WALDWEGE IN DIR

Und ich nahm den weniger genommenen Pfad
doch kam ich nicht so weit wie auf der Geraden
denn Du schrecktest auf – und das war … schade.
Erschrocken machtest Du Dich wieder zu –
Jetzt sitzt Du wieder auf dem Grad.

Doch, warst Du erschrocken oder nur überrascht?
Wie viele Fremde haben an Deinen Waldblüten je genascht?
Deine Geheimnisse schonmal plötzlich erhascht?
Machst Du Dich dann immer erschrocken zu?
Oder war ich Dein erster derart intimer Gast?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS PERFEKTE VERBRECHEN

Stell Dir vor?
Du kämest zu mir
in Liebe mit Liebe aus Liebe
brachte mir die Liebe bei.
Liebe Licht und Leben.

Im Gegenzug:
Ich schlage Dich mit Nägeln
auf einen Holzbalken
bringe Dich grausam um.
Liebe Licht und Leben.

Stell es Dir nur vor
sage mir:
Wäre dadurch Deine Mission
erfolgreich gewesen oder nicht?
Liebe Licht und Leben.

Es kommt noch besser.
Morgen erzähle ich rum, insgeheim
wolltest Du nur umgebracht werden –
Stell es Dir nur vor.
Liebe Licht und Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JUDAS

Er küsst wie ein Freind
leidenschaftlicher als ein Freund und
kälter als ein Feind
Umarmung ist die Tarnung der Verleumdung

Küss mich nicht
verpass mir lieber einen Stich
Deines Dolches und Deiner Frust,
Freind, direkt mitten in meine offene Brust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

APRIL IN DER QUARANTÄNE

Mein Herz ist ein Loch
aus dem der Frühling springt
und überrascht mich

Ich stehe am Fenster und schaue zu
wie er aufblüht und vorbei läuft
wie meine alte Jugendliebe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WENN DU GLAUBST

Das Ostern naht
Heldentum und Verrat
Manche sterben
und werden nie wieder leben
Manche leben
und werden nie wieder sterben
Aufgeht des Ostern Saat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREMDE EIGENTÜMER

Warum bin ich von Sachen umgeben
die ich nicht vermissen werde
nach meinem langen kurzen Leben
auf dieser fremden Muttererde?

Wenn man nichts anderes hat
als alles, was man hat
Merkt man, daß man in der Tat
außer sich und der Liebe nichts hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE REISE IST EINE INNERE

Mitten auf der Reise
fühlten sie sich wie zwei Fremden
unerklärlicherweise gefangen
auf einem Boot weit weit draußen
auf einem ihnen unbekannten Meer –
auf einander angewiesen
dazu verdammt, dem anderen
dabei zu helfen, in die jeweils entgegengesetzte Richtung zu paddeln.
Gut, daß die Welt rund ist. So rund
wie ein offenes und lächelndes Gesicht –
egal in welcher Richtung sie lächelnd segeln
schaffen sie die Kurve und
jeder kommt bei sich zu Hause an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE LUFT IST EMPFÄNGLICH

Düstere Gestalten laufen langsam auf dem Gehweg –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Ich möchte sie aufhalten; sie flüstern: Geh weg!
wir haben unser Eigenleben nun – nach unserem Sinn.

Lichte Gestalten schweben leise durch die Nachbarschaft –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Sie vertreiben die düsteren. Jeder Nachbar schafft
ein Teil der allgemeinen Stimmung – ganz nach seinem Sinn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERMEHREN

Wenn ich Gedichte den Armen,
Gedanken den Verlorenen,
Lächeln den Einsamen,
Dienste den Alten,
Liebe den Verlassenen,
und mich Dir
geben würde, was hätte
ich dann noch übrig für mich?
Nichts? Oder alles?
Oder mehr?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDICHTE

Ich vermisse Deine Gedichte
Die Nachfrage in mir danach ist groß
Alle Einflussgrößen steigern meine Vorlieben
Die sehnen sich, wie immer, nach Deinem Schoß.

Das wäre’s mit meinem knappen Gedicht heute.
Ich möchte wie Du ohne Worte groß dichten,
Schmerz fühlen tiefer und Freude empfinden
reiner als schreiben, reden oder dichten.

Die innige Tat.
Rege Saat –
Blatt um Blatt um Blatt…
Ich bin noch nicht satt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung