TAG FÜR TAG

Der Tag wie eine Schlange war lang
Wie ein werdender Mensch wechselte er
Mehrmals Charakter, Handschrift, Gang
Fühlte sich am Ende wie ein anderer
Verschwundene Schwan nach seinem Gesang

Ich dachte an Menschen,
Deren Tag in der Freiheit begann
Und im Gefängnis endete – und umgekehrt
Und ich fragte mich: Wann
Sehe ich wieder meinen Bruder heimgekehrt?

Und an jeden Menschen,
Der gestern wie an jedem Tag davor
Und an jedem, der danach noch anbricht
Etwas vermisste, was er einst verlor
Und aller Wandel der Zeit heilt es nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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ES WAR EINMAL EIN KIND

Ich war das Kind, das starb
Weil ein Erwachsener Klugheit erwarb
Die seiner Reinheit Sinn verdarb…

Ich war das Kind, das ertrank
Im Erwachsenen Durst langsam versank
Still liegend unten im Tank

Ich bin die Erinnerung eines Kindes
Ahne ich, doch ich find es
Nirgendwo mehr in mir und indes

Sind mir die Jahre vorbeigeflogen
Der Bogen war grad, der Pfeil ist verbogen
Suchend das tote Kind einst betrogen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

NEOFASCHISMUS

Die Augen lügen nicht
Haß ist keine Lüge
Haß ist die Wahrheit
Einer Lüge

Die Augen lügen nicht
Auch wenn sie betrügen
Scheinliebe verbirgt
Nicht ganz die Lügen

Die Augen können Liebe lügen
Den Haß nicht. Haß ist
Unvortäuschbar
So blind, wie Haß ist
Haß ist der Urrassist
Hasst alles, was nicht Haß ist
Haß ist der Urnarzisst
Und da der Haß seine Art ist
Zu lieben, liebt er nichts
Was nicht Haß ist
Und liebt sich, denn er hasst sich
Und mich liebt er auch nicht
Er hasst mich. Denn Haß ist
Der Urfaschist. Und ich bin geistig frei.

Ihre Augen lügen nicht
Und in letzter Zeit
Wollen sie auch nicht lügen
Denn es ist so weit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VOLLMOND

Ich fand heute Nacht
Den Mond, rund
Wie ein Kussmund
Reif und aufgewacht

Und ich suchte
Deinen zarten Mund
Sanft-zitronen jung
Im schlammigen Grund
Meiner dunklen Erinnerung

Dann versuchte ich
Ins volle Herz des Mondes
Schmerzes einzubrechen
Denn eine Frau bis auf ihres Grundes
Herz ganz zu lieben, spüre ich,
Ist kein Verbrechen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLE MANN

Wir sind das Volk!
Na, und? Und wer
Ist die Regierung?

Durchs Volk
Des Volkes
Fürs Volk

Nicht „Wir sind das Volk“
Sondern „Wir sind die Regierung“
Wir sind mehr als Volk
Wir sind Heil und Zerstörung.
Und haben die Wahl.
Und müssen lediglich zur Wahl.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLES WAS GLÄNZT

Sie gaben uns eine geschriebene Verfassung
Haben selber aber keine

Sie verhinderten den Austritt Biafras
Wollen aber selbst ihren eigenen Brexit aus der EU

Sie labbern uns ständig Demokratie an
Schließen aber selbst ihr eigenes Parlament

Sie brachten uns ihre Religion
Treten selber scharenweise aus ihr heraus

Wer sind hier die Dummen?
Sie oder wir?
Wer die dunklen krummen?

Wir glauben alles
Schlucken alles
Folgen alles
Ahmen allem nach –
Wir armen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

BLACK AFRICA: SERVING TWO MASTERS

Black Africa, by and large, was conquered and colonised TWICE – by Islamic Arabic Imperialism and by Judeo-Christian Western Imperialism. But when Black Africa fought for Independence, it only fought for Independence against Western Imperialism and not against Arab Imperialism.

That is why the soul of Black Africa has divided loyalties today. Many Black Africans who consider themselves free and independent today are only independent (partly) from Western Imperialism, and not from Arabian Imperialism which is deeper, stealthier and more inchoate and not bound into a concrete, easily dismantable State-form.

Until Black Africa is politically, economically and ideologically free of both the West AND the East (middle and far), it will never be Able to develop. It will always remain a puppet on a string and a pawn in a game being played by others.

– Che Chidi Chukwumerije

WEM DU DICH AUFTUST

Stell Dir vor
Du wärest ein Gefäß
Alles, was Du tust
Wäre nur dem gemäß
Wem Du Dich auftust

Stell Dir vor
Deine Stimme wäre ein Echo
Ein letzter Nachklang
Wie Musik aus dem Radio
Du bist ein Schwanengesang

Warum ist
Jeder Mensch schön,
Wenn er lächelt?
Wie ein Wunder Wunder schön
Wenn ungeheuchelt?

Laß Dich
Vom Höheren nehmen
Umgestalten und füllen
Laß Dein jedes Unternehmen
Was Höheres erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MEIN GOTT

Nicht wer
Sondern was
Ist Gott?
Was ist das?
Denn es ist.

Nicht wie
Fing alles an
Sondern Was
Hat es getan?
Und tut es noch
Denn es ist.

Leben, wenn es Leben ist,
Kann keinen Anfang haben
Weder im Raum, noch in einem Geschehen
Noch in der Zeit
Außerhalb der Ewigkeit
Denn nur Leben
Kann Leben
Geben
Deshalb muss Leben
Immer gewesen
Ohne Wesen –
Was ist das?

Was ist Bewusstsein?
Was ist Gesetzmäßigkeit?
Und was, mit seinem Sein
Ist und gibt sie seit aller Ewigkeit
Bis in aller Ewigkeit?
Was ist das? Denn
Es ist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ANTIBLUME

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Wie eine Antiblume
Ist der Hass erneut aufgeblüht
Er wurzelt mitten im Seelenreichtum
Aller Kulturen; gedeiht; versprüht
Den Duft der Angst und Irrtümer
Und vergiftet Verstand und Gemüt.

Und blüht mit Misstrauen und Neid
Im Antiblumendreiklang
Die Diplomatie ist ihr nettes Kleid
Systeme stehen unter ihrem Zugzwang
Und – Ihr ahnt es – es folgt das Leid
Wieder, ihr Höhepunkt, ihr Abgesang.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung