EIN STINK NORMALER ABEND

Kinderstimmen wie Straßenschilder
Ihr Lachen wie Laternen in der Nacht
Ihre Augen spiegeln vergessene Bilder
aus meiner Vergangenheit aufgewacht

Auch ich habe einst so glücklich gespielt
mit einem Bruder – der lebt nicht mehr.
Im Wirbelsturm der Erinnerung aufgewühlt
wird mir das Schwere leicht und das Leichte schwer.

Der heutige Abend ist so stink normal
Ihr werdet ihn wahrscheinlich vergessen –
Und doch ist Normal dafür ideal,
zu bleiben für immer unvergessen.

Ein Wort wird reichen, oder ein Lied
Ein Lachen, ein Geruch, der Euch mit uns verband –
Nach dem Euer Elternpaar lang verschied
und dieser Alltag für immer verschwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIERUNDZWANZIG STUNDEN

Was würde ich nicht geben, um
eine fünfundzwanzigste zu bekommen

Noch eine Stunde mit meinen Kindern
und mit meiner Frau mir gönnen

Alles, was mir die restlichen vierundzwanzig haben genommen –

Es sei: Wir holen uns jetzt DIESEN Moment
und nehmen daraus, was wir können.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE STIMME IN MEINER WILDNIS

Wenn ich könnte
würde ich Deine Stimme
in meiner Seele aufbewahren –
ein nimmer ausklingender Widerhall.

Denn Du drückst mir immer die Daumen
wenn ich den Weg in meinen Traum verliere
deine Stimme, wie ein Weckruf, ist da –
Du schaffst das! Du schaffst das!

Je wilder, desto vertrauter –
Ich nehme Dich mit in meinen Traum
Du wirst lauter und lauter und lauter
schreien: Ich bin jetzt Dein Echoraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄHNLICH UNÄHNLICH

Wenn die nationalen Grenzen verschwinden,
was passiert den persönlichen?
Wenn die nationalen Grenzen sich verhärten,
werden wir uns dennoch verbinden.

Es ist leicht, Menschen zu finden
Es ist schwer, Menschen zu erreichen
Menschen und Länder und Völker
Abstrakt und abstrakter und noch abstrakter

Am Abstraktesten ist die Gleichart –
Auf welcher Ebene wird sie erfasst?
Egal wer Du bist, in irgendeinem Bereich habe
ich etwas, was voll und ganz zu Dir passt.

Aber das Gedicht ist noch nicht zu Ende
Denn egal wie gleichartig wir sind –
Rasse, Kultur, Geschlecht, Neigung –
irgendwo tief in uns sind wir einander fremd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENGÄNGE

Ich stelle mir manchmal vor
meine Haare wären Gedanken
denn so viele schleppe ich
ständig mit mir herum, ungekämmt.

Sie fallen aus
Sie wachsen nach
Mir graut‘s vor der Anzahl an Fragen
die nach und nach alt werden

ohne Antworten.
Irgendwann kommen sie nicht mehr.
Leer geschorener Verstand
Kahl gewordener Kopf.

Wie eine Erde ohne Urwälder
Wie ein Land ohne Frieden
Wie Kapitalismus ohne Sozialismus
Wie Alter ohne Kindheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIGRANTEN

Wie schmerzvoll es sein muß
für einen Baum,
seine Wurzeln mit Gewalt aus zu reißen
aus der Heimaterde –

Wie schmerzvoll es sein muß
im neuen Lebensraum
seine Wurzel hineinwachsen zu lassen
in harten fremden Boden.

Wenn Du einen Baum auf der Reise siehst,
auf seinen nackten Wurzeln zu Fusse gehend,
denk bitte an den Schmerz der alten Trennung
und denk an den Schmerz der neuen Bindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUFGEWÜHLT

Heute bin ich müde
und kann nicht schlafen –
Gestern schlief ich
und war nicht müde.

Heute bin ich reifer
und brauche die Kindlichkeit
Gestern war ich ein Kind
und brauchte mehr Reife

Heute habe ich Essen
doch ich bin nicht mehr hungrig
Jetzt habe ich Durst
denn ich verbrenne innerlich.

Doch ich bin nicht allein
Auch der Planet ist aufgewühlt
und Flüchtlinge irren herum
und die Politik ist verunsichert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKERE DICHTUNG

Dein innerer Fluss
Er muss er muss
fließen …

Mein Finger
in Deiner Wunde
richtet Deinen Widerstand
zugrunde

Krass, wie nass das Gras wird
Der Regen, dagegen, wird verrückt
Kontrollverlust, befreit von Frust
Dichtung in jeder Richtung erlöst sich
Zum inneren Fluss, der fließen muss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE WIRKT DAS LEBEN AUF DICH?

Blau ist nur blau
wenn es mich leicht macht
Wenn blau mich jung macht
dann ist blau grün
Wenn es mich heiß macht
dann ist blau rot
Wenn es mich spiegelt
dann ist blau schwarz

Die Nacht ist mein Tag
denn sie hält mich wach
Mein Leben ist mein Traum
aus dem ich erwachen werde,
wenn ich sterbe –
Die Liebe hat mir viel Hass gebracht
und dennoch ist sie die Liebe
denn sie überwindet am Ende den Hass.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung