VERSCHÖNERUNG

Wenn die Schönheit das ist,
was Dich befriedigt,
dann kannst Du eine Dauerwelle
der Befriedigung und der Freude
Dein ganzes Leben lang reiten.

Denn egal wo Du bist,
ganz gleich wie hässlich, öde, verschmutzt
Und egal was Du dort bist,
egal wie unbedeutend und machtlos,
Du kannst dort immer die Schönheit verbreiten.

Schönheit verbreiten, über den Planeten;
Verschönern, Deine Umgebung,
Schöner machen, Dein Zuhause -
Verschönern, dort, wo Du am meisten lebst:
Dein Innenleben. An Dir immer arbeiten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPRECHEN IST DAS ZIEL VERFEHLEN

Möchte so sehr schweigen
denn sprechen ist das Ziel verfehlen.
Nicht verstanden zu sein -
nichts kann das Herz mehr quälen.
Ein langes, lachendes, leeres Gespräch -
so leicht ist es, mich zu bestehlen.
Lange, lachende, leere Gespräche…
bringen mich dazu, mich zu stählen.
Meine Seele hungert und dürstet,
was willst Du mir als Nahrung empfehlen?
Würdest Du mit mir schweigen?
Und was würdest Du mir dabei erzählen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE DISTANZ IN DER NÄHE

Ein guter Gedanke,
wenn er sich auf den Weg macht
in der Welt der Gedanken, kommt er weit?
Oder wird er erdrosselt und totgeschlagen
noch bevor er den nächsten Menschen erreicht?
Die unsichtbare Welt ist ein Friedhof,
wo vieles lautlos stirbt und begraben wird,
bevor es Dir überhaupt einfällt.
Stell Dir ein Zimmer voller Menschen vor
alle dicht nebeneinander stehend
doch weder Worte noch Gedanken schaffen es
die Distanz in der Nähe zwischen uns
zu überwinden
und den Frieden trotz der kriegerischen Gedanken
als den besseren Weg zu empfinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TEL AVIV

Palmen wehen
wedeln
winken im Wind

tauchen in der Ferne auf

Psalmen singen
ringen
klingen in meinem Herzen drin

tauchen aus einer Erinnerung aus

an die ich mich nicht erinnern kann.

Ich suche mein Gedächtnis gründlich ab
wandle wie in einer Wüste mit Wanderstab
von einem zum nächsten leeren Grab…

Der Geist wanderte aus ihnen schon lange aus;
kehrt er zurück, angezogen, dann als neuer Mann.

Die Straßen Tel Avivs
sehen aus wie die Straßen von
Hunderten von Großstädten der Welt,
voller menschelnden Menschen
in der Art von Hier und Jetzt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Yafo
Yafo
Tel Aviv


			

INNERER FRIEDEN, TIEFER ALS GEDANKEN

Schwerbeladen sank und hing der Kopf,
vollgestopft und beschäftigt mit des Tages Zoff,
ein brodelnder, köchelnder, zugedeckter Topf.

Die Seele, aus leichterem, feinerem Stoff,
ignorierte ihn, trank von alledem keinen Tropf,
weder von Gedanken schräg noch Gefühlen schroff.

Sondern sie suchte den Geist, zart - klopf klopf:
In der Empfindung wohnt alles, was ich mir erhoff -
Öffne Dein Inneres Ge-Wand. Dein Herz ist ein Knopf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JENSEITS IST DIESSEITS

Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.

Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.

So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.

Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:

Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…

Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.

Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITTAGSPAUSE

Auf die Schnelle
hole ich mir ein Stück Langsamkeit
aus der Mittagspause heraus -
Eine Stunde ausgedehnt durch Insichgehen. 
Ein verinnerlichter Moment
in der Ferne ist wie eine Ewigkeit Zuhaus.

Aus dem Fenster schauend
betrachte ich das Vollenden des Waldes
Belaubung in seiner Unaufhaltsamkeit.
Lang lebe das Wachsen
Lang lebe das Reifen
Lang lebe die Langsamkeit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LÄCHELN OHNE GRUND

Sinn gestern ist heute sinnlos.
Was ist Wirklichkeit?
Macht macht machtlos.
Wissen stimmt unwissend.
Wo findet das Leben statt?
In dem, was ein Mensch ist
Oder in dem, was er hat?
Du würdest fast denken,
die Mächtigen sind wirklich mächtig,
nur weil sie die Wehr- und Mittellosen
brandmarken als verdächtig.

Manchmal wohnt ein Lächeln in Dir.
Du weißt nicht weshalb, warum, woher.
Es hat keine Meinung zu Weltthemen.
Als käme es - und Du - von irgendwo anders her.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESICHTER

Die Gesichter.
Leinwände menschlicher Geschichten.
Jedes Lächeln ein neues Kapitel
mit Seiten und Unterseiten.
Ein Satz spricht Geschichten,
ein Absatz schreibt mehrere Leben
in einem Abenteuer von Liebe und Verlust.
Scherz schmückt manch einen Leidensweg
aber Schmerz kann man lesen, immer,
Verzweiflung beobachten wie einen Film,
der sich langsam entwickelt -
Alle Bilder sind beweglich, selbst der Toten.
Zwischen den Zeilen weilen Zweifel und Angst,
List nimmt immer einen und noch einen Twist.
Hass war nie eine Maske,
Frag jemand, der schonmal hasste.
Doch die Geschichte der Freude ist
die Liebesgeschichte zwischen Sonne und Hoffnung.
Es gibt aber eine Seite, die ich immer
und immer wieder neu lese -
Das ist die der Entschlossenheit.
Schau einem Menschen einmal tief ins Gesicht:
Der Blick, mit dem er Dich trifft,
das ist sein Gedicht.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung