FLIEGEN

Die Welt verbinden
Hoffnungen tragen, übertragen
Geheimnisse geborgen weitergeben
Träumen Flügeln verleihen
Menschen bewegen
Gefühle versetzen,
und nicht nur ins Staunen
Schicksale durchkreuzen, vollenden
und neu beginnen
Die Welt mit Möglichkeiten anstecken
Die Menschheit neu verteilen…
Fast könnte man denken,
ich rede von der Fliegerei –
Doch was nützt uns das Fliegen
wenn wir innerlich starr bleiben
fest eingefahren, unbeweglich,
fremdenfeindlich, Menschen verachtend,
besserwisser- und besserseierlich,
verschlossen und unveränderlich?
Kein Flugzeug kann Dich über
die Grenzen bringen,
die Du Dir selbst zuziehst.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE WAHREN GEFÜHLE DER MASKEN

Und da ist er. Endlich. Der
Morgenkristallnebel. Ein roter Fleck.
Die letzten goldenen Blättertropfen
Die völlig entkleideten Baumkronen

Der braunblättrige Außenteppich
Das vielsagende Stillschweigen
Himmel, wo ist die Hälfte Deiner Vögel?
Warum zögert Deine einfühlsame Sonne?

Die müde gewordenen Decken
Die nackten Augen. Die reifen Wünsche
Vorwände ohne Vorhänge…
Alle zeigen sich, wie sie wirklich sind

Der Herbst,
Der Herbst,
Der Herbst
Ist da.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DES WANDERERS ERINNERUNGEN

Am Abend meines Aufblühens
Möchte ich wie die Erinnerung
Einer Blume zurück schauen
Auf jede bald verschwindende Erinnerung;
Ich möchte mich daran erinnern
Daß ich mich einst daran erinnerte –
Denn an mehr als das werde ich mich
Nicht mehr erinnern;
Die Erinnerung an Dich wird verschwinden,
Bleiben wird nur die Erinnerung
An die Erinnerung –
Das Jahr trug mich wie eine Lotusblume
Auf einem fließenden Strom;
Die Gedichte waren Bäume am Ufer,
Ich werde sie nie wieder sehen
Doch meine Erinnerungen an sie
Habe ich Euch hinterlassen
Als Geschenke des Wanderers
Durch das fremde deutsche Land.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERINNERUNG

Sie hat gelernt
Gestern zu vergessen
Sie hat gelernt
Gestern kehrt immer wieder zurück
Sie hat gelernt
Wenn sie gestern vergißt
Begegnet sie ihm unvoreingenommen
Ohne Vorurteile oder Vorerwartungen
Mit frischem freiem frohem Geist
Als wäre er der Fremde, der er ist
Heute.
Immer anders, immer neu.

Und so, wie gestern sich täglich verändert
Verändert sie sich auch
Gestern war sie anders
Heute ist sie wieder anders
Morgen wird sie es auch sein –
Dennoch bleibt sie immer
Der selbe Mensch
Der sie gestern bereits war.
Sie kann sich vergessen
Wird sich aber trotzdem wiederholen –
Und jede Wiederholung
Ist ein erneutes Sich-Erinnern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HERZ DER NATION

Lange speiste die Nation
An dem Blut ihrer Kinder
Um Fleisch zu werden
Und reich an Plunder

Doch nun sind ihre Kinder
Groß gewachsene Vegetarier
Im Herzen widerstandsfähiger
Geworden gegen Vampire

Blut sättigt nicht mehr
Gedanken müssen her
Aus Lichtempfindung geboren
Weitsichtig, menschlich, hehr

Schwer dürstet die Nation
Nach den Gedanken ihrer Kinder
Alle einbeziehend und inspirierend
Gemeinsam zum nächsten Wunder.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HERBSTGEBUNDEN

Wer hätte gedacht
Als ich unweit der Mittellinie
Unserer Erde geboren wurde
Zwischen Regenwald und Wüste
Tropenbewässert
Harmattangetrocknet
Sonnensohn und Savannahsäugling
Daß ich einst den Herbst
Lieben lernen würde?
Den fremden Herbst.

Wer hätte geahnt, daß das
Was mich ergänzen und stärken
Beruhigen und besänftigen
Verstehen und inspirieren und heilen
Und fesseln würde
Ganz ruhig
Die ganze Zeit in der Fremde
Lebte und webte?
Erschien und verschwand und erschien
Egal, wer ihn erlebte oder nicht.

Als ich das erste Mal Deutschland sah
War mir alles fremd und abweisend
Außer dem Herbst
Der Herbst war mir vertraut
Wie eine Hälfte meines Lebensgedichts.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DEN HERBST VERSTEHEN

Manchmal musst Du gelebt haben
Und gestorben sein
Um den Herbst zu verstehen
Um genüßlich Dich an trocknem Wein
Nachdenklich zu laben
Am Abend Deines neuen Seins
Weder dem Sommer nachsinnen
Noch den Winter vorspinnen
Nur Herbst in Dir singen lassen
Und wenn Du äußerlich unbeweglich scheinst
Denn nur weil Du der erwachsen gewordene
Stabile ruhige Krug
Der alles ertrug, geworden bist
In dem heute die tobende Brandung
Ihre Verankerung sucht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DICHTKUNST

Mancher abgeschiedene Geist,
So sagt die Legende,
Akzeptiert nicht, daß sein Erdensein
Schon längst ist zu Ende;
Vermischt sich unsichtbar, stur,
Unter den noch irdisch Lebenden,
Fährt brav noch Bus und U-Bahn,
Geht spazieren mit Fußgängern.

Veränderungen zu akzeptieren,
Fällt uns Menschen wohl schwer;
Uns wegzudrehen und weiterzugehen,
Wohlbekanntes habend nicht mehr;
Eine vertraute Vergangenheit loszulassen
Macht uns ängstlich und leer;
In der Gegenwart zu leben –
Gestern weg, kein Morgen hinterher.

Ob vor oder hinter dem Grabmal
Bleiben wir das, was wir sind.
Für manche, Reichtum; andere, Status;
Manche, Liebe; oder die Zeit als Kind,
Oder Schönheit, oder Gesundheit;
Vergangenes macht uns häufig blind.
Wir tun so, als ob die Dinge noch so sind,
Wie sie es längst nicht mehr sind.

Die Kunst des Lebens besteht jedoch
Darin, auf fast alles zu verzichten,
Was das Leben anzubieten hat,
Sich Aktuellem, Kleinem, zu verpflichten;
Darin dann alles zu suchen, zu finden
Und erkennen, pflegen und zu errichten,
Worauf man angeblich verzichtet hat.
Die Kunst des Lebens ist dichten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIE WERDEN IHRE EIGENEN ERINNERUNGEN HABEN

Sie werden ihre eigenen
Erinnerungen haben.
Meine Kinder sind Kinder ihrer Zeit,
Ich war nur die Brücke
Wie mein Vater seinerzeit
Oben auf der Brücke stand und winkte
Und ich winkte zurück und ich ging weiter

Wie mein Vater durch meine,
Sehe ich heute durch ihre Augen Dinge
Die ich als Kind niemals sah
In einer anderen, verschwundenen, Welt
Und wie er denke auch ich nach und
Frage mich: Was geschieht tatsächlich
Innerlich in meinen wachsenden Kindern?

Nach dem ich weg bin
Und wieder weiter gezogen
Was werden ihre Erinnerungen sein?
Erinnerungen an die Kindheit,
Hort zartester Empfindungen, Nostalgie
Schmerz und Freude, Kraft und Hoffnung
Und Geheimnisse und ungelösten Fragen.

Und ich werde da sein
In ihren Erinnerungen,
Ihre liebe Mutter auch und eine Zeit
Und eine Welt, die es so nur dort gibt
In ihren Erinnerungen, teils Märchen,
Teils wirklicher, stärker und lebendiger als
Alles, was ihre Zukunft bringen wird.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung