TÄGLICH DICHTEN

Täglich dichten hat mir beigebracht,
egal wie schön der Tag war oder die Nacht,
mich zwingen zu können, Gestern zu beenden,
mich der Rätsel widmen von Heute ausgedacht,
den Empfindungen, die heute in mir trenden.

Gestern verlassen fällt mir täglich heute schwer,
bringt mir doch der Tag jeden Tag immer Mehr,
mehr von mir, und mehr von Weniger von mir,
häufig war ich zum Tagesende völlig leer
des Alten, und voll mit neuem Lebenselixier.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JENSEITS IST DIESSEITS

Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.

Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.

So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.

Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:

Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…

Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.

Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEU-KLEIDEN

In letzter Zeit habe ich uralte Bäume gefällt,
starke Wurzeln und Fäden herausgerissen,
Türen abgeschlossen, Schlüssel weggeschmissen,
ganz egal, wem es nicht gefällt.

Ich habe scharfe Wendungen genommen,
neue Wege wie Buchseiten aufgeschlagen,
zurückgekehrt zum Gefühl im Magen.
Aber das alles hat keiner wahrgenommen.

Die haben nur gesehen,
daß ich alte Klamotten gestern entsorgte
und heute neue - andere - mir besorgte.
Sie ahnten nicht das innere Geschehen.

Welten enden und Welten beginnen,
schließen sich symbolisch ab in Ringen;
manchmal in den kleinsten Dingen,
die unscheinbar erscheinen unseren Sinnen.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERINNERUNG UND VERÄNDERUNG

Ein Mann lief wie ein Pfad durch den Wald
und verlor an jeder Wendung
den Blick zurück in seine Vergangenheit -
Geblieben ist lediglich Erinnerung.

Denn er verlor Freunde, engste Freunde,
ersetzt durch bittersüße Erinnerungen -
Manche meinen, Freunde wären wertvoller
als bloße Erinnerungen an tote Verbindungen.

Doch dieser Mann, er sieht das anders.
Menschen, wenn sie bleiben, verändern sich;
Sie bleiben gleich, nur wenn sie gehen,
verbleiben in der Erinnerung unveränderlich.

Keine zwei Menschen, einmal getrennt,
trafen sich je wieder. Oder selten.
Freunde trennen sich, Fremde finden sich.
Erinnerung und Veränderung. Zwei Welten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BE-SUCHT UNS IN DER ZUKUNFT

 Wie viele Häute wie eine Schlange
hat unsere Liebe schon abgeworfen?
Die einen suchen uns in der Vergangenheit,
im Gestern,
dort finden sie unzählige, tote, Muster.
Die anderen untersuchen die Gegenwart,
das Heute,
sehen eine immer-wiedergeborene
lebendige und wendige Schlange.
Aber wir, wir leben nach wie vor
in der Zukunft. 
Im Morgen solltet Ihr versuchen, 
das Rätsel zu lösen. 

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES GIBT KEINE NEUEN MENSCHEN

Es gibt keine neuen Menschen
Es gibt nur die alten
Seit langem traf ich keine neue Frau
keinen neuen Mann mehr
und fand nie wieder einen neuen Freund.
Es waren nur und immer die selben alten
die ich seit Jahren kenne,
in anderen Körpern, Gesichtern, Namen.

Es gibt keinen neuen mich;
such nicht nach ihm, nicht in mir -
finden wirst Du jedes Mal
am Ende nur den selben alten.
Es gibt keine neuen Jahreszeiten.
Zeit und Veränderung in Dauerschleife
zaubern immer wieder auf die Oberfläche neu
das alte, manchmal uralte, Ich hervor.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE KUNST DER WANDLUNG

Kann ein Künstler Politiker sein?
Kann ein Regenbogen aus nur einer Farbe sein?
Aus dem Perspektiv der Zukunft gesehen,
welche der Beiden hat sie hervorgebracht?
Liegt in Politik oder Kunst die (Um)Gestaltungsmacht?

Was hat den Menschen je wirklich verwandelt?
In der Art, wie er empfindet, wie er handelt.
Staatsformen oder die schöpferische Kunst?
Das Herz, das Herz, wer kann es erreichen?
Nur der kann es lenken, stärken, aufweichen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHNELL VERSCHWINDENDER FRIEDEN

Drohungen machen die Musik
in letzter Zeit
Der Ton ist nebensächlich -
Ein Wort und alle wissen Bescheid,
was gemeint ist.

Alle fühlen sich bedroht
durch die freien Entscheidungen anderer -
Fratzen sind Lächeln plötzlich verroht.
Frieden ist eine Maske, ein Wanderer,
ein Verführer, eine List.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MAL SO MAL SO

Mein Herz ist ein Loch.
Manchmal steigst Du rein
Manchmal steigst Du raus
Und beides fühlt sich gut an.

Wir sind mein Zeitempfinden.
Wir werden zusammen alt
Wir bleiben zusammen jung
Und beides fühlt sich gut an.

Dein Herz ist meine Aufgabe.
Manchmal verstehe ich Dich
Manchmal verwirrst Du mich
Und beides fühlt sich gut an.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR SIND ERNEUERBAR

Wenn nicht Sonnenblumenöl
Dann Rapsöl eben
Raps wächst in Deutschland

Wenn nicht Erdöl
Dann Erdwärme halt
Tief unter uns ist es warm
In uns brennt ein unbändiges Herz

Wenn nicht Steinkohle
Dann Wasser, Wind und Sonne
Die haben wir auch -
Das, was uns ausbremsen soll,
erneuert uns, stoßt uns nach Vorne.

Mut zum Zusammenhalt
Ideen für Veränderung
Alles haben wir, nur keine Angst.
Die Gegenwart ruft: Nutzt die Chance,
Haftet Euch nicht an der Vergangenheit;
Passt Euch der Zukunft an.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung