EINE ERDE ZUM TEILEN

Ich frage mich wie die Bäume heißen,
die lange vor uns
und immer noch unter uns
schweigend lebten,
bis sie in dieser Oktobersaison gefallen werden
schnell und trocken
um Platz zu machen für unseren Wünsche.

Ich frage mich, ob sie Namen hatten –
nicht Artennamen –
sondern ihre eigenen persönlichen Namen,
jahre-, jahrzehnte-, jahrhundertelang,
nur den unsichtbaren Wesenhaften bekannt,
die sie liebten und bewohnten,
und einem kindlichen Menschenherz irgendwo.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS SCHWEIGEN DER OPFER

Manchmal fehlen Dir die Worte,
um etwas nicht gutes zu benennen;
weil der Ausdruck „nicht gut“
so viele Bedeutungen hat,
daß es schwer ist, mit diesen Worten
fest zu nageln eine ungute Tat –
obwohl sie die einzigen sind.
Ungenügend, doch alles sagend.
Alles verschweigend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WANDLUNG

Welk hängen die letzten Gedanken der Bäume
wie vergilbten Blätter voller alten Gedichte
gesungen in Liebe einst
an reif gewordene Triebe.

Manche Bäume sind bereits gelb
Ich habe den Wandel nicht gemerkt
Manche Träume freuen sich auf den Herbst
Manche sind am Sommer hängen geblieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERZEUGUNG

An Tagen wie diesen
wo alle gleichzeitig sprechen –
An Tagen wie diesen
wo Stimmen Regierungen unterbrechen –
An Tagen wie diesen
wo Hochmut und Kleinmut sich rächen –
An Tagen wie diesen ahnt man,
daß Politik vieles aber nicht alles ist
Denn alles ist eine Frage der Überzeugung
Leben und Lachen haben eine Frist
Doch keine Lüge überlebt Deine Überzeugung.

Selbst kleiner ich werde in der Zukunft
meine eigenen Worte und Reime vergessen…
und muß sie mühselig wieder finden –
Wie viel mehr denn ein Machthaber?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREIHEIT

Der Wille ist frei
doch wenn alle in alle Richtungen ziehen
bleibt der Wille gebunden.

Die Stimme ist frei
doch wenn alle unterschiedlich singen
haben wir noch nichts gesungen.

Die Wahl ist frei
doch wenn alle nur das Eigene suchen
wird nichts gefunden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZEITVERSCHIEBUNG

Die Nacht ist still
und doch so laut.
Eine Nation, wie ein Planet
dreht sich unbemerkt
verschiebt sich unmerklich –
Nur wenn Tag und Nacht kommen und gehen
Nur wenn die Jahreszeiten Plätze tauschen
Nur wenn das Klima sich ändert
begreifen wir, daß nichts mehr so war
wie einst es war.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUT SCHWEIGEN

Irgendwann schweigt
sein lauter Augenblick,
der im Augenblick
noch lauter schweigt
als je zuvor.

Irgendwann
ist sein Schweigen kein Reden mehr,
nur noch ein Schweigen.
Und Du wirst es lauter hören
als sein lautestes Schweigen davor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WECHSEL

Am Rande des Abends
sind wir am Rande des Morgens
Aufbruchstimmung
wie ein fremdes Gefühl im Bauch
Wir kennen das nicht mehr
Aufbruch
Stimmung
Wir befürchten, daß das Neue
nur ein anderer Name des Alten ist
unter den schönen Klamotten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEISER HASS

Der Hass ist aufgeblüht
und riecht an unerwarteten Orten
– im unsichtbaren Herzen
manch einst geliebten
einst geschätzten Menschen
wird er unsicher gehortet
unruhig beobachtend, wartend
auf den rechtfertigenden Moment.

Der Hass ist aufgegangen
Das Herz steht schwarz und stillschweigend,
wahrnehmbar,
doch nicht mehr erreichbar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄLTER UND JÜNGER

Am Anfang fühlte sich Deine Hand
alt, uralt, bekannt, wie eine Erinnerung
von einer Zeit älter als meine Erinnerung
– deshalb hielt ich sie fest, Deine Hand.

Am Ende fühlt sich Deine Hand
neu, frisch, wie eine Verheißung
einer Zeit längst nach unserer
– deshalb halte ich sie fest, Deine Hand.

Als ein altes Ehepaar fingen wir
in unserer Jugend an.
Das Leben veränderte uns.
Als ein junges Ehepaar werden wir alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung