NACHTZUG BERLIN FRANKFURT

Kurz bevor es dunkel wird
schlafen die Bäume ein
wie müde Wachsoldaten
verfallen ihren Träumereien
Der Zug, wie ein Schlafwandler
betritt freie Räume ohne Bein
ohne Fuß ohne Zeh ohne Schuh
Fährt fast ohne Geräusch mich Heim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE UND ABSTAND

Im Boden
halten sie sich
Oben
küssen sie sich
Aber auf dem ganzen langen Weg
zwischen diesen beiden Stationen
berühren sie sich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN ZUKÜNFTIGES SELBST RUFT DICH

Neue Wege
und dennoch
gehe ich immer noch
und nur zu Dir.

Du warst schon immer in mir
meine erste Sehnsucht
meine erste Frage
und meine erste Sprache

Du warst alles,
was ich sah, als ich
das erste Mal
die Welt sah:

Die Gewissheit, daß
der Mensch blühen soll
war mir sofort und immer
eine Selbstverständlichkeit

Ich blickte in die Zukunft
und sah mich, aufgeblüht,
mir zu lächelnd,
mich zu mir rufend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STILL BEOBACHTENDE BÄUME

Ich ging im Walde
und fragte mich
ob die Bäume
uns unterscheiden farblich

Sehen die Bäume
es uns an
ob wir hier stammen
oder aus fernem Land?

Reden sie mit uns
in einheimischer Sprache
die nur jene verstehen,
die halten Wache?

Oder sind sie uns allen
gleichermaßen fremd,
während wir Körper tauschen
als wäre Fleisch ein Hemd?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ENTZAUBERT

Sie sehnten sich nach einander
zehn Jahre lang

Labten sich an der Sehnsucht,
gefangen wie in einem Hang

Doch eine einzelne Nacht
entlud ihnen, enttäuscht, ihren Drang

und befreite sie, traurig, von ihrem Zwang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WIR WIEDERBELEBEN

Baum Klassismus
Frucht Rassismus
Wurzel Eitelkeit
Gewässert von der geistigen Trägheit

Täterschaft
Untrennbar von der Untätigkeit
Der Freundschaftsgruß
Untrennbar von dem Verräterkuss

Verraten wurde die Menschheit
In Dir in mir das gekreuzigte Wir
Wiederauferstehen will die Menschlichkeit
Denn unser Grab, siehe: es ist leer.

Sieg der Hoffnung ist es,
wenn der Mut zum Mutmachen mutig bleibt,
wenn der Mut zum Mundaufmachen wiederaufersteht,
wenn der Mut zur Solidarität ewig lebt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS IST DEUTSCH

Wer ist deutsch?
Ich weiß es nicht.
Was ist deutsch?
Das weiß ich wohl.

Ich schaue Dir in die Augen
und ich weiß es.
Du schaust mir in die Augen
und Du weißt es.

Ganz ohne Worte.
Wir fühlen es
bis in unsere Fingerspitzen
und tief in unseren Herzen.

Alles Gute. Nur das Beste.
Solidarisch. Menschlich.
Das Beschützen der Unantastbarkeit
der menschlichen Würde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBENSREISE

Himmel grau
Ab und zu ein bisschen blau
Himmel grau

Ein Stau nach dem anderen
Meine Lebenszeit wird geklaut, gefühlt
Baustellen ohne Ende – ich komm nicht voran
Zugebaute Stellen

Ich jage der Sonne nach
Dieser beweglichen Sonne…
Doch kurz bevor ich wahnsinnig werde
Sagt mir mein Navi, ruhig, sicher, wieder:
Du befindest Dich auf der schnellsten Route.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAUSBLUMEN

Strauß
wo Du bist
bin ich Zuhaus

Denn die Hände
die Dich gemacht haben
sind die Wände

die mich schützen
Sind die Wände
die mich stützen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIEDER VERÄNDERUNG

Veränderung
Hängt in der Luft
Unverändert

Jedes Mal sieht sie gleich aus
Und doch heißt sie Veränderung
Weil sie genau das ist

Unverändert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung