STRASSENMENSCHEN

Sie füllen die Straßen
Aber mit ihnen sind die Straßen leerer
Denn sie gehören nicht in diesen Gassen –
Aus welchen Schmerzen kommen sie hierher?

Gebrochene Herzen?
Verlorene Heimen?
Armut und Sucht und Sehnsucht?
Mit allen tun die Straßen sich reimen.

Mit denen, die sie leerer machen,
Und mit denen, die sie voller machen.
Mit denen, die sie schöner machen,
Und mit denen, die sie hässlicher machen.

Auch die, die nicht auf der Straße gehören,
Gehören auf der Straße.
Für jeden hat sie Platz und Ohren, die hören,
Bis er sie wieder verlasse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KURZ DAVOR

Bergwinde,
Tragt Ihr das Alte fort?
Bergwinde,
Kehrt Ihr in mir vor Ort?

Ihr singt von Hoffnung,
von Zuversicht.
Ihr weckt in mir Hoffnung,
entfacht neues Licht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BERGFLÜSTERN

Die Berge reden mit mir
Ich schwöre es 
Flüstern, Raunen, zu mir, in mir,
Ich höre es
Sie sagen mir
Ich soll auf meine Innere Stimme hören
Sie sagt mir
Daß wir zusammen gehören.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

APRIL

Die Berge sind still
Und dennoch laut –
Du wohnst, April,
Unter meiner Haut –
Alles, was ich will:
Du und ich, vertraut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLES AN DIR

Alles schlucke ich runter
Nur Dich nicht
Alles spucke ich raus
Nur Dich nicht

Bist Du draußen, bleibst Du dort
Bist Du drinnen, bleibst Du hier
Fest gewurzelt an Stelle und Ort
In meinem Herzen, in unserm Wir.

Wenn ich Dich ablehne,
bist Du noch da;
Wenn ich Dich annehme,
bist Du nicht da.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MISSVERSTÄNDNISSE

Das Leben besteht aus Missverständnissen,
Sie sind der Treibstoff tollster Geschichten.
Sie sind die Bausteine unserer höchsten Erkenntnisse -
Wir sind einander halb begreiflich wie Gedichte.

Wer sich noch nie missverstanden haben,
werden sich gegenseitig nie wirklich verstehen.
Je näher wir uns kommen, desto mehr schlagen
unsere Unterschiede aufeinander aus Versehen.

Desto mehr sehen wir die Lücken
und lernen, uns gegenseitig zu beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACH DEM STURM

Das Herz ist leer gefegt worden
Eine Straße nach einem Sturm
Abuja riecht nach frischem Regen
Öffnet sich nackt mit stiller Charme
Und erinnert mich an etwas, das nie war,
sich aber so anfühlt, als wäre es gewesen
Und jetzt, wo es vorbei ist, wird mir klar
Alles ernst zu nehmen, was ich einst gelesen.

Che Chidi Chukwumerije
Poems from the inner river

DISTANZ IST NÄHER

Distanz ist näher als Nähe.
Entferne sie nicht, sonst wehe.
Raum genug um besser zu sehen,
Raum genug um besser zu gehen,
Distanz ist ein tiefes Geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NOTIZ AN MICH SELBST

Du bist heute
nicht gestern

mutig
nicht schüchtern

bereit zum Reden
nicht zum Lästern

klare Worte
kein Flüstern

wartend auf Neustart
wartend auf Ostern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BEIDES

Gespräche -
Kühlende Tröpfchen
Auf heißen Stein -
Heilendes schöpfen.

Schweigen -
Kühlendes Tröpfchen
Auf heißen Stein -
Heilendes schöpfen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung