Tagebuch eines Ausländers 11: DANKBARKEIT:

Es muss ein Samstag gewesen sein, denn es war reger Verkehr am Main. Die Jogger und Fahrradfahrer hatten es schwierig, denn die genießerischen Fußgänger waren en Masse unterwegs. Wir fütterten die Enten, bis mein Schwiegervater uns auf das Schild aufmerksam machte, welches genau das verbietet. Meine Frau lachte, denn ihr war das Schild vorher nie aufgefallen und versuchte jetzt, die veränderte Lage unserer nun verwirrten Tochter zu erklären. Wir setzten uns auf meine Bank und schauten anderen dabei zu, wie auch sie eifrig und gütig das Schild übersahen, wie vorher meine Frau, oder ignorierten, wie vorher ich. Irgendwann viel uns nichts mehr ein, was wir der Kleinen als Grund geben konnten, warum sie nicht mehr das durfte, was sie vorher immer durfte, und was jedoch alle diese Menschen da vor uns immer noch taten, entschlossen wir uns dazu, weiter zu laufen. „Das, was die machen, ist falsch,“ sagten wir im Gehen, um das Gespräch abzuschliessen, aber sie ließ natürlich nicht locker und entgegnete jeder Erklärung mit „Aber wieso!“ Am Ende blieb nur „Es ist am Main verboten“ übrig, so daß wir zu Beamten wurden. Nach ein paar Schritten sahen wir ein bisschen weiter Vorne vier Enten am Wasserrand. Nach einiger Beobachtung fiel es uns ein, daß die über die Strasse wollten. Wegen des regen Menschenverkehrs schafften sie es zunächst nicht. Als einmal eine Lücke sich auftat, wagten drei den Quergang im Hochsprint. Nun warteten sie auf der anderen Seite auf die vierte. Sie schien verängstigt zu sein. Immer wenn sie rüber wollte, kam eine Gruppe Fußgänger, ein Radfahrer, ein oder ein paar Jogger, eine Mutter mit Kinderwagen, irgendjemand, vorbei. Ich merke ihre steigende Nervosität und die Aufregung bei ihren Freunden auf der anderen Seite. Irgendwann waren wir an der Reihe. Wir blieben stehen, lang genug, so daß die letzte Ente rüber flitzen konnte. Die Kleine klatschte. Als die Ente bei den anderen ankam, schüttelte sie sich einmal heftig und dann watschelten alle vier flink weiter. Dann merkten wir, daß da, wo sie sich geschüttelt hatte, nun eine Feder auf dem Boden lag. Wir gaben sie der Kleinen und erklärten ihr, die Ente habe uns aus Dankbarkeit eine Feder geschenkt.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 6: UND NICHTS ZU SUCHEN, DAS WAR MEIN SINN…

Ich hatte eigentlich keinen Bock, trotz meiner Liebe zur Poesie. Aber meine damalige Freundin hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Auch sie hatte keinen Bock. Aber ihre Mutter war krank geworden und hatte bereits für 2 Personen bezahlt. Ihr Lebenspartner zog es vor, bei ihr zu Hause zu bleiben und sie zu verarzten. Deshalb bat mich Dida, sie zu dem Poesieseminar zu begleiten. Das war alles vor vielen Jahren und mein Deutsch war noch nicht so gut, aber ich konnte nicht nein sagen. Mich graute ein bisschen davor, 2 Abende unter fremden Menschen aus der Generation meiner Eltern zu sitzen und Texte zu hören, lesen oder ‚bearbeiten’, die ich womöglich nicht ganz verstehen würde. Der erste Abend war genau so langweilig, wie ich gefürchtet hatte. Lange Vorträge in ernsten Stimmen, wenig lächeln, kein seufzen, keine Zauber in der Luft oder in den Augen der Teilnehmer. Auf der Heimfahrt gestalteten wir den Abend in Witze um, um ihn verarbeiten zu können. Am nächsten Abend fiel sie mir sofort auf. Sie war am vorherigen Tag nicht dagewesen. Das Wort Intensität ist nicht intensiv genug, um ihr Gesicht beschreiben zu können. Sie erklärte in einem kurzen Vortrag, daß die Dichtung auf der Höhe ihrer Brillianz schwer unterscheidbar ist von der Einfachheit. Da war etwas in ihrer Stimme. Als Beispiel fing sie an: „Ich ging im Walde, so für mich hin…“ – Goethe’s „Gefunden“, langsam. Einmal in einem Zug von Anfang bis zum Ende, das zweite Mal von Strophe zu Strophe, Bemerkungen nach jeder Strophe machend. Danach durfte jeder, der wollte, das Gedicht einmal laut vorlesen. Dida flüsterte zu mir, ich sollte es auch probieren, ich hätte eine gute Stimme. Endlich stand ich auf und las das Gedicht vor, und wunderte mich, daß meine Stimme selbst mir so ruhig klang. Zum ersten Mal schauten wir einander direkt in die Augen, kurz aber intensiv. Als ich wieder saß, spürte ich, daß neben mir Dida verunsichert geworden war. Ich legte einen Arm um ihre Schulter, während in mir der Wunsch zum Leben kam, auch einmal auf Deutsch Gedichte zu schreiben. Ich hatte gerade etwas gefunden, aber was?

– Che Chidi Chukwumerije.