echt?, meinte der Junge und seine Augen funkelten. Wir schritten langsam alle drei über die Strasse wieder auf den Spielplatz. Er nahm eine ein Cent Münze aus dem Ohr des Rudelführers raus und ließ sie zwischen seinen verschrumpelten Fingern verschwinden. Dann suchte und fand er eine zweite Münze hinter dem Ohr eines Mädchens, die auch im Nu wieder weg war. Bald hatte er sechs Münzen gekapert, die er schließlich alle aus seinem Geldbeutel wieder herausholte. Der Kinder Augen strahlten kindlich wieder. Ich stand abseits und beobachtete die sieben Kinder mit einander spielen. Als wir wieder auf der anderen Straßenseite bei Kaffe und Kuchen saßen und die sechs unter einander beim fröhlichen Münzmagierspielchen zu schauten, grinste er und sagte, Kinder sind immer noch so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich eins war. Und ich dachte zu mir, daß obwohl es Kindlichkeit heißt, manch ein Greis viel mehr davon zu besitzen scheint als manch ein Kind manchmal.

  – Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 9: VERSCHWINDEN.

Wenn ich auf der Autobahn fahre, habe ich den Eindruck, die Autobahn fährt auch auf mir. Wenn ich durch das Land fahre, empfinde ich es so, als würde das Land auch durch mich hindurch fahren. Und hinterlässt Spuren. Ich freue mich auf die morgige Fahrt. Sie wird, wenn alles gut geht, etwa sechs Stunden dauern. Am Anfang werden wir die Stadt und dann ihre weite mit Stadtgeist durchdrungene Umgebung im relativen Schweigen hinter uns lassen und dabei das Gefühl haben, einen Mantel, eine zweite Haut, auszuziehen. Irgendwann wird der Puls der Reise uns auf der Autobahn begegnen, uns aufsaugen. Nach einer Stunde vielleicht. Fast gleichzeitig werden wir laut ausatmen, uns gegenseitig anlächeln und uns entspannen. Bis dann wird die Kleine hinten bereits eingeschlafen und wir werden die Kindermusik-CD rausziehen und Tracy Chapman reinstecken. Das Gespräch mit dem Weg wird anfangen, darunter ein paar Erinnerungen an unsere besten und schlimmsten Fahrten aus der Vergangenheit. Danach wieder Schweigen, aber ein angenehmeres wie am Anfang, mit der Musik mitsummen. Immer wieder Stau, Baustellen, hoffentlich keine Unfälle. Ein oder zwei Toilettenpausen. Am Anfang wird man sie kaum erkennen, Umrisse weit in der Ferne, die Zukunft, allmählich klarer und dichter und unausweichlicher werdend, Berge. Wir fahren nach Süden. München ist für uns der Wendepunkt auf der Fahrt nach Österreich. Am Flughafen vorbei, an der Allianz Arena. Wird sie morgen vor Freude rot strahlen? Gleich geht’s los. Muss nach diesem Schreiben noch schnell ein paar gelbe Räucherstäbchen für meinen lieben tapferen BVB zünden. Die Frage, die mich auf dieser Strecke immer fasziniert ist, wo liegt die Grenze zwischen Deutschland und Österreich? Ich spüre es immer – äußerlich scheint sich nichts oder wenig geändert zu haben, und doch sind wir in Österreich. Ich kann es mir nicht erklären. Eine Aufregung, eine neue Spannung, wird sich ins Auto einschleichen. Schon längst lebhaftere Musik. Die Kleine wird aufwachen und sich gegen die Musik laut protestieren. Die Spitzen des Karwendelgebirges werden mit dem Inn vorbeifliessen, ihre Namen sind mir (wieder) unbekannt geworden. Jedes Mal schauen sie ins Auto hinein, schütteln ihre Köpfe über meine Vergesslichkeit. Ein paar Kilometer vor Innsbruck werden wir die Autobahn verlassen und in die Berge verschwinden.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 8: NICHT AUFGEBEN.

Es war einmal eine Taube, die mitten auf dem Fluß um ihr Leben rang. Zuerst dachten wir, das müsse sicherlich ein Entlein sein, das nach Leckerbissen fischt. Selbst aus der Ferne sah das heftig sich bewegende Wesen auf dem Wasser da zwar nicht wie ein Entlein aus, sondern eben wie eine Taube!, aber unsere kognitive Mechanismen versuchten zuerst das Gesehene umzudeuten. Eine Taube, irgendetwas stimmte bei ihr nicht. Sie schien gefangen zu sein, oder verletzt, unfähig ab zu heben, weg zu fliegen, plätscherte heftig auf der Wasseroberfläche. Die heftigen Bewegungen dauerten immer ein paar Sekunden, wild und herzzerreißend, dann setzten sie sich wieder aus, so daß noch herzzerreißendere Momente folgten, in denen wir uns fragten, ob sie tot war, dann sprang das Ringen mit dem Tod wieder zum Leben. Wir blieben stehen und schauten hilflos zu, während diese tapfere Kämpferin sich weigerte, sich ihrem Schicksal zu ergeben. „Irgendwas scheint mit ihren Flügeln nicht zu stimmen,“ sagte meine Frau. „Ich glaube nicht, daß sie es schaffen wird,“ sagte ich. Tatsächlich riss sie der Fluß träge weiter mit. Wir liefen langsam weiter. Vielleicht ist es ein Schutzmechanismus bei mir, um nicht zu leiden – ich hatte bereits den kurzen Schmerz des sicheren Todes der Taube verkraftet und wollte die Episode schnell hinter mir lassen. Aber bei meiner Frau regte sich das Verlangen, Leben zu retten. Sie blieb wieder stehen, schaute intensiv, schweigend rüber zu der Taube, als wolle sie ihr Kraft übermitteln. „Wenn sie es nur irgendwie schaffen würde, sich bis zum Ufer zu kämpfen…“ murmelte sie. Etwas in ihrer Stimme, in ihrem Gesichtsausdruck ergriff mich. Ich blieb auch stehen, schaute ebenfalls zu und ließ den Schmerz des Geschehens wieder in mich rein. Und dann geschah genau das, das Wunderbare. Als hätte sie meine Frau verstanden, wurden die Bewegungen der Taube noch heftiger, und … langsam steuerte sie sich Richtung Ufer. „Sie kommt, sie kommt!“ rief meine Frau. Es war für mich eine Lehre aus der Hand der Schöpfung, durch meine Frau vermittelt. Ich ging runter zum Flussbett und holte die Taube aus dem Wasser. Ein Flügel hing komisch runter, nur der andere flatterte. Noch voll aufgepumpt mit Adrenalin verschwand der Vogel prompt ins Gebüsch.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 7: ALTERN.

Es war eine schöne luftige Fahrt. Mir war träumerisch zu Mute. Eine dieser Fahrten, wo das Auto verschwindet und man das Gefühl hat, auf einem Luftkissen durch die Natur hinweg zu schweben. Dein Körper sitzt im Auto, Deine Seele bewegt sich von Baumkrone zu Baumkrone, tanzt mit jedem betrunkenen Grashalm, beteiligt sich am Gespräch der Blumen, lauscht dem Winde, der neugierig Kontakt sucht zu Menschlichem. Jeder Atemzug war irgendwie lungentief, langsam, ein Genuss. Ich habe an nichts Bestimmtes gedacht, mein Inneres war wie ein neues Blatt einer meiner Notizbücher, ein Blatt, auf das er sich gleich drücken würde. An irgendeiner Kreuzung in irgendeinem Dorf auf der Landstrasse sah ich ihn. Ein alter schwarzer Mann. Zu europäischen Augen sähe er junger aus, als er tatsächlich war, wusste ich. Ich sah, daß er schon alt war. Langsam kehrte und reinigte er den Ort einer vorherigen Straßenreparaturenarbeit. Er war dünn, sein Rücken ein bisschen gekrümmt, Haare grauend. Seine Bewegungen und Körpersprache wirkten mechanisch, gedankenlos. Er schaute kurz hoch, als wir an der Ampel hielten. Mit Erschrockenheit sah ich die Leere, die Teilnahmslosigkeit, die Resignation in seinen Augen. Blitzartig wurde ich in meine Kindheit zurück katapultiert, zu meinem Vater. Wie oft hat er uns davor gewarnt, davon abgeraten, je in ein Fremdland zu übersiedeln? „Hier bei uns ist kein Wasser, kein Strom, keine Infrastruktur, oft keine Ordnung, keine Perspektive… und deshalb gehen die jungen Leute alle. Aber lohnt es sich wirklich? Nur wenige finden das Glück in der Fremde, denn der nötige kulturelle Kontext fehlt. Und nur wenige finden den Weg zurück. Aus jungen, hoffnungsvollen Menschen werden einst alte, verlorene, desorientierte Greise. Bleibt hier, meine Kinder, und steigt oder stürzt mit eurer Heimat.“ Ich sah in die entwurzelten Augen des alten Straßenkehrers und sah die Erinnerung an den Blick meines Vaters. Die Ampel wurde grün. Als das Auto los fuhr, unterhielten sich meine Kumpels über BVB und Bayern, während sich in meiner Seele viele Gedanken regten.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 6: UND NICHTS ZU SUCHEN, DAS WAR MEIN SINN…

Ich hatte eigentlich keinen Bock, trotz meiner Liebe zur Poesie. Aber meine damalige Freundin hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Auch sie hatte keinen Bock. Aber ihre Mutter war krank geworden und hatte bereits für 2 Personen bezahlt. Ihr Lebenspartner zog es vor, bei ihr zu Hause zu bleiben und sie zu verarzten. Deshalb bat mich Dida, sie zu dem Poesieseminar zu begleiten. Das war alles vor vielen Jahren und mein Deutsch war noch nicht so gut, aber ich konnte nicht nein sagen. Mich graute ein bisschen davor, 2 Abende unter fremden Menschen aus der Generation meiner Eltern zu sitzen und Texte zu hören, lesen oder ‚bearbeiten’, die ich womöglich nicht ganz verstehen würde. Der erste Abend war genau so langweilig, wie ich gefürchtet hatte. Lange Vorträge in ernsten Stimmen, wenig lächeln, kein seufzen, keine Zauber in der Luft oder in den Augen der Teilnehmer. Auf der Heimfahrt gestalteten wir den Abend in Witze um, um ihn verarbeiten zu können. Am nächsten Abend fiel sie mir sofort auf. Sie war am vorherigen Tag nicht dagewesen. Das Wort Intensität ist nicht intensiv genug, um ihr Gesicht beschreiben zu können. Sie erklärte in einem kurzen Vortrag, daß die Dichtung auf der Höhe ihrer Brillianz schwer unterscheidbar ist von der Einfachheit. Da war etwas in ihrer Stimme. Als Beispiel fing sie an: „Ich ging im Walde, so für mich hin…“ – Goethe’s „Gefunden“, langsam. Einmal in einem Zug von Anfang bis zum Ende, das zweite Mal von Strophe zu Strophe, Bemerkungen nach jeder Strophe machend. Danach durfte jeder, der wollte, das Gedicht einmal laut vorlesen. Dida flüsterte zu mir, ich sollte es auch probieren, ich hätte eine gute Stimme. Endlich stand ich auf und las das Gedicht vor, und wunderte mich, daß meine Stimme selbst mir so ruhig klang. Zum ersten Mal schauten wir einander direkt in die Augen, kurz aber intensiv. Als ich wieder saß, spürte ich, daß neben mir Dida verunsichert geworden war. Ich legte einen Arm um ihre Schulter, während in mir der Wunsch zum Leben kam, auch einmal auf Deutsch Gedichte zu schreiben. Ich hatte gerade etwas gefunden, aber was?

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 5: NEBELHORN.

Es war Hebst; Ende Oktober. Wir sprachen über Wasser. Ich behauptete, Wasser wäre immer das gleiche, egal wo es auf Erden zu finden war, H2O. Sie hat Ahnung von Steinen, Strahlungen und der Art Zeug und war anderer Meinung. Ein paar Tage später stiegen wir mit der Gondel aufwärts und gingen dann weiter zu Fuß, bis die Männer eine Pause wollten. Die Frauen wollten noch näher zum Gipfel, da waren sie den Gemsen tatsächlich ganz nahe und genossen den Blick ins Land hinaus. Irgendwann gesellten wir uns zu ihnen und stellten fest, daß es dort Berganemonen gab. Bergabgehen machte Spaß, außer daß ich einmal an einer engen Stelle ausrutschte und sie wurde blass. Danach lief ich langsamer und irgendwann setzten wir uns auf einen großen Stein, hielten geruhsam Brotzeit. Die kleinen Enziane waren so blau und immer neue Bilder, neue Silhouetten ragten auf, baten danach, fotografiert zu werden. Das taten wir, reichlich. In einem Tal weit unten glitzerte ein silbern See, so zauberhaft, hier wollten wir ein Foto haben von uns vier mit dem Zaubersee unten im Hintergrund. Wir warteten kurz, bis ein freundlicher Mensch vorbei kam, der uns fotografierte; im Gegenzug versprachen wir, ihn nicht zu vergessen. Ich erinnere mich an ihn, immer wenn ich das Foto anschaue, doch das Blausilbrig-magische des Sees kommt in dem Foto nicht ’rüber. Es ruht allein in meiner Erinnerung. Und dann kamen wir an den Wasserfall vorbei. Wir formten unsere Hände zu Kelchen und tranken lang, tief und durstig aus dem strömenden Wasser. Es schlug in mich wie ein Schlag und ich sagte ihr entzückt, daß ich Wasser so rein, so köstlich bisher noch nie getrunken, nie geschmeckt hatte. Meine Augen mussten gefunkelt haben, denn sie lachte und saget zu mir auf Englisch: „Did I hear you say at one occasion that water is the same everywhere, H2O?“ Langsam wich das Licht des Tages. Und noch in der Dunkelheit gingen wir vier mit schönen Gesprächen nach Oberstdorf zurück. Mondsichel und Venus leuchteten am Himmel und ein tausend funkelnde Sterne.

– Che Chidi Chukwumerije.