BEZIEHUNGSSCHATTEN UND BEZIEHUNGSECHOS

Ich kenne Menschen, die neugierig über den weiteren oder späteren Lebensverlauf ihrer ehemaligen Beziehungspartner sind und sie gerne einmal wieder treffen würden, um mit ihnen zu reden, oder wären offen dafür.

Ich rätsele darüber, was tatsächlich der Antrieb zu dieser Gesinnung ist, denn ich bin da komplett anders. Ist es aus, ist es aus. Egal, wer Schluß gemacht hat. Auch Jahre oder Jahrzehnte später, verspüre ich in mir Null-Verlangen, ehemalige Beziehungspartner wieder zu treffen oder mit ihnen zu reden. Ich wünsche ihnen in meinem Herzen alles Gute, und wirklich so, und rede auch nie schlecht über sie. Aber das war es. An den Details ihres weiteren Lebensverlaufs bin ich nicht mal interessiert. Vorbei ist vorbei.

Es sei, wir schafften es, nach der Beziehung eine Freundschaft auf zu bauen – oder eine vor der Beziehung bereits bestehende Freundschaft in die Zeit nach der Beziehung hinein zu retten. Dann ist es hinterher eine Freundschaft, also etwas anderes, und wirklich eine, und kein auf-Sparflamme-gehaltenes Schwelgen in Träumereien über Was-wäre-wenn oder in verborgenen Hoffnungen anhand des einstigen Dagewesenen. Das kotzt mich echt an und verursacht eine noch heftigere und tiefgründigere Trennung.

Für mich ist vorbei wirklich vorbei. Abgeschlossen ist abgeschlossen. Nun: Der Vorgang des Abschließens, ja, der mag schwer sein und sich in die Länge ziehen. Das anfängliche Fehlen der Bereitwilligkeit, ein Aus zu akzeptieren. Das Verwirrtsein. Der Bedarf nach einem klärenden Gespräch – und manchmal nach noch einem. Das zähe Ringen nach der Kraft zum Wiederauferstehen. Oder auf der anderen Seite das Bereuen einer Entscheidung. Oder gar das Unsicher sein darüber. Schuldgefühle. Usw. Aber das ist ein Erlebnis, das unmittelbar nach der Beziehung folgt. Also, dieses Desinteresse meinerseits an den ehemaligen Beziehungspartner bezieht sich nicht auf die unmittelbare Nachbearbeitungszeit, die ich den Beziehungsschatten nenne. Und genau so wie beim Sonnenuntergang die Schatten lang sein können, kann ein Beziehungsschatten lang sein. Für mich ist das die Zeit oder das Zeitfenster der notwendigen Wundheilung – und ich rate alle immer dazu, diese Zeit auch für diesen Zweck voll und ganz, intensiv und gründlich, ehrlich und echt zu nutzen. Laß das Feuer in Dir wüten, sozusagen, und setze Dich gründlich mit dem Erlebnis auseinander. Auch wenn Du der Schlussmacher warst. Aber irgendwann ist die Sonne komplett verschwunden, vollständig untergegangen. Für mich auf jeden Fall. Es ist vorbei.

Ab jenem Zeitpunkt gibt es kein Zurück mehr, auch kein Interesse. Nicht mal die berühmte Wunderheilerin, die Zeit, kann diese Wunde jetzt noch heilen, denn die gibt es auch nicht mehr. Wenn ich Jahre oder Jahrzehnte später den Wunsch in mir verspüre, zu wissen, was aus einer Ex geworden ist oder mit ihr zu reden, dann ist das für mich eine Indiz dafür, daß da etwas noch nicht zu Ende ist. Oder auf jeden Fall noch nicht ausgelebt oder verarbeitet. Denn für mich ist vorbei wirklich vorbei. Ich spüre es innerlich. Vielleicht ist diese Denkungsart eine schlechte Form der Selbstpsychoanalyse eines Laien; aber ein Mensch, der keine eigenen Regeln und innere Realität hat, ist meiner Meinung nach auch Psycho.

Das ist einfach die Art und Weise, wie ich zu diesen anscheinend ewig langen Beziehungsschatten und vermeintlich ewig wiederkehrenden Beziehungsechos stehe. Und so deute ich das bei anderen Menschen auch aus, wenn sie mir davon erzählen, daß sie den oder die Ex gerne nochmal sehen würden oder sich fragen, wie deren Leben jetzt aussieht. Da ist etwas in der Realität noch gar nicht zu Ende. Nur: Was?

– Che Chidi Chukwumerije

DIE FARBENLEHRE

Farbenlehre.
Farbenaffäre.
Auseinanderscheren.
Die Globalisierung
Als Sozialisierungsfähre
Ist eine einzige Farbenlehre.
Wer hat die Ehre?
Das entscheidet einzig
Und allein die Farbenlehre.

Was lehrt Dir Deine Farbe?
Ist sie Dir Wunde oder Narbe?
Oder Schutzwand oder Antenne?
Ist sie Dein wahres Gesicht?
Erkenne. Benenne. Bekenne.
Verkenne jedoch Dein wahres Ich nicht.
Oder ist sie nur eine Ablenkung?
Eine erzwungene Selbstbeschränkung?
Erzwungen durch die Farbenlehre.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REAL GEISTIG

Vor lauter Realpolitik geblendet
Wird die Frage nach der Herkunft
Rückwärts Richtung Vergangenheit angewendet
Anstatt wechselwirkend Richtung Zukunft

Wo ließen Deine Ahnen sich nieder?
Grübelst Du darüber, bis Du verdirbst?
Du kommst von da, wo Du wieder
Hin gehen wirst, wenn Du stirbst

Der Geist wird in der Moderne oft vergessen
In mitten von Nationen, Kulturen und Rassen
Der Verstand ist raumgreifend und alteingesessen
Der Mensch als Geist außen vor gelassen

Vor lauter Realpolitik starr geworden
Suchen wir hartnäckig, uneinig und blind
Unsere Heimat in allem Möglichen auf Erden
Außer in dem, was wir wirklich sind.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LIGHTRISE

When more than the sun rises
And more than the moon is full
When enlightenment itself materialises
Upon and within your soul

When you awaken in the deepest sense
And the light of your spirit fills your eyes
Then shall you experience
The dawn of the morning Lightrise.

– Che Chidi Chukwumerije

LEBENSLANG KINDER

Kinder sind keine
Kleinen Erwachsenen
Erwachsene sind große Kinder

So sitzen wir abends
Im Kreis – zwei Eltern
Zwei Kleine, vier Sänger

Bald ist Nikolausabend da
Ein paar Tage zum ersten Advent
Es freuen sich vier Kinder.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GELTUNG ODER VERGELTUNG

Dich benutzen
Sich beschützen
Dich beschmutzen

Geltung oder Vergeltung?

So besessen
Dich vergessen
In Dich hinein fressen
Wessen Geschichte
Lebst Du aus, unterdessen?

Dich rächen
Dich schwächen
Dir widersprechen
In Selbstgesprächen

Geltung oder Vergeltung?
Wessen Geschichte
Lebst Du aus, unterdessen?
Vieles behaupten –
Dich trotzdem noch nicht behaupten

Die gängigen
Illusionen bändigen
Selbstzweifel beendigen
Dich verselbstständigen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MEIN GROSSVATER

Er nannte ihn den Hitlerkrieg.
Der Ausdruck 2. Weltkrieg
Wurde erst später populärer,
Nach der Allierten Sieg.

Davon war er ein Teil,
Ein Schwarzer Kolonialsoldat
Aus britischem Nigeria –
Danach erfuhren sie den Verrat:

Tilgung aus den Geschichtsbüchern.
Alle Seiten wechselten Seiten –
Freund in guten Zeiten ist nicht
Immer Freund in schlechten Zeiten.

Wiederdaheim wurde er Polizist,
Lehrte seine Kinder 3 Dinge lieben:
Einander, die Bildung und Gerechtigkeit –
Der Schlüssel, hat er gelernt, zum Siegen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MEIN VATER

Er nannte seinen ersten Sohn Che,
Glaubte an Marx und Sozialismus,
Verehrte aus der Ferne die DDR,
Und verpönte den Kapitalismus.

Doch die Welt würde sich verändern,
Kameraden wandten sich ab vom Kommunismus,
Che starb und Jahrzehnte später die DDR,
Geblieben ist nur der Kapitalismus.

Er sah die Globalisierung Platz nehmen,
Als Konservativ auch den Liberalismus,
Als Christ den Anstieg der Glaubenskriege,
Und die Rückkehr von Rassismus und Faschismus.

Sein geliebter Panafrikanismus fruchtete nicht
Zeitlebens; und Biafra blieb mißverstanden,
Als er im Kreis seiner Kinder nachdenklich starb,
Gottvertrauend, von vielen Menschen unverstanden.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERINNERUNG

Sie hat gelernt
Gestern zu vergessen
Sie hat gelernt
Gestern kehrt immer wieder zurück
Sie hat gelernt
Wenn sie gestern vergißt
Begegnet sie ihm unvoreingenommen
Ohne Vorurteile oder Vorerwartungen
Mit frischem freiem frohem Geist
Als wäre er der Fremde, der er ist
Heute.
Immer anders, immer neu.

Und so, wie gestern sich täglich verändert
Verändert sie sich auch
Gestern war sie anders
Heute ist sie wieder anders
Morgen wird sie es auch sein –
Dennoch bleibt sie immer
Der selbe Mensch
Der sie gestern bereits war.
Sie kann sich vergessen
Wird sich aber trotzdem wiederholen –
Und jede Wiederholung
Ist ein erneutes Sich-Erinnern.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

PRESENT BE

The present always becomes the distant past. When Martin Luther put up the 95 theses, that was for him in the present. For us today it is the distant past. When Judas betrayed Jesus, for him that was the present; for us today it is in the distant past. When the artisans at Igbo-Ukwu or in Nok made their bronzes, that was for them the present, the most modern moment they knew. They could have never guessed what the future would be. But for us today, their present is the distant distant past.
Even such is time.
Today will one day be the past, the distant past, and be forgotten. Another day will be the present. Everyday another day. Only the present matters. The present is the only thing that Really IS.
Live in the present, from day to day.
Move with the present, from day today.
BE the present, every day.
Be present in every moment.

– Che Chidi Chukwumerije