ERINNERUNG

Sie hat gelernt
Gestern zu vergessen
Sie hat gelernt
Gestern kehrt immer wieder zurück
Sie hat gelernt
Wenn sie gestern vergißt
Begegnet sie ihm unvoreingenommen
Ohne Vorurteile oder Vorerwartungen
Mit frischem freiem frohem Geist
Als wäre er der Fremde, der er ist
Heute.
Immer anders, immer neu.

Und so, wie gestern sich täglich verändert
Verändert sie sich auch
Gestern war sie anders
Heute ist sie wieder anders
Morgen wird sie es auch sein –
Dennoch bleibt sie immer
Der selbe Mensch
Der sie gestern bereits war.
Sie kann sich vergessen
Wird sich aber trotzdem wiederholen –
Und jede Wiederholung
Ist ein erneutes Sich-Erinnern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

PRESENT BE

The present always becomes the distant past. When Martin Luther put up the 95 theses, that was for him in the present. For us today it is the distant past. When Judas betrayed Jesus, for him that was the present; for us today it is in the distant past. When the artisans at Igbo-Ukwu or in Nok made their bronzes, that was for them the present, the most modern moment they knew. They could have never guessed what the future would be. But for us today, their present is the distant distant past.
Even such is time.
Today will one day be the past, the distant past, and be forgotten. Another day will be the present. Everyday another day. Only the present matters. The present is the only thing that Really IS.
Live in the present, from day to day.
Move with the present, from day today.
BE the present, every day.
Be present in every moment.

Che Chidi Chukwumerije

DAS JAHR DER DEUTSCHEN SICHTUNG

Ich weiß
Es klingt widersprüchlich
Auch ich hätte es nie geglaubt
Nie gedacht
Nie begriffen nie verstanden
Nie erklären oder begründen oder
Beweisen können
Bis ich es in mir entdeckte
Wo es nicht nur tief und fest steckte
Sich versteckte, könnte man fast sagen
Sondern wo es immer war
Der Auferweckung harrend
Dem wiederbelebenden Ruf folgend
Zum Etwas Sein, was ich schon immer war
Und bin und sein werde
Ob ich es weiß oder nicht
Verstehe oder nicht
Will oder nicht:
Deutsch. Und Schwarz. Gleichzeitig.

Mich umbringen wird es nicht töten
Mich ausgrenzen wird es nicht beseitigen
Mich ausweisen wird es nicht verbannen
Mich ignorieren wird es nicht abhängen
Mich verteufeln wird es nicht verbrennen
Mich verneinen macht es nicht ungültig
Denn es bejaht sich in mir täglich:
Deutsch. Und Schwarz. Gleichzeitig. Sein.
Ohne wenn. Ohne aber.
Frag mich nicht warum.
Es ist einfach so.
Tinte verschwindet, Papier vergilbt
Blut zerrinnt und Fleisch ist schwach –
Doch der Geist ist stark und überlebt
Und kennt und geht immer seinen Weg.
Mich säubern bringt nichts
Denn Schicht unter Schicht unter Schicht
Bleibe ich:
Deutsch. Und Schwarz. Gleichzeitig.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER ANDERE

Er lebte in einem Vaterland
Sprach eine Muttersprache
Handelte mit Bruder-Herz und Hand
In nicht jedermanns Sache
Und niemals mit Rache.

Er hatte dort keine Vettern
War Nutznießer keiner Vetternwirtschaft
Als Brüder und Schwestern
Betrachtete er alle in der Nachbarschaft
Dennoch erfuhr er Feindschaft…

Schlimmer als Körperschmerz und Glasdach
Und Lügen verkleidet mit Geschick;
Das, was ihm am tiefsten stach
Und brach ihm fast das Genick
War jeder menschenfeindliche Blick.

Er begriff sie nie
Hingen doch im Weltgetriebe
Die Menschheit als eine Familie
Zusammen gebunden im Betriebe –
Eine geistiger Art Geschwisterliebe.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ROCK STARS

Did the sun give birth to the earth?
And the earth to the moon?
Is the moon childless?
What are we doing here
On this strange rock
In the middle of billions and billions
Of other strange rocks?

Che Chidi Chukwumerije

REPUTATION

So quickly fame
Is followed by shame –
Build instead a good name
That knows no blame –
This should be the aim
Of your substance and game –
Solid name, not fickle fame.
Incorruptible Character is the same
As an inextinguishable flame.
You can remake fortune and fame,
It is hard to recast a broken name.

But if you do fall and lose your face
Stand up tall, don’t hide your face
Learn from your mistakes and change your ways
And boldly seek again the sun’s rays.
It takes Character to push on despite pain
But it also takes character to rise again.

Che Chidi Chukwumerije.

YESTERDAY’S FLOWERS

My memories, are they mine?
Whose Definitions do definitions define?
How many sides has a line?
Grape juice is drunk, but not on wine.
My memories, are they mine?

They are my memories of you,
So what are they? If I asked you
Then I‘d be asking the you of today –
I’d much rather ask the you of yesterday,
The you in my memories of you.

But is that, or was that ever, the real you
Or is it just my memory of you?
My memories of you, are they yours?
Or are they mine? Or are they ours?
Yesterday’s flowers bloom on in me and you.

Che Chidi Chukwumerije

HERZ DER NATION

Lange speiste die Nation
An dem Blut ihrer Kinder
Um Fleisch zu werden
Und reich an Plunder

Doch nun sind ihre Kinder
Groß gewachsene Vegetarier
Im Herzen widerstandsfähiger
Geworden gegen Vampire

Blut sättigt nicht mehr
Gedanken müssen her
Aus Lichtempfindung geboren
Weitsichtig, menschlich, hehr

Schwer dürstet die Nation
Nach den Gedanken ihrer Kinder
Alle einbeziehend und inspirierend
Gemeinsam zum nächsten Wunder.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SPIEGELBILD

Am Anfang schöpfte die Blume
aus der Erde – jetzt schöpft
die Erde aus der Blume
eine Blüte, denn der Blume Blüte
ist der Erde Lächeln zum Himmel
– Trost für seine Tränen –
Keiner braucht sich zu schämen
der seine zarteren Gefühle
einem Fremden zeigt.

Durch Welten getrennt
wie unterschiedlich sind wir wirklich?
Wieso brennt dasselbe Lichtlein
in uns wie das Spiegelbildlein
einer vergessenen gemeinsamen Wurzel
Dunkeljahren und Lichtmeilen entfernt?
Ich kenne Dich, Deine List, Gier,
Deine Herrschsucht, denn sie sind auch
meine – nur anders verbogen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRÄUMENDE DENKER

Abend. Tagesende.
Tausend Eindrücke zu verarbeiten
Keine Zeit zum Verinnerlichen
Die Kinder sind laut mit Liebe
Frech mit Freude
Unermüdlich mit Müdigkeit
Groß mit Geschichten
Feist mit Fragen
Auch sie haben tausend Eindrücke
Zu verarbeiten und keine Zeit
Sie zu verinnerlichen.

La le Lu
Nur der Mann im Mond
Hat seine Ruh.
Schneller als wir denken können
Wird die Gegenwart
Zur Vergangenheit.

Der Tag ist nicht genug
Du musst in Deinem Schlaf wach sein
Und in Deinem Traum leben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung