TRÄGHEIT

Die Schneeflocke, ist sie
träge oder leicht?
Ich trage Dinge in mir
so schwer, ich denke: Es reicht!

Die leeren Dinge wiegen
schwer auf meiner Tragfläche
Die tiefen Dinge liegen
ungern auf meiner Oberfläche

Nein ich sehe mich nicht
Denn ich kritisiere gerade Dein Gesicht
Mein Kopf ist zu schwer – war das meine Absicht?
Ich kann meinen Blick nicht heben, zur Einsicht
Die Trägheit, in der Tat, ist geistig.

Ich muß mich selbst vom Boden aufheben
und tragen mit eigenem Wollen
Diese Trägheit täglich neu überwinden
ist das Höchste, was wir tun sollen

Gefährlicher als das Dunkel in anderen
ist das Dunkel in mir selber
Schwieriger als andere zu besiegen
Ist das Bezwingen meiner eigenen Fehler.

– Che Chidi Chukwumerije

—-

Das Jahr der deutschen Dichtung

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ÄLTER WERDEN

Falten machen Menschen schöner
All die Jahren machen Menschen Menschen
Ein Lächeln vertieft sich und
Eine Falte ergibt sich und fängt das Lächeln auf –
Schmerz hat sie erschaffen
Aber sie wird Dein schönstes tiefstes Lächeln einbetten

Einrahmen wie ein Meisterstück
Die Linien führen Dich langsam zu ihm zurück,
Entfaltend wie ein Nachtfalter
Er bleibt immer jung, Alter:
Dein Traum von Glück.

– Che Chidi Chukwumerije

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.

ZWEI WEGE

Als wäre ich zwei Menschen
Stehe ich mir selbst im Wege
Und wir halten nicht Händchen

Überlege, Che, überlege
Warum stehst Du wieder am Anfang
Der Kreuzung der selben zwei Wege?

Getrieben von einem alten Hang
Geht man keine neuen Wege
Es sei, man entzieht sich seinem Zwang

Leistet der anderen Stimme Gefolge
Wer Neues will, der werde rege
Verzichtet auf die alten unbefriedigenden Erfolge
Und probiert endlich der ersten der zwei Wege.

– Che Chidi Chukwumerije.

FEHLER

Ich wiederhole Fehler
Wie eine kaputte Schallplatte
Habe heute die selbe gelochte Socke an
Die ich gestern schon an hatte
Ich wurde zum vierten verdammten Mal
An der selben Stelle geblitzt
Und komme jeden zweiten Morgen an
Bei der Arbeit verschwitzt

Ich vergesse die gleichen Namen
Der gleichen Menschen ständig
War oft auf selber Weise unanständig
Trotz Gebet und Amen
Meine Neujahrsvorsätze sind nur Parolen
Ich werde sie wieder brechen
Und Gewissensbisse werden erneut stechen –
Nur DICH werde ich nicht wiederholen.

– Che Chidi Chukwumerije

NEU JA

Denn ich habe
Im Dunkel Licht gesucht
Und habe gefunden
Lichtsehnsucht

Denn ich habe
In der Weite Nähe erforscht
Doch je intimer sie wurde
Desto größer mein Durst

Denn ich hab’ begriffen
Das Alte ist hartnäckig
Wenn die Silvesterglocken verstummen
Wiederholt das alte Jahr sich

Es muß alles neu werden
Aber wie wird das erreicht
Wenn der Verursacher, Mensch,
Unverändert bleibt?

Es muß alles neu werden
Neu ja neu
Gottesname nicht mißbrauchend
Doch seinem Gesetz treu

Ja zur Empfindung
Und ihren leisen Hinweisen
Ja zu guten Absichten
Gültig auch ohne Beweise

Ja zu dem Mut
Den wilden Sprung zu wagen
Aus altem Trott und Schrott
Ins Neue Lebenstage.

– Che Chidi Chukwumerije.

ERWACHSEN

Karg sind die Bäume
Karg geschoren meine erwachsenen Träume
Silhouetten in der Nacht
Stille Post, stille Fracht

Das Kind in mir redet, doch geschwind
Der vorbei flüsternde Dezemberwind
Nimmt die Hälfte seiner Worte mit
Überläßt dem Erwachsenen somit nur ein Bit

Erinnern tut er sich nicht mehr
An mehr als ein wenig Inhalt da und hier –
Nicht das Kind an sich ist jetzt erwachsen
Sondern dem Kinde wurde entwachsen

Das eine schwebt im Licht und entfernt sich immer mehr
Der andere, im Dunkel, grübelt, schwer, leer
Wie er die Weltprobleme lösen kann
Die er selber erschuf und ersann.

– Che Chidi Chukwumerije.

GESCHWEIGE DENN

Ich befinde und bewege mich plötzlich an einem Ort jenseits von Worten, und wie ich hierher gelang, kann ich nicht sagen.

Auf einmal sehe ich die Welt anders und so wie ich sehe, lässt sich nicht in Worte drücken, geschweige denn über Worte zum Ausdruck bringen.

Empfindungen. Bilder. Begriffe. Aufnehmen. Wissen. Lieben. Schweigen.

Che Chidi Chukwumerije.

UMWANDLUNG

Wir leben, scheint es,
In Zeiten der schnellen Veränderung
Man steht morgens auf und
Erkennt sich selbst nicht mehr

Frau erfindet und findet
Sich immer und immer wieder neu
Und ist noch nicht am Ziel

Der Nachbar wird zum Fremdling
Der Feind wird zum Verbündeten
Geselligkeit zur Bedrohung
Angst zur Weisheit
Freunde zur Erinnerung –

Und lange lange Gesuchtes
Als längst verloren Verbuchtes
Auf einmal ist es endlich da.

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHMERZ

Dieses Gefühl
Wenn Du eine Person so lange vermisst
Daß es zu einem Teil von Dir wird
Sie zu vermissen

Dann stehst Du eines Tages auf
Und vermisst sie nicht mehr
Und fühlst Dich leer
Denn ein Teil von Dir fehlt jetzt

Sonderbar
Du vermisst es
Sie zu vermissen –
Was macht ein Herz mit der Freude nun
Wenn der Schmerz alles ist
Was es kennt?

Denn ich habe mich neu verliebt.

– Che Chidi Chukwumerije.