SAISONWENDE

Grün wie Hoffnung verwelkend
Ein Sommer des Lichtes
Jahrzehnte des Friedens
Sozialgerechtigkeit in der Gesellschaft
Feiern ihr Saisonende.

Der Herbst ist vieles: Er ist bunt,
Reif, er ist herb und kalt, schließlich
zieht er sich und uns alle aus.
Wer wenig hat, dem wird viel genommen.
Wer alles hat, dem wird alles gegeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SUMMA SUMMARUM: SCHREIBEN

Am Leben bleiben durch Schreiben.
Das Empfundene zu denken reicht mir nicht.
Auch reden mag laut scheinen, schreiben stumm,
doch Schweigen umfasst das ganze Universum.
Summa Summarum:
Schreiben ist die Welt mir einverleiben,
ist mich der Welt hinterlassen – des Dichters Pflicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEINE ZEIT SPÄTER

Keine Zeit später
diese Gedanken zu lesen
und nieder zu schreiben
was einst nie gewesen.

Keine Zeit später
mich zu suchen und finden
und Nicht-empfundenes
nachträglich zu empfinden.

Keine Zeit später
später Zeit zu haben
Vergangene Gegenwart aufzunehmen
als wären wir noch Knaben.

Ich habe heute keine Zeit
gestrig Versäumtes nachzuholen.
Morgen bringt neue Blumen.
Heut Verpasstes ist der Zeit gestohlen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REIFEN VERKRAFTEN

Die Niederlagen werden die Türe sein
in Orte hinein, die den Siegen verschlossen sind -
Die schönsten 0rte, an denen Du, allein,
heranreifen darfst als inneres Kind.

Keine Niederlage ist eine zu viel;
Je tiefer wir fallen, desto höher steigen wir -
Entwicklung ist das wahre Ziel,
wenn wir ehrlich sind, und dazu neigen wir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SICH VERTRAUENSVOLL UNTERHALTEN

Jedes Herz braucht einfach jemanden
mit dem es reden kann. Mehr nicht.
Ein Herz, reif wie der Herbst, unverstanden,
wohnt im Erwachsenen und Kind, außer Sicht.

Außer sich vor Einsamkeit in sich.
Niemanden haben, mit dem es reden kann.
Der Winter naht, schweigsam, dürftig,
durstig nach der Zweisamkeit Gespann.

Denn jenseits der Gewalten
von Pflichten und Ideologien und Trieben:
Sich lieben ist sich vertrauensvoll unterhalten
und sich vertrauensvoll unterhalten ist sich lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGESSEN VERGESSEN

Ich wünschte, Gedächtnisschwund…
Ich wünschte, Vergessen
täte Weh wie eine blutende Wunde,
wenn ein Finger abgehackt wird -

Aber es ist stattdessen wie Haare.
Dem einen gleicht das Vergessen
dem langsamen unmerklichen Wachsen,
dem anderen dem heimtückischen Abschneiden.

Beides tut nicht weh.
Hier fühlst Du Dich ein bisschen schwerer.
Da ein bisschen leichter. Bis
plötzlich Du vor einem Spiegel stehst -

Und siehst Dich wieder.
Dann erinnerst Du Dich an Dich…
Erst dann tut es Weh. Das sich Erinnern.
Und das Vergessen vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRUND ZUM GEHEN

Gibt es einen Grund
auf dem man gehen kann,
einen Boden der Bedürfnisse
für mich fremden Mann?

Ich fragte mich warum
Menschen auswandern
anstatt Zuhause weiter zu geben.

Ich fragte mich warum
Menschen Zuhause weiter streben
anstatt auszuwandern.

Dann wanderte ich aus
und verlor meinen Plan?
Dann harrte ich Zuhause
und wurde zum Fremden Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DESHALB GEDICHTE

Mir gehen die leeren Seiten aus,
auf die ich meine unzähligen Geschichten
schreiben muß, denn mein Licht geht aus.
Deshalb verdichte ich sie in Gedichten.

Mir werden die Erinnerungen mehr,
die Zeit weniger um sie nieder zu schreiben.
Irgendwann habe ich keine Zeit mehr
für Geschichten, von denen keine zurück bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung