WENN DIE SEHNSUCHT STIRBT

Irgendwann habe ich keine Worte mehr
um über den Tod der Sprache zu singen;
Irgendwann macht es keinen Sinn mehr,
dem Fehlen von Sinn Aufmerksamkeit zu bringen;
Irgendwann gibt es keine Sehnsucht mehr,
und keiner wird es wahrnehmen wollen;
Denn ohne die Sehnsucht wird ihr Vorhandensein keiner wahrhaben wollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGENÜTZTES POTENZIAL

Wie viele Träger der Zukunft Deutschlands
laufen ziellos herum,
mit dem großen unsichtbaren Stempel
auf ihrem Rücken:
AUSLÄNDER?

Deutschland, schaue in den Spiegel

Erkenne Deine Stärken –
die sehen heute vielleicht manchmal
ein bisschen anders aus als einst gestern
aber sie sind Deine Stärken.
Erkenne Dich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FEINE KRAFT

Ich höre
über weite Distanzen
die Stimmen von Freunden

Egal wie leise sie klingen
übertönen sie
den Lärm von Feinden

Die Liebe verstorbener Geliebten
schützt mich immer noch vor dem Haß
aller als lebendig geltenden Toten.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUTES HEIM

Die Kinder wachsen
auch in meinem Herzen
sie nehmen Raum

Der Vater wächst
auch in meinem Herzen
er wird zum Stammbaum

Unser Zuhause wächst
denn Du bist in meinem Herzen
meine Liebe, mein Weib, mein Traum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUMATA

Hasse
Maße
Straße
Tasse
Lasse
Klasse
Und noch mehr Assen
reimen sich alle auf Rasse
können sie aber nicht ersetzen –
Nichts kann das.

Deshalb schaue ich ein letztes Mal drauf
bevor es aus dem Grundgesetz verschwindet
und ich für immer meine Rasse verliere.
Fühle ich mich nun geschützter?
Oder entblößter?
Verstandener?
Oder missverstandener?
Etwas in mir schaut sich vorsichtig um…
Ich suche schon den nächsten Haken,
bevor ich ihn überhaupt fasse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WO WAREN WIR

Wo waren wir
als wir nicht da waren
während der Zeit
als wir zusammen waren

Wir lebten zusammen
und waren die ganze Zeit getrennt
Und die Welt war nicht groß genug
um unserer Trennung Raum zu geben

Doch heute sind wir
eine Gesellschaft, eine Nation
leben zusammen in einem Land
und reden immer noch nicht miteinander

Oder reden über tausend Dinge
und schweigen über tausendundeine
Nur wenn wir küssen, dann
tauschen unsere Zungen die Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN MEINE FRAU

Meine Tischlampe steht neben mir
wie ein Mensch mit warmen hellen Gedanken
Unaufdringlich durchdringt sein Leuchten
mein Sinnen. Ohne mich bei ihm zu bedanken
genieße ich den Anblick meiner erreichten Ideen
die ich nie hätte ahnend gesehen
ohne seine ruhige Anwesenheit in meinem Leben –
Wie die besten Partner in den schönsten Ehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFPUNKT DER NATION

Irgendwo müssen wir uns doch treffen

Wenn nicht in der Musik, dann
in der Sprache
Wenn nicht in der Wirtschaft, dann
im Sport
Wenn nicht in der Kultur, dann
in der Geselligkeit
Wenn nicht in der Geschichte, dann
in unserer Hoffnung
Wenn nicht in Schmerz und Freude, dann
in Neugier und Sympathie
und Solidarität
Wenn nicht in der Vergangenheit,
oder in der Gegenwart, dann
in der Zukunft

Irgendwo müssen wir uns doch treffen
als Nation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE INNENSEITEN

Seit ewig kein neues Buch gelesen
Selbst neue Menschen sind alte Bücher
Neue Medien erzählen verjährte Geschichten
Diese Gesellschaft war schonmal gewesen

Wer ein neues Buch lesen will
muß selbst neue Geschichte schreiben
Wer eine neue Gesellschaft haben will
darf selbst im alten Denken nicht verbleiben.

Manchmal will man ein altes Kapitel neu schreiben
Manchmal will man zwei unterschiedliche Endungen
Manchmal ist man selbst das Buch, das gelesen werden will.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WACHSENDE FREUNDSCHAFT

Freundschaft
Ein Sohn, der zu seinem Vater hoch schaut
und in ihm einen Freund sucht –
Wenn ihm die Zeit eines Tages den Vater klaut
Hinterlässt sie zwischen ihnen die Frucht der Sehnsucht:
Die Männerfreundschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung