KEINE ZEIT SPÄTER

Keine Zeit später
diese Gedanken zu lesen
und nieder zu schreiben
was einst nie gewesen.

Keine Zeit später
mich zu suchen und finden
und Nicht-empfundenes
nachträglich zu empfinden.

Keine Zeit später
später Zeit zu haben
Vergangene Gegenwart aufzunehmen
als wären wir noch Knaben.

Ich habe heute keine Zeit
gestrig Versäumtes nachzuholen.
Morgen bringt neue Blumen.
Heut Verpasstes ist der Zeit gestohlen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRUND ZUM GEHEN

Gibt es einen Grund
auf dem man gehen kann,
einen Boden der Bedürfnisse
für mich fremden Mann?

Ich fragte mich warum
Menschen auswandern
anstatt Zuhause weiter zu geben.

Ich fragte mich warum
Menschen Zuhause weiter streben
anstatt auszuwandern.

Dann wanderte ich aus
und verlor meinen Plan?
Dann harrte ich Zuhause
und wurde zum Fremden Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AB STOSS

Leben stoßen aufeinander
stoßen einander ab
hinterlassen einen Abdruck aufeinander
nehmen einander mit. Bis ins Grab.
Viele Menschen, die uns früh verlassen
bleiben mit uns bis ans Ende unserer Tage.
Viele in unserem Leben ewige Insassen
werden zunehmend unsichtbar und vage.
Wenn Du zu lange verbunden bleibst,
wo Du nicht mehr hingehörst,
trennst Du ebenselbe Verbindung, schreibst
Dich ab, Du ergänzt nicht mehr, Du störst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HINTER MENSCHEN

Die Erde dachte, sie kannte den Tag,
bis er sich verwandelte und wurde zur Nacht.
Die Erde dachte, sie kannte die Nacht,
bis sie sich änderte und wurde zum Tag.

Kennen ist in der Gegenwart leben;
Vertrauen ist in der Gegenwart geben;
Lieben ist in der Gegenwart beben;
Die Zukunft ist ein geschlossenes Buch.

Ein Mensch ist mehrere Masken
und jede Maske davon ist ein Mensch.
Ein anderer Mensch. Nicht nur die Toten
geistern herum unter einem Tuch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHÖNERUNG

Wenn die Schönheit das ist,
was Dich befriedigt,
dann kannst Du eine Dauerwelle
der Befriedigung und der Freude
Dein ganzes Leben lang reiten.

Denn egal wo Du bist,
ganz gleich wie hässlich, öde, verschmutzt
Und egal was Du dort bist,
egal wie unbedeutend und machtlos,
Du kannst dort immer die Schönheit verbreiten.

Schönheit verbreiten, über den Planeten;
Verschönern, Deine Umgebung,
Schöner machen, Dein Zuhause -
Verschönern, dort, wo Du am meisten lebst:
Dein Innenleben. An Dir immer arbeiten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HABEN OHNE SEIN

Du darfst aus meiner Kultur schöpfen
Daraus was Neues machen
Ich werde aus Deiner Kultur Sachen schöpfen
die alt waren, ich werde sie neu machen.

Nicht die Kulturen bilden die Trennlinien
sondern die Ansichten, die behaupten
es gäbe zwischen uns unüberquerbare Linien -
Alle Andersdenkenden tun sie enthaupten.

Ist es so schwer, leicht zu sein?
Ist es so leicht, schwer zu sein?
Besteht unser Sein nur aus Haben
ist alles, was wir haben, nur schweres leeres Sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGESSEN IST LEICHT

Vergessen ist leicht
Du schleppst es mit Dir herum
Doch das Herz wird nicht schwer
Wird nicht schwerer darum

Wie kann etwas so Schwerwiegendes
So leicht wiegen?
Du hast Dich vergessen
Und hast es Dir selbst verschwiegen.

Leichtgläubig lässt sich die Blindheit
Am besten vertragen.
Der Erinnerungsverlust hinterlässt
Nur schwach ein leises Unbehagen.

Und dann wächst das Unbehagen,
Mit ihr eine schwere Verunsicherung,
Ein Ahnen, eine Stählung,
Eine Gewissheit, eine Erinnerung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZAUBER

Erstaunlicher Zauber
Charaktereigenschaft der Ewigkeit
Sie erneuert sich jeden Moment
Keine zwei Frühlinge
Keine zwei Tage oder Momente
Keine zwei Menschen
Keine zwei Besuche oder Begegnungen
Sind gleich.

Jeder Augenblick wird Neues hervorbringen
So war das immer
Und so wird es immer weiter gehen
Für alle Ewigkeit.

Wie tief ist das denn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OHNE WORTE

Hast Du schonmal zwei Menschen
reden gehört
und mit keinem Wort verraten sie,
worüber sie wirklich redeten?

Hallo. Wir geht‘s Dir?
Lange Zeit. Danke, mir geht es gut.
Und Dir? Auch. Auch. Schön,
Dich mal wieder zu sehen. Ja…

Eine Umarmung… Sie gehen
ihre getrennten Wege wieder. Einst
waren sie beste Freunde, Liebhaber sogar,
aber das ist lange lange her.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung