TAGE DER EINSAMKEIT

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen,
wie die verlassenen Straßen da draußen,
die Füße kaum noch berühren,
in der Korona dieser merkwürdigen und
kalten Frühlingssonne frieren,
ungewärmt von leeren Büros, die alles
beobachten und alles ignorieren…

Wo ist der Mensch?
Was ist aus ihm geworden?

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen,
wird ihren eigenen Weg in Dir gehen
durch längst vergessene Türen,
wird Dich an Erinnerungen erinnern,
die schmerzen und berühren,
wird Sorgen und Hoffnungen und Ängste
in Dir schüren…

Bin ich der Mensch?
Was ist aus mir geworden?

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen…
Du musst leise werden und schweigen
und genauer hinhören,
denn irgendwann geht der Lärm wieder
los und wird Dich wieder verführen –
Drum nutze dieses Erlebnis voll und
lasse Dich nicht stören.

Denn Du bist der Mensch
und wirst morgen neu aus Dir werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SYMBOLISCHE ERLÖSUNGEN

Es hätte schlimmer ausgehen können
sagt Mutter, Aufprall hart, aus dem Nichts
aber es kommt nichts aus dem Nichts
Das Leben übt sich nie im Missgönnen

Aber es ist auch was anderes passiert,
was merk-würdiges, sagt sie. Der Aufprall
hätte mich brechen können überall
doch äußerlich hat‘s nur die Schulter kassiert

Der Hauptstoß war am Seelenkörper,
innerlich. Ich fühle mich von etwas befreit,
wie ein großer Bruch mit der Vergangenheit
bei kleinem Schulterbruch am Erdenkörper.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OSAKA

Asien! Ich schmecke Dich
wie Blut in meinem Herzen
Rieche Dich wie eine Erinnerung
an heimatlich duftende Kerzen
als Du mich grüßtest im Winter
mit Frühlingsgeburtsschmerzen
denn Kirschblüten im Februar
sind diese hohen feinen Scherzen
mit denen Japan sich verewigt
in unseren reinkarnierenden Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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KRISTALLENGEISTER

Die Welt ist voller Schatten
einfach nur weil
wir keine Kristallen sind

Noch nicht.

Das Zeitalter wird kommen
da werden Menschen
vom Licht getroffen
nicht Schatten werfen
sondern Farben

die allerschönsten Farben
des Lichtes

Lichtdurchlässigkeit
Freude zu lassen
Wissen teilen
Liebe weiter- und zurückgeben

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FLÜSTERN

Flüstern
Damit unsere Gedanken nicht hören
Was unsere Empfindungen schwören
Damit unsere Gedanken nicht stören

Flüstern
Damit unser Verstand nicht laut auffängt
Was unser Geist leise empfängt
Damit der Kopf den Geist nicht bedrängt

Flüstern
Weil immer wenn die Schöpfung schweigt
Die Natur dann zum Enthüllen neigt
Irgendwas, was sich nicht gerne zeigt

Weil Geheimnisse nur leise singen
Wenn sie singen von schönsten Dingen
Die zärtlich nur ins Intimste eindringen,
Flüstern.

Che Chidi Chukwumerije (18.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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SCHULDEMPFINDEN

Er ging täglich die Treppe auf und ab
Ein Nachbar sagte, er käme aus dem Grab
Weil er jemandem noch nicht vergab

Ach Quatsch!, er ist aus Fleisch und Blut
Sagte ich überzeugt, es geht ihm gut
Er ist nur Einzelgänger, doch ohne Wut

Ein paar Tage später im Treppenflur
Grüßten wir uns wie immer durch Nicken nur
Von Geisterhaftem an ihm keine Spur

Ich lächelte und gab ihm meine Hand
Er gab mir auch seine, doch es fand
Kein Kontakt statt. Ich traf die Wand!

„Also bist Du doch ein toter Geist!“
„Geist bin ich gewiß, wie Du es heißt,
doch sehr lebendig – wie Dein Auge beweist!

Und Geist bist Du auch, nur hast Du noch
die irdische Hülle, ich nicht, und doch
ringen wir beide unterm selben Joch!“

„Warum kommst immer zu diesen Treppen?“
„Ich möchte den treffen und mich entschuldigen,
den ich mal ermordete auf diesen Treppen.“

Che Chidi Chukwumerije (17.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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REALITÄTSNAH

Stell dir vor, du würdest in einem Körper stecken,
der wächst, wenn du dich zum Wachsen entscheidest.
Großer wachsen, kleiner wachsen, feststecken;
du entscheidest, ob du Freude hast oder leidest.

Stell dir vor, du würdest in einer Welt leben,
Wo uns die Sonne unterschiedlich aufgeht oder nicht;
Auslöser wäre das Wollen, das wir von uns einzeln geben.
Jeder öffnet oder verschließt sich selber dem Licht.

Stell dir vor, du hättest die Macht, ewig zu leben
und diese Macht würde in Deinem Wollen leben.
Je freier dein Wollen, desto höher dein Streben.
Des Freien Wille hört nimmer auf, hell zu weben.

Stell dir vor, das alles wäre keine bloße Vorstellung;
Stell Dir vor, Du müsstest es Dir gar nicht vorstellen.
Ach! Dieser Körper betäubt nur unseres Geistes Einstellung –
Die hellen nennen wir die dunklen, die dunklen die hellen.

Che Chidi Chukwumerije (12.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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