GEDÄCHTNIS

Vom Charakter her passen sie zu einander
Aber Geschichte und ihre Erinnerungen davon
trennen sie von einander –
machen es ihnen schwer,
auf einander zuzugehen

Könnte nur jemand Ihr Gedächtnis löschen,
wären sie sofort beste Freunde.

Das muss das Leben gedacht haben
und ließ sie sterben und wiederkommen –
Jetzt sind sie Mann und Frau,
aneinander gebunden mit einer Liebe
stärker als Hass und Schmerz und Tod.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEELEN UND SONNENFENSTER

SEELEN UND SONNENFENSTER

Ich stand auf und putzte meine Wohnung
Da verklärte sich das Fenster wie ein Gesicht
durch das die Sonne schien –
Ich habe kein anderes Zuhause.

Ich machte mit und säuberte die Erde
Da verklärte sich ihre Lufthülle
auf daß der Sonne Wärme ein und aus ging –
Wir haben kein anderes Zuhause.

Ich hielt inne und reinigte meine Seele
Da verklärte sich mein Gesicht wie ein Fenster
durch das einer Sonne Strahlen hinaus drangen –
Ich habe kein anderes Zuhause.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BRÜCKEN BAUEN

Ich die Nacht
Du der Tag
Und es war niemals Abend
Und es war niemals Morgen

Ohne Dämmerung
blieben wir
Du der Tag
Ich die Nacht

uns gegenseitig ergänzend
ohne uns gegenseitig zu verstehen
Wie Menschenrassen, wie Himmel
und Erde ohne Wolken und ohne Regen

Wer gibt wem zuerst
ein Teil von sich?
Der wird auch zuerst
voll und glücklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS TIEF VERANKERTE WISSEN

Ich glaube an Deine Liebe
obwohl es aus der Mode gefallen ist
davon zu sprechen
oder an Dich zu glauben

Alle, die es noch tun,
noch wirklich tun
in einer tiefen Ecke ihrer Seelen,
behalten es für sich schweigend

nach dem Motto:
„Schütze, was dich schützt.“

Und dennoch redet die Natur von Dir
Ordnung und Veränderung reden von Dir
Selbst die Lächeln der Zweifler
reden, unbewusst, von Dir
in jenen Momenten, wo sie sich einfach
kindlich darüber freuen, daß sie leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEISTER

Geister,
habe ich in Erfahrung gebracht,
sind einsame Menschen,
stecken und gefangen geblieben
jenseits unserer Gemeinsamkeit.

Wie einsam muß es sein
mitten unter Menschen zu leben,
und sie sehen Dich nicht
und sie hören Dich nicht
und sie fühlen Dich nicht…

Ist es nicht besser,
weiter zu gehen?
Ist es nicht manchmal besser,
Dich einfach zu lösen
und Deinen Weg weiter zu gehen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU SPÜRST ES

Spürst Du manchmal Gedanken,
wie sie Dich umzingeln?
Es sind die leisesten,
die am Lautesten nachts klingeln,
wenn Du wach liegst
und läßt den Tag sich ausklingen.

Die sich schlauer dünken.
Auch Gedanken können überheblich schmunzeln –
Trügerisch schmeicheln,
mit Augenkontakt Dich entwaffnen,
Dir Deine intimsten Geheimnisse entlocken,
ohne mit Worten Deine Ohren zu züngeln.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABER WIE BIST DU INNERLICH?

Ein Künstler schuf
aus der Tiefe seines Geistes
ein besonderes schönes Kunstwerk,
das ihm Ruhm und Reichtum brachte –

Doch kaum fand er Erfolg,
setzte er sich daran, ihn zu verteidigen,
und wurde in seiner Verbissenheit
zunehmend häßlicher…

Und je schöner sein Werk wurde
in den Augen der Menschheit,
desto häßlicher wurde seine Seele,
vor allen Augen verborgen.

Von allem trennen wir uns –
unseren Geliebten, unseren Werken,
unserem irdischen Eigentum…
doch unsere Seele behalten wir bis zum Schluss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG DES ABSCHIEDS

Es gibt diesen einen Tag
Es ist nicht der Todestag
Es ist nicht der Gedenktag
Es gibt diesen einen Tag

Er kommt unangekündigt
Plötzlich, wie aus dem nichts
Unterscheidet sich mit nichts
von allen anderen Tagen davor

Außer in einem: Es ist der Tag,
an dem Du einen Menschen los läßt,
der viele Jahre davor gestorben ist;
einen Dir wichtigen Menschen.

Die Sonne steigt, der Regen fällt,
Er taucht plötzlich auf in Deiner Innenwelt
Und während Du ihn anschaust, spürst Du,
wie der letzte Stein von Deinem Herzen fällt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHDENKEN AM SONNTAG

Immer wieder diese Frage:
Wenn ich nur einmal lebe,
was nutzt mir das ganze Wissen,
gewonnen aus allem, was ich erlebe,
nach dem ich sterbe?

Bis Du alles begriffen hast,
bist Du alt, es ist vorbei,
das Wesentliche hast Du verpasst.

Irgendwie macht es keinen Sinn,
diesen intelligenzsammelnden Geist,
Mensch,
nur einmal leben zu lassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung