LIEBE GEGEN HASS

Ich liebe Dich auch
wenn Du mich hasst
weil Du etwas hast
was ich brauch.

Du hast die Fähigkeit mich
an mich zu erinnern fast
gefangen im Bedürfnispalast
überfordert unterm Strich.

Bevor Du mich anhauchst
mit Deinem Gift aus Hass
denk daran daß
Du mich auch brauchst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WERTVOLL

Er kam früh
Blieb lang
Jetzt ist er alt

Ich schaue ihn an,
wie er dahinschwindet,
einsam in einem Fremdland

Keiner besucht ihn
Und ich frage mich:
War es es Wert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUG GEN SÜD

Flogen die Küste entlang
Dann zogen über die Berge
Und weit weit unter uns
just über den Bergspitzen
lagerte sich die Wolkenmasse,
der Erde eine Decke,
dem Himmel ein Teppich.

Dann kamen die Häuser
emsige Tausendfüssler
schmiegten sich an die Küste
mit Sehnsucht nach dem Mittelmeer,
ihrer Mutter, über die wir jetzt zogen,
in ihre offene Weite eindrangen
und flogen weiter südlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE ERMORDUNG VERGESSEN

Das Ding mit Sterben ist,
daß Du es vergisst –
Irgendwann als Erwachsener
blickst Du suchend zurück
vergeblich nach dem trennenden Moment
zwischen Dir und Deinem Glück.

Dieses Rätsel wird Dich begleiten
den Rest Deines Lebens:
Wie könnte ich so leise sterben
ohne Anzeichen eines Erdbebens?
Wer oder was hat mich wann getötet?
Du suchst die Antwort … vergebens.

Das Kind starb mit seinen Erinnerungen
Der Jugendliche starb mit seinen Idealen
Der Erwachsene bleibt mit seinen Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOMMERNACHTREGEN

Ich roch ihre Erregung,
angeregt von der Nacht,
die halbe Stadt hing raus,
ging raus und war draußen zu Haus.

Auf einmal kam der Wind
wie schnelle harte Atemzüge,
und ich roch ihre Aufregung –
die ganze Stadt eilte wieder nach Haus.

Doch nicht schnell genug –
Die Böden wurden feucht
Die Menschen wurden naß
und ich roch den dürstigen Regen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITMENSCHEN

Wir sind manchmal Geister
Wir sind da aber Ihr seht uns nicht
Ihr spürt nur ein leichtes Unbehagen
Wir sehen es auf Eurem Gesicht
Ihr stählt Euch gegen unsere Schatten
Als wäre das Eure Pflicht –
Wir materialisieren plötzlich
Doch aus dem Nichts nicht
Denn wir waren niemals aus Schatten
Wir waren immer vom Licht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NUR DIE LIEBE

Es gibt in Dir einen Raum
Unerreichbar
Wo Du Deine Wahrheit versteckst
Geschützt von Deinen Lügen.

Deine Erinnerungen und Geheimnisse
Deine Hoffnungen und Wünsche
Deine Neigungen und Werte
Verborgen unter Seelengefügen.

Du würdest, um diesen Raum zu schützen,
Alles tun, alles verschweigen, alles sagen,
Alles vergessen, und sogar
Dich selbst betrügen.

Doch ein bestimmter Mensch
Wird den Schlüssel zu Deiner Wahrheit besitzen
Und um ihn raus zu halten, werden
Alle Lügen der Welt nicht genügen.

Nur die Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBST IST DIE FREIHEIT

Es bringt nichts, nach Freiheit zu schreien.
Sie ist taub.
Wem sie geraubt wurde,
muß sie aufgeben und sich selbst befreien.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN LEBEN

Die Jahre fallen
Wie Glockenschläge
Wie Fußtritte
Wie wiederholte Heiratsanträge
Wie tausend Mini-Entscheidungen
Auf all unsern Wegen
Getroffen mit der Hoffnung
Auf viel Glück und viel Segen.

Blatt für Blatt
In Sonne, im Regen
Die Blätter fallen
Auf all unseren Wegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STUFEN

Als ich es machte,
war es kein Fehler –
Als ich es überdachte,
war es ein Fehler –
Jetzt wo ich älter wär,
und es aus der Ferne betrachte,
ist es kein Fehler mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung