ARBEITSSUCHE

Ein Fuß nach dem anderen
Verschwindet Richtung Arbeitsamt
Mit Hoffnung entflammt
Ein Herz nach dem anderen
Sehnt sich nach Beschäftigung
Befestigung und Bestätigung:
Auch. Ich. Bin. Jemand.

Was bleibt dem Menschen noch übrig
In einer post-menschlichen Welt
Ohne Geld als Arbeitsfeld?
Ohne Genehmigung ist gesetzwidrig
Neues, ob Jugend, Vorstoß oder Tugend
Es bleibt nur Altes, ungenügend
Verteilt. Aus. Land. In. Land.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERNÄHRUNG

Hand ausgestreckt
Nach einer Realität
Jenseits des Ausgedachten
Das Jenseits wurde nicht ausgedacht

Ursprung versteckt
Ursprung einer Loyalität
Zum treibenden Nicht-Ausgedachten
Leere Räume haben’s mir beigebracht

Ein leerer Raum
Voller Wunderkraft und Macht
Wirklich, kein Traum
Ich hab’s mir nicht ausgedacht –

Die Zeit ist mein Wunderraum:
Bis sie täglich in sich zusammenbricht
Muß ich finden neu den Wunderbaum
Und pflücken mir ein Gedicht.

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Gibst mir Halt, Nahrung, Richtung
In mitten des Waldes menschlichen Wirrwarrs
Öffnest Dich einmal täglich, helle Waldlichtung.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

CHE: Im Gespräch mit Dorcas Spitzhorn & Jahman Anikulapo / („Der Tropfen“ – ein Gedicht von Dorcas Spitzhorn)

Bei einem Treffen heute im Social Impact Lab Frankfurt sagte mir Dorcas Spitzhorn, daß sie sich von mir und meinem täglichen Dichten inspirieren ließ und am Samstag ein Gedicht schrieb! Wow! Dann musste ich auch noch das Gedicht von Dorcas – „DER TROPFEN – vor laufender Kamera vorlesen, was ich gerne tat. Der nigerianische Journalist Jahman Anikulapo war auch dabei.
DAS JAHR DER DEUTSCHEN DICHTUNG wird immer lebendiger 😊

ZUSAMMENZUG DER MENSCHLICHKEIT

Wie oft schon
In mahnendem Ton
Sprach ich zu meinen Kindern:

Vor Bus und Bahn
Und an Straßen entlang
Bleibet fern von den Rändern.

Vor unbeabsichtigtem
Schieben, Stolpern, Ausrutschen
Wollte ich sie schützen

Nie dächte ich
Daß absichtlich
Ein Mensch Unbekannten würd schubsen

Deines Bruders Hüter
Deiner Schwester Beschützer
Seid!, möcht ich ihnen nun zurufen.

Deines Nachbarn Wohlsein
Betrachte wie Deins
Und decke ihm seinen Rücken

Wir schließen die Lücke
Vor jeder Heimtücke
Wenn Menschen menschlich zusammenrücken

Neben dem Selbstschutz
Wandert der Nachbarschutz
Keiner kann sich selbst ganz schützen

Wenn Dunkel erwacht
Gewinnt Licht an Macht
Denn wir halten alle zusammen

Möge Gott der Mutter
Der getöteten Tochter
Beistehen – und wir auch. Amen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GESELLSCHAFT

Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –

Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –

Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern

Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HEIMATSUCHE

Afrika wandert aus
Die Welt marschiert ein
Bis Afrika wieder den Weg nach Haus
Gefunden hat, ist’s nicht mehr seins

Europa breitete sich kräftig
Über die ganze Welt aus
Nun betrachtet eben die ganze Welt
Europa als sein Haus

Es ist ein ständiges Geben
Nehmen und Entgegennehmen
Eine Neugestaltung der Zukunft
Folgt auf jedes Unternehmen

Obwohl Du O2 einatmest
Stößt Du CO2 hinaus
Der Mensch ist ein Weltenwanderer
Von der Welt verändert unterwegs nach Haus.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REISEWARNUNG

Die Schienen, wie Schicksal,
Bringen die Züge
Zu ihrem einst erwählten Ziel

Das Schicksal, wie Schienen,
Bindet die Sünden
An unsere Seelengründe
Bringen Gedanken, wie Insassen
Zu ihrem Endziel
Egal ob es jedem gefiel – oder nicht.

Du wirst ab und an
Manch einen Menschen treffen
Buch lesen, Film sehen
Geschichte hören, Gedicht nachempfinden
Ab und an etwas erleben
Was Dich zum weiter streben
Zwingen will…
Schmerz oder Freude
Liebe oder Verlust
Für etwas machtlos leiden
Bei Hoffnung oder Frust
Es bewegt Dein Inneres.

Diese Momente…
Das sind unsere Zwischenstationen –
Manche steigen aus
Manche steigen ein.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLÜGE DES MORGENS

Es war einmal ein guter Morgen
Hell wie Glocken, denn Glocken
Sind glücklich wie ein Kind ohne Sorgen
Der Morgen war das lachende Kind
Der Schöpfung –

Staunend schaute der Morgen
Aus tausend träumenden Augen heraus
Auf Gedanken, die lange verborgen
Im Tal der Nacht sich nach Licht sehnten
Und der Morgen fühlte sich geborgen
Auf den Flügeln seiner eigenen Kindlichkeit –

Und während die Sonne,
Vater des Morgens, stieg und strenger wurde
Und in den Menschenaugen
Der Morgenglanz langsam ersetzt wurde
Durch Menschenblick, seufzte sanft
Und freundlich der träumende Morgen
Ein letztes langes leises Mal
Genoß den Augenblick…
Und ahnte das Ende seines Lebens.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MAIN AN FRANKFURT

Wir tauchten aus dem Tunnel auf
Rosig-blau der Himmel gähnte
Schrebergärten, bärtig mit Laub
Der reine Main das Ganze ergänzte
Vieles verband und vieles trennte;
Von den Geheimnissen nichts erwähnte
Die er sammelt auf seinem Lauf.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung