LEBEN OHNE LEBEN

Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
gelassen.

Wie soll ich die Jahre
der Leere füllen
bis ich endlich hinüberfahre
ins Jenseits des Todes?

Tausendjahrelange Tage
sind ohne tausend Empfindungen
pro Sekunde nicht in der Lage
erfüllt zu werden.

Drum. Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
und arbeitslos gelassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEIT REISE

Ist die Zeit eine Linie
oder ein Kreis?
Ich führe zum Beweis
ihrer Kreisförmigkeit
die ständige Anwesenheit
der Vergangenheit
in der Gegenwart
ihrem Lieblings Tatort
wie in ihrem Kreissaal
der ständigen Wiedergeburt
ohne Zukunft.

Ohne Zukunftsblick
Geht‘s ins Vergangene zurück
Der Bewegungsdrang
treibt zum Alten wieder
wer das Neue nicht ertragen kann.

Ist die Zeit ein Kreis
oder eine Linie?
Ich führe zum Beweis
ihrer Linienartigkeit
die Reue über alles Vergangene
was ich nie wieder zurück holen kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GLEICHMUT

Der Tag war schwer und leicht

Eine alte Dame schleppte ihren Rollkoffer
langsam über die Zebrastreifen
in ihren Gedanken versunken

Sie strahlte eine leicht amüsierte Stärke aus

Das Leben hat ihr beigebracht
daß sie das Gewicht des Lebens
tragen und ertragen kann
komme was mag

Der Verkehr blieb ungeduldig stehen
bis sie langsam und gelassen
die Straße überquert hatte

Der Tag war schwer und leicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN TAG WIE TAUSEND JAHRE

Wie groß
umfangreich und
geräumig der Tag ist
jeder Tag
jeden Tag
habe ich entdeckt
seit dem ich täglich innerhalb
der weiten Grenzen und
vielen und verschiedenartigen
Räumen und
unzähligen Schichten
dieses Reichs „Tag“
jeweils ein neues Gedicht suche
und finde.

Das richtig Verblüffende
Umhauende
Demütigmachende
ist nicht, was ich finde
oder daß ich täglich finde…
sondern die Fülle dessen, was
mir täglich angeboten wird
und die Menge an Wertvollem,
das ich täglich liegen lasse
unaufgenommen
unverinnerlicht
unverarbeitet
weil ich noch nicht offen und
stark und rege genug bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITERDENKEN

Denk an einen Vogel
der lange alleine fliegt
und da fliegen denken ist
denk an einen Vogel
der lange alleine denkt

Sein Herz war seine Navigation.

Und so flogen wir von Frankfurt nach London
und kamen immer noch nicht an
Die Maschine rollte zur Parkposition
und wir flogen noch in der Luft
und steigen nimmer aus

denn unser Herz ist unsere Navigation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KRISTALLENGEISTER

Die Welt ist voller Schatten
einfach nur weil
wir keine Kristallen sind

Noch nicht.

Das Zeitalter wird kommen
da werden Menschen
vom Licht getroffen
nicht Schatten werfen
sondern Farben

die allerschönsten Farben
des Lichtes

Lichtdurchlässigkeit
Freude zu lassen
Wissen teilen
Liebe weiter- und zurückgeben

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER FINDENDE SUCHENDE

Nur der findet, der sucht.

Wer dagegen aufgehört hat, bewusst oder unbewusst zu suchen, der findet nur das leicht Findbare, mehr nicht. Das allerdings, was nur der Strahl der Sehnsucht des Suchenden sichtbar machen kann, bleibt ihm verschlossen.

Deshalb bezeichne ich mich gerne lieber als Suchenden, egal wie viel ich täglich finde; als Lernenden, egal wie viel ich bereits zu wissen meine. Denn dadurch bin ich immer am sonst Unfindbaren Finden. Und egal wie groß das ist, was ich heute finde, morgen wartet was Größeres auf den sehnenden Strahl des Suchenden.

Der Suchende ist offen, der Findende ist geschlossen. Der Findende nimmt; der Suchende empfängt. Beides ist gut, glaube ich, je nach Situation. Doch die Grundlage des Findens, des Findens des Außergewöhnlichen, bleibt ewig das innig sehnende Suchen. Und die Grundlage dieses Suchens ist umgekehrt das Finden. Vor allem das Finden, des Herausfinden, das Entdecken, das Empfangen der Tatsache, daß der Mensch nichts weiß. Je mehr man findet, desto mehr findet man, daß es immer mehr gibt, zu finden.

Das noch nicht Gefundene ist immer mehr als das bereits Gefundene. Diese Erkenntnis ist die Geburtsstunde des wahren Suchers – des Suchenden. Diese Erkenntnis ist der Anfang des Erahnens Dessen, Was GOTT ist. Das Ewig-Unendliche. Das Ewig-Unausschöpfbare. Das Ewig-Unveränderliche. Das Ewig-Unerreichbare. Das Ewig-Ist-Seiende. Das, die Verbindung zu dem die ewige Sehnsucht des Suchenden ist.

Und wer ernsthaft sucht, der findet andauernd.

Che Chidi Chukwumerije

DIE MACHT DER FREMDENFEINDLICHKEIT

Wenn alle glauben
es liegt eine verborgene
ihnen überlegene Macht
im Schatten
dann stellen sie sich auf die Seite
des Schattens

Dadurch gewinnt dann erst
der Schatten Anhänger
Soldaten, Befürworter, Aufwind
und Stärke – was er alles vorher
nicht hatte

Die Macht des Schattens
ist die Macht der Illusion –
Bleibe Du im Licht
denn im Schatten ist nichts

Einer im Licht
ist stärker
als hundert im Schatten.

Che Chidi Chukwumerije (11.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung