KREISEN

Heute muß ich ins ferne Land
Weiß nicht, was mich erwartet
Suche ahnend die unsichtbare Hand
Anders- und gleichgeartet
Beides gleichzeitig
Die auf mich – wie ich auf ihn – wartet,
Beides gegenseitig.

Ich starte steil in den Sehnflug
Sehnflucht zittert vor Sehnsucht
Einmal ist niemals genug
Reisen ist der Sehnsucht nur eine Frucht
Rückkehr die andere
Selbst im Äußeren wird letztendlich gesucht
Nur das Innere.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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INTIMITÄT

Zum ersten Mal schockiert
Mich der Herbsteinbruch nicht –
Vermutlich habe ich mich
Mittlerweile voll integriert
In alles.

Nach zehn und achtzehn und
Vierundzwanzig Jahren läutet mir
Erneut der frühe Spätling einen
Neuen Neubeginn ein – jedes
Mal anders, jedes Mal schön.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Neufahrn 16. Okt 2019
Neufahrn 16. Okt 2019

ERNTEDANK

Einer jener Momente
Wo ich einfach nur dankbar sein will
Mein Leben, Du bist mein Feld
Ich pflanze Tränen und pflücke Lächeln
Streue Einsamkeit und sammle Gesellschaft ein
Und zwar der echten Art
Innerer Verbundenheit
Ich beerdige meine Vergangenheit
Und Du schenkst mir eine Zukunft
Mein Leben, mein Feld, Du
Nimmst auf meine Verzweiflung und ich
Ernte Hoffnung hell wie der wahre Sonn-Tag.
Danke für den Regen und die Sonne
Und alle Helfer und den Schöpfer
Und das Geschenk des Lebens
Und des Innenlebens.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDANKEN

Deine Gedanken waren
Dir mal fremd
Fremde Gedanken scharen
Sich um Dich –

Schickst Du einen fassbaren
Gedanken Samen aus
Halten sie sich fest und fahren
In Dich ein

Ungehört doch gespürt garen
Sie in Dir
Nehmen Einfluss auf Dein Gebaren
Und weiteres Denken.

Hör auf Dein Herz und Gewissen, Mensch
Tiefer, auf Dein geistiges Lichtempfinden –
Nicht alle Gedanken sind blind zu folgen.
Versuch, die Innere Stimme mit einzubinden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SPÄTLING

Spürst Du
Wie ich – auch –
Das langsame karg
Und immer kärger Werden
Unserer zweiten Haut?

Kaum finden die zitternden
Strahlen des Tagesmondes Raum
Sich auf einer bunten Baumkrone auszuruhn
Morgens, erfriert unser Lächeln wieder
Bevor es überhaupt auftaut.

Spürst Du
Wie ich – auch –
Wie Mutter sich zurück zieht
In die Arme ihres unsichtbaren
Liebhabers, folgsam und gehorsam?

Der Spätling ist
Jedes Jahr zäh und zart
Immer wieder hart und weich
Jedes Jahr bunt, wechselhaft und grau
Und immer immer seltsam.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VERTRAUENSBRUCH

Die Blumen verabschieden sich
Du merkst es nur nicht, weil
Sie noch da sind – nach dem Abschied
Verweilt das Lächeln noch eine Weile

Das Polareis blieb, trauriges letztes Lächeln
Der Vergangenheit, noch lange nach
Dem es getötet wurde – die Natur
Wartet lang und geduldig mit ihrer Rache

Manche Ehen
Manche Träume
Manches Vertrauen
Manche Menschen
Sterben
Erst lange nach dem
Sie getötet wurden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER HERBST REGT SICH

Herr Herbst
Wie ein Raubritter
Stehlt uns langsam das Sommergrün
Überlässt schleichend uns Laubglitzer
Wo bunte Strahlen kalt glühn
Auf Ästen nackt grau bitter
Und herb.

Morgendlicher Herbstregen
Wie ein graublaues Staubgitter
Herbst noch nicht ganz
Sommer nicht mehr, Urlaubzwitter
Zwischen Schlaf und Tanz
Das Gemüt gewöhnt sich, taub, zitternd
Wieder an Herrn Herbst.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LEICHT SCHWIERIG

Es ist schwierig
In schwierigen Zeiten
Schwierig zu bleiben
Wenn schwierig Deine Art ist
Denn das macht alles nur noch schwieriger

Leichter wäre es
Leichter zu werden
Leichter werden
Fällt Dir aber schwierig

Also bleibst Du schwierig
Was Deinen Weg schwierig macht
Dich aber leicht
So leicht
Daß Du jeden Weg leicht gehen kannst
Auch die schwierigsten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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IMPERIUM

Raum zum Nehmen
Grenzen des grenzenlosen Nehmens
Ohne sich zu schämen

Nur der Eroberte
Nur der Gebrochene
Nur der Gedemütigte
Schämt sich
Schämt sich auch noch
Und schämt sich auch dafür
Heimatlos zu Hause

Heimatlos in der Heimatlosigkeit
Eines Anderen Imperium
Da, wo es keine Gnade gibt
Nur Nachdenken: Warum
Bin ich hier?
Nimmst Du mir meinen Freien Willen
Nimmst Du mir mein Leben.
Reichtum und Macht sind ein Imperium
Und wir sind der Widerstand.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der Deutschen Dichtung

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