GÄNSEHAUT DER ERDE

Die Zeiten, wie der Blitz,
verlangen uns den Donner ab
Deshalb hört jetzt die Welt unsere Stimmen
lauter als je zuvor.

Die Menschen, wie Gänsehaut der Erde
schütteln sich plötzlich und sind
überrascht – denn die Stimmen des Herzen
sind nicht weich, sie sind sehr hart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FOKUS

Naht sich wieder ein Zeitalter,
in dem jeder Soldatenkuss
ein Abschiedsgruß ist,
wo die Liebe ein Fluß ist, die schmerzlich
trennt und vergißt zu trösten?
Das Zeitalter des abgekoppelten Gesterns,
des Morgens ohne Landebahn,
des desorientierten Heutes, in dem
die Hoffnung alleine die knappe Währung ist,
in der wir die Freude, jene Mangelware, tauschen?

Naht sich wieder das Ende von Familien,
der Anfang von Erinnerungen, die von
Fremden hinterher und mühsam
zusammengestellt werden? Naht sich Verrat,
das Ende von Nachbarschaft? Naht
sich das Unterdrücken von Atmen und Wollen,
jetzt wo der Freie Wille nach Befreiung schreit?
Wie eine auseinander genommene Kamera bin ich
viele verschiedene Teile gerade, zerstreut,
ohne Fokus. Ohne Fernblick. Voller Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH EINER BESSEREN MENSCHHEIT

Laß sie nicht allein gehen, die
Die in der Nacht wandern
Sie öffnen mit ihren Augen uns den Tag

Ihre Füße sind keine Schuhe
Sie sind Staubsauger, Glasscherbenkehrer
Schlangengegengift, Bahnbrecher
Raumsonden, Zeitreisenden
Und wo sie enden, im Treibsand versunken
Da fangen wir an.

Steh mit denen, die in Protest aufstehen!
Sitze mit denen, die in Protest sich setzen!
Wer andere für sich kämpfen und sterben läßt
Für den war es nicht wert, zu kämpfen und zu sterben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABHÄNGIGKEIT

Ich hielt den Atem an
Überließ Dir den Sauerstoff
Wurde zum Baum

Du läufst an mir vorbei
Sitzt in meinem Schatten
Beachtest mich kaum

Wenn Du atmest, atme ich
Wenn ich sterbe, stirbst Du
Zurück bleibt nur unser Traum

Traum von Freiheit und Freude
Traum von Wahrheit und Wurde
Traum von Lebensraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOMISCHES VIRUS

In Nigeria gehen die Menschen
Millionenstark protestierend auf die Straßen
Die Zahl der Infizierten steigt nicht…

Wahrscheinlich weil sie sich klugerweise
Nicht gegen das Virus protestieren
Sondern gegen polizeiliche Gewalt –
Das Virus läßt sie dankend in Ruhe.

In Deutschland huschen die Menschen
Brav maskiert überall hin und her
Die Zahl der Infizierten steigt rasant…
Da fällt mir nichts ein
Was das Virus hier damit erreichen will.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DÜNN MASKIERT

Die Kinder spielen glücklich im Park
In der Pandämie
Die Menschen feiern fröhlich
Drinnen und draußen
In der Pandämie
Die Busse und Bahnen sind voll
Die Zeil zwischen Hauptwache und Konstablerwache
Die Lebensmittel-Supermärkte
Die Schulen, alle sind voll
In der Pandämie –
Zum Glück tragen die noch Lebenden
Alle eine dünne Maske
Zum Schutz gegen die tödlichste Pandämie
In der Menschheitsgeschichte.
Verwirrt fragen wir uns: Woran starben die Gestorbenen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE FARBEN DER ERDE

Meine Gedanken reisen nach Hause
in die Vergangenheit – Alle, die
mit mir einst die rote Nigerianische Erde
mit ihren nackten peroxidischen Sohlen druckten, die kommen meinen
heimreisenden Gedanken heute Nacht entgegen
und fragen mich, wie es denn ist, dort,
in der Zukunft, in einem Fremdland.
Ich sage ihnen, der Himmel ist blau,
die Sonne ist milder aber es ist die selbe Sonne,
die die äquatoriale Luft entzündete,
und unser Mond lebt auch hier mit mir.
Nur die Erde, die rote Erde, sie fehlt…
Hier ist der Boden braun
und ich bin, nach zehn Jahren, immer noch dabei,
mich daran zu gewöhnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EBBE

Ich war heute Watt wandern
Besuchte den Meeresgrund –
Und das Meer aus der Ferne beobachtete
Wie ich erkundete jeden Fund.
Muscheln und Austern und Krabben
Rund herum und gesund
Eine Auster wanderte in meinen Mund
Und verschwand in meinen Schlund!
Bin ich jetzt ihre Muschel und ihr Watt
Und mit dem Meeresgrund im Verbund?
Kommt nun das Meer mich auch besuchen
Und fluten meinen Herzensgrund? …

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung