HUNDERT EMPFINDUNGEN

Was ist das,
wenn hundert Empfindungen
mein Herz durchwühlen
und tausend Gedanken
meinen Kopf beschäftigen
und doch am Ende
kein Wort mir über die Lippen kommt.

Du schaust mich an und fragst mich
Was ist los?
Woran denkst Du?
Ich schaue Dich an
Ich ringe lang nach Worten
Und antworte Dir dann, ehrlich…:
„Ach… nichts.“
Nichts, was ich in Worte fassen kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SIE-FREUNDE

Das einzige, was sie verbindet, ist Distanz.
Nähe erweckt in ihren Herzen
eine unerklärliche Resistanz.
Mit wachsender Intimität schwindet
die gegenseitiger Akzeptanz.
Ihre Freundschaft braucht Raum
um zu entfalten
und zu halten
und walten zu lassen
ihre vollständige Substanz.
Das war, das ist, das bleibt ihr ewiger,
rätselhafter, gemeinsamer und schöner Tanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIE BRAUCHT KEIN BLUT

Ist Blut Familie?
Ich suchte überall in meinem Erbgut,
vergebens,
denn es fehlte mir trotzdem
ein Teil von mir,
der mit mir nicht verwandt ist.
Er hat fremden Hut an.
Unter allen Menschen gibt es keinen,
der mir mehr zugewandt ist
als meine geistige Gleichart
in fremder Gestalt, als wäre Familie
erst dann wirklich Familie,
wenn sie außerhalb vom Blut liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNTER STROM

Es kommt mir so vor
unser Handy ist unser Ladegerät
Wir stehen unter Dauerstrom –
aufgedreht, überladen, ausgespäht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHÄTZE

Ein fernes Land ist irgendjemandem nah,
sagen die Igbo, ein fernes Volk.
Dein häufigster Gedanke ist jemandem rar –
ihn zu denken, wäre ihm ein Erfolg.

Lärmig ist die Welt geworden,
bunt, gesprächig und digitalisiert.
Teurer ist Deine innere Stimme geworden –
Wann hast Du sie zuletzt gehört?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGESSEN

Wie oft muss ich schon gestorben sein,
daß ich Deinen Namen vergessen konnte,
die Du einst meine Sehnsucht gewesen warst,
als ich in Deiner Sehnsucht mich sonnte?

Mehrere Menschen liegen zwischen mir und Dir,
mehrere Leben, mehrere Gräber – und jedes verblich;
Mehrere Geschichten, Entfernungsschichten…
Und jedes davon war auch Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WÄRE EINMAL

Wenn die Straßen Blumen wären
Wenn die Häuser Bäume wären
wären wir die Früchte der Erde, und fruchtbar…

Keiner spräche mehr von Planet Erde
Unsere Welt hieße nun Garten Erde
Bist Du bereit, eine neue Welt wach zu träumen?

Alles sieht so alt aus, so müde, so out…
Die Infrastruktur, das System, die Politik…
als wäre seine Zeit schon längst vorbei –

Diese unklare Empfindung,
daß die Zukunft anders sein möchte…
Ein andersartiges und reifes Märchen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEN TAG HÄUTEN

Geschichten sind Schichten
Hinter jeder liegt eine andere,
Wahrere,
Aber immer noch nicht das wahre Gesicht
des heutigen Tages.

Erst die Nacht wird den Tag häuten,
die Menschen in den Leuten
freigeben und frei deuten –
Alle Schmerzen, die der Tag gebracht,
werden herausgerissen in der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SICH ERGÄNZENDE TEILE

Manchmal kann ich mich ohne Dich
mir nicht vorstellen
Manchmal kann ich mich mit Dir
mir nicht vorstellen
Was bist Du?

Manchmal bist Du mir so nah,
wie ein Teil von mir
Manchmal bist Du mir so weit,
wesensfern und artfremd
Was bist Du?

Ich bin das, was Du auch bist –
Das ist die Eigenart der Liebe.
Deshalb bin ich Deine Partnerin.
Frage DICH also, mein Lieber:
Was bist Du?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ZWEI WELTEN

Ich sah keine Slay Queens
Traf auf keine Influencer
Gewann keine Follower
Fand auch keinen mit tausend Followern
Wurde von keinem Clickbait abgelenkt
Blieb rätselnd vor keinem Avatar stehen
Begegnete keinen viralen Memes oder
Überirdisch schön retuschierten Menschen
Wurde von keinen Trollen beschattet

Alle sahen sie irgendwie so normal aus
Ich brauchte keine Likes
als ich die Straße runterlief zum Lokalbahnhof
hier in dieser anderen, alten, ersten Welt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung