FERNZEUG

Ein Flugzeug
Einsam und ernst
Strebt einem fernen Ziel zu
Doch alles, was es erreicht,
Ist die Ankunft in mein Herz.

Egal wie weit es fliegt
Entkommt es meiner Sehnsucht nicht
Egal wie hoch es steigt
Verschwindet es nie aus meiner Sicht –
Fernweh.

Traumraum
Der wahre Wolkenkratzer
Beweglicher Gedanke
Flugweh…
Du schönes Fernzeug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INDIREKTE TREFFER

Wer die Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchte,
wird deswegen negativ wahrgenommen.

Wer dagegen keine Aufmerksamkeit will,
fällt gerade deshalb positiv auf.

Wenn das Gewollte das Ungewollte bewirkt
und das Ungewollte das Gewollte,
welchem ist es dann sinnvoller
die Aufmerksamkeit zu geben:

Dem Gewollten
oder dem Ungewollten?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEH-SCHICHTEN

Hast auch Du in Deinem Herzen
so viele Geschichten und Erinnerungen,
von denen Du nicht weißt,
wie Du sie richtig erzählen sollst?

Einige Kapitel Deines Lebens
waren Fortsetzung und Abschluss einer Geschichte,
die in einer verschwundenen Zeit stattfand
manchmal lange bevor Du geboren wurdest.

Einige Kapitel Deines Lebens
waren Präambel und Vorboten einer Geschichte,
die in einer zukünftigen Zeit abspielen wird
manchmal lange noch dem Du gestorben bist.

Wie willst Du diese Geschichten erzählen?
Alles, was Du tun kannst, ist im Heute leben,
der Realität angepasst, und im Heute
für eine bessere Welt mitkämpfen.

Nicht alles kannst Du sagen –
aber sagen kannst Du alles,
was gesagt werden muss…
und was einst weitererzählt werden wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLÖTZLICH FLÜCHTLING

Du machst Dir Sorgen
Du weißt nicht, wo Deine Frau ist
Ihr seid in unterschiedliche Richtungen gerannt
Jetzt sitzt Du hier in diesem Lager

Hat sie Eure Tochter mitgenommen?
Sie ist elf Jahre alt und zieht schon Blicke an…
Es ging alles so schnell – Schüsse!
Und weg ward Ihr alle!

Nur ein paar Sekunden flohst Du
Dann übermannte Dich wieder die Männlichkeit
Du drehtest Dich um, doch die waren verschwunden
Deine Frau und Deine Tochter

Chaos überall. Schüsse und Brand.
Du hast lange gesucht, vergebens –
Jetzt sitzt Du in diesem Lager und denkst
besorgt an Deine Frau und Tochter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNBEDIENUNG

Wenn ich mit einer Fernbedienung
Deine Gedanken steuern könnte,
würde es Sinn machen, sie
auf etwas zu lenken, was jenseits
Deiner Vorstellungsfähigkeit liegt?

Da wären die doch verschwendet.
Lieber lenke ich sie auf Blumen,
auf Gütigkeit, auf Menschlichkeit, auf Mut,
auf Deine eigene Innere Stimme,…
aber auf keinen Fall auf mich.

Da wären sie doch verschwendet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER DRANG

Schwer lag auf mir der Drang,
den schweren Drang abzuwerfen –
Und der Drang danach,
dem Drang nachzugeben,
war so unerträglich,
daß ich dem Drang nachgab
und den Drang abwarf.

Erleichterung leert
Doch die Leere erleichtert nicht.

Jetzt bin ich leicht – und leer –
und sehne mich wieder nach dem Drang
und nach dem Drang danach,
mich dem Drang wieder nachzugeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEI SAALBURG

Wer hat hier gelebt geliebt
In Frieden im Krieg
Brunnen und Mauer gebaut
In die Augen seiner Geliebten geschaut
Gebeten, gelacht
Über die Zukunft nachgedacht
Gehofft, Freude und Angst gespürt
Das Herz seiner Mitmenschen gerührt
Und für diesen Ort sein Leben
Ohne Zögern gerne gegeben
Hier gealtert, an Gott geglaubt
und sein Körper hier zurückgelassen
als er mit Fragen in seinem Herzen starb?
Denn auch er mußte eines Tages fort?

Wo ist er heute?
Weiß er, daß ich über die Reste
seines geliebten Heimatdorfs
nachdenklich spaziere
und mich frage, was aus seinem Geist
geworden ist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung