FREMDE FREUNDE

Manchmal denkst Du
Du redest noch mit der selben Person
mit der Du gestern und vorgestern
geredet hast. Und wegen dieser Illusion
kommunizierst Du mit vollem Vertrauen
ohne zu taktieren und ohne Argwohn
auf gleicher Art und Weise wie früher
kindlich im Gebären und im Ton
den ungeschützten Inhalt Deines Herzens
zu einem Fremden, zu einer neuen Person.

Denn Menschen ändern sich täglich
über Wochen und Monate erst unmerklich
und zeigen sich dann eines Tages deutlich
als ganz andere Menschen plötzlich
über Nacht anscheinend und befremdlich
gestern freundlich heute feindlich
oder, schlimmer, desinteressiert. Denn täglich
passiert etwas, was Veränderung bringen kann,
und über kurz oder lang irgendwann
fangen wir mit Freunden wieder von Vorne an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERÄNDERUNG (3)

Der Sommer kann sich den Winter nicht vorstellen;
selbst den Herbst zu begreifen, das fällt ihm schwer.
So ist‘s mit Liebe, mit Geld und Status, mit Gesundheit –
Heute unvorstellbar, aber morgen gibt es sie nicht mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERGESSENES

Ich erinnere mich
an meine Erinnerung
wie Wolken die
vorbei walken
ohne Eile
aber auch ohne zu verweilen
Ich erinnere mich
an meine Erinnerung
aber Erinnerung an was?
Ich weiß es nicht mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KRIEGER

Ich denke an mich
und erinnere mich an mich
und finde mich wieder -
Träumer und Krieger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SICH VERGESSEN

Der Tod des Körpers
ist nicht der Tod des Geistes -
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Sich körperlich zu lieben
und sich geistig zu lieben
haben miteinander oft gar nichts zu tun.

Geist, Geist, Geist.
Du verbringst Jahrzehnten im Erdenkleid
und vergisst, Du bist lediglich verreist,
und vergisst Dich im Erdenglück und -leid.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLES IST ECHT

Alles Vergängliche
ist nicht nur ein Gleichnis
sondern auch ein echtes Erlebnis.

Der Schmerz tut zuerst weh
und macht dann hinterher tiefer und weiser

Die für ewig gehaltene Liebe
durchblickt man erst später, als Greiser

Das Unzulängliche
wird lange noch nicht zum Ereignis
bis Eingang der Lehre ins Seelenverzeichnis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WAS NEUES ODER DAS ALTE?

Wollen wir ins Neue?
Oder ins Alte?
Laß uns diese Frage ernst nehmen –
Denn wo finden wir den wahren Halt?
Im Neuen oder im Alten?
Laß uns dafür die Zeit nehmen
Und gründlich darüber nachdenken,
Sonst werden wir es bereuen.
In welche Richtung wollen wir,
In welche Richtung sollen wir,
Weiter reisen? Vorwärts oder zurück?
Menschheit, wo liegt unser Glück?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ICH, ABENDS

Abends bin ich manchmal
eine andere Person –
Wer einen Termin mit dieser Person
hat, schreibe mir abends manchmal.

Wer sie nicht kennt,
wer sie nicht versteht,
wer sie nicht will,
der schweige mit mir abends,
intim, intensiv, vollends,
täglich treffen wir uns wieder morgens.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBE VERVOLLKOMMNET

Kein Mensch ist vollkommen
Aber jeder kann geliebt werden
Denn ohne Liebe auf Erden
Werden wir nie vollkommen werden -
Nur die Liebe macht vollkommen.

Jeder soll von irgendjemandem geliebt werden
Und jeder soll irgendjemanden lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AN DIE NACHT

Es ist sehr hell -
Ist das wirklich die Nacht?
Es ist sehr dunkel -
Ist das wirklich die Nacht?

Die Nacht ist heller als der Tag
Und dunkler auch -
Ist alles, was ich liebe und was ich mag,
Ist ein Gefühl im Bauch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung