BRUCHFELDSTRASSE

Sonntag Nachmittag
Die Stadt geruhsam wie ein Schlafwandler
Dreht sich in der faulen Märzsonne

Einzeln, in zweier Dreier Gruppen
Die Menschen schweben unbekümmert vorbei
In Zeitlupe

Sie sind die nachträglichen Gedanken der Stadt
Die Antwort des Wochenendes auf die alte Woche
Die Fragen des Wochenendes an die neue Woche.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN ÜBERALL

In Asien suchte ich Asiaten
In Arabien suchte ich Araber
In Europa suchte ich Europäer
In Amerika suchte ich Amerikaner
Und selbst in Afrika suchte ich Afrikaner

Und war beinahe irritiert
verwirrt
frustriert
Denn überall fand ich nur
Menschen.

Menschen Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAUZIEHEN

Der Winter taut sporadisch
wie ein verrückter Mann im Selbstgespräch mit seinen Träumen
Und weiß nicht, ob vor oder zurück –

Opportunistisch hockt der Frühling
im Hintergrund und wartet …
Atemzug um Atemzug wartet er
auf seine Gelegenheit, zu zu schlagen

Hin und her taumelt die Welt
zwischen Kampf und Versöhnung
zwischen Akzeptanz und Ablehnung
Zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUFGEWÜHLT

Heute bin ich müde
und kann nicht schlafen –
Gestern schlief ich
und war nicht müde.

Heute bin ich reifer
und brauche die Kindlichkeit
Gestern war ich ein Kind
und brauchte mehr Reife

Heute habe ich Essen
doch ich bin nicht mehr hungrig
Jetzt habe ich Durst
denn ich verbrenne innerlich.

Doch ich bin nicht allein
Auch der Planet ist aufgewühlt
und Flüchtlinge irren herum
und die Politik ist verunsichert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBST IST DAS ZIEL

Wir gehen
Wie eine Generation ohne Moses
Wir trotzen trotzdem der Wüste
Uns wurde kein Land verheißen
Wir tragen es in uns
Und sind selbst seine Verheißung
Und die ganze Welt, wie ein rotes Meer,
Teilt sich vor uns auf
Und teilt aus
Doch keiner kann uns stoppen
Denn wir sind die Generation ohne Moses
Und keiner weiß, wo wir hin wollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GÄNSEHAUT DER ERDE

Die Zeiten, wie der Blitz,
verlangen uns den Donner ab
Deshalb hört jetzt die Welt unsere Stimmen
lauter als je zuvor.

Die Menschen, wie Gänsehaut der Erde
schütteln sich plötzlich und sind
überrascht – denn die Stimmen des Herzen
sind nicht weich, sie sind sehr hart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FOKUS

Naht sich wieder ein Zeitalter,
in dem jeder Soldatenkuss
ein Abschiedsgruß ist,
wo die Liebe ein Fluß ist, die schmerzlich
trennt und vergißt zu trösten?
Das Zeitalter des abgekoppelten Gesterns,
des Morgens ohne Landebahn,
des desorientierten Heutes, in dem
die Hoffnung alleine die knappe Währung ist,
in der wir die Freude, jene Mangelware, tauschen?

Naht sich wieder das Ende von Familien,
der Anfang von Erinnerungen, die von
Fremden hinterher und mühsam
zusammengestellt werden? Naht sich Verrat,
das Ende von Nachbarschaft? Naht
sich das Unterdrücken von Atmen und Wollen,
jetzt wo der Freie Wille nach Befreiung schreit?
Wie eine auseinander genommene Kamera bin ich
viele verschiedene Teile gerade, zerstreut,
ohne Fokus. Ohne Fernblick. Voller Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH EINER BESSEREN MENSCHHEIT

Laß sie nicht allein gehen, die
Die in der Nacht wandern
Sie öffnen mit ihren Augen uns den Tag

Ihre Füße sind keine Schuhe
Sie sind Staubsauger, Glasscherbenkehrer
Schlangengegengift, Bahnbrecher
Raumsonden, Zeitreisenden
Und wo sie enden, im Treibsand versunken
Da fangen wir an.

Steh mit denen, die in Protest aufstehen!
Sitze mit denen, die in Protest sich setzen!
Wer andere für sich kämpfen und sterben läßt
Für den war es nicht wert, zu kämpfen und zu sterben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABHÄNGIGKEIT

Ich hielt den Atem an
Überließ Dir den Sauerstoff
Wurde zum Baum

Du läufst an mir vorbei
Sitzt in meinem Schatten
Beachtest mich kaum

Wenn Du atmest, atme ich
Wenn ich sterbe, stirbst Du
Zurück bleibt nur unser Traum

Traum von Freiheit und Freude
Traum von Wahrheit und Wurde
Traum von Lebensraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung