Wo war ich die ganzen Jahre? Ich frage mich jetzt noch. Perplex. Die meisten Menschen, die wir täglich sehen, sind tatsächlich verschwunden. Hex hex! Du denkst, daß Du lebst, weil Du da bist; und da bist, weil Du lebst. Doch vermisst Du Dich selbst spürbar. Dein Bewusstsein ist kein bewusst sein mehr, nur ein Reflex. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
2022
MEHR NÄHE
Distanz braucht Nähe. Das ist mir neu. Immer dachte ich, Freiheit suchend, Nähe braucht Distanz, nicht andersrum - doch dann erwachte ich politisch in einer brückenlos geteilten Welt. Distanz braucht Nähe. Denn es ist wichtig, daß globaler Nord und globaler Süd, Ost und West, Kulturen, Religionen, Sichten sich be-greifen im Akkord, der den Frieden zusammenhält. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FAMILIENFRIEDEN
Brüder kriegen gegen und töten einander - so kommt es mir vor. Die selben Gesichter. Denn bis der Krieg anfing, dachte ich immer, Russen und Ukrainer seien Geschwister. Was bedeutet Familie noch?, frage ich mich. Bevor er starb, sagte mir mein Vater, leise: Wenn Ihr alles verliert außer Einheit und Frieden, habt Ihr alles Notwendige für die Reise. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE MUSIK DER INNEREN FREIHEIT
Ich habe immer gesagt,
Musik ist redegewandt und hat
viel zu sagen, wenn ihr alle Knebel
alle Fesseln genommen werden
Wie jeder Mensch ändert sie schön
ändert sie oft und plötzlich ihre Meinung
wechselt das Thema nach Belieben
unter dem Druck ihrer Empfindungsvielfalt…
ohne ihr Ziel aus den Augen zu verlieren.
Ich mag es am meisten, wenn sie…
… plötzlich …inne… hält…
und einen neuen Gedanken nachdenklich
betrachtet… sie dreht ihn hin und her…
Wie ein Mensch, wie ein selbstbewusstes
intelligentes Lebewesen es tun würde –
Denn sie lebt. Musik, Du lebst auch.
Du erinnerst mich an das Kind, das einst
in mir lebte und tausend Wege täglich ging,
spielerisch, intuitiv, intelligent, neugierig,
und sein Ziel nie aus den Augen verlor.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dieses Gedicht wurde inspiriert von Stefan Kraus’ Inception.
INCEPTION ist ein Musikstück, das von Stefan Kraus komponiert und von Alejandro Mejía Sánchez auf Gitarre gespielt wurde. Stefan Kraus‘s Blogeintrag über seine wunderbare Komposition kann HIER gelesen werden. Oder hier: https://laforgesita.wordpress.com/2022/07/25/alles-auf-anfang/
Und das Musikstück selbst ist HIER in YouTube direkt hörbar. Oder hier:
Einen großen Dank von mir an Stefan – und an Alejandro.
PLATZ HABEN
Die Richtungen zogen durch uns in entgegengesetzte Persönlichkeiten. Kein Punkt, daß wir immer noch im selben Wunder zusammen schreiten. Sind wir im Laufen uns gekreist oder bewegen wir uns im Sein und Habe-nicht? Bin ich hier der Platz, der fehlt? Ein deutscher Geist mit Schwarzem Gesicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE BESEITIGUNG VON ARMUT
Wenn die Beseitigung von Armut den Reichen obliegt, besteht darin ein Interessenkonflikt? Wenn Du reicher bist als niemand, bist Du überhaupt noch reich? Seid Ihr alle gleich reich? Vielleicht seid Ihr auch gleich arm. Wer weiß? Reichtum. Manche wollen mehr als andere haben Manche wollen einfach nur genug haben Manche wollen geben um glücklich zu sein Und empfangen um leben zu können - Aber keiner will in Armut leben Und keiner will unwürdig sterben. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BEWEGLICHE STILLE
When ich Dich berühre, sonderbar, berührt es mich. Doch warum, wenn ich mich finden will, verlasse ich jedes Mal Dich? Stopp! Komm nicht näher! Du darfst mir nicht folgen in die Klamm, verstehe mich richtig Ich gehe, weil ich komme, immer wieder - Halte Dich nur klamm. Sei mein Ende Meine Wege sind viele und unergründlich Lass mich ruhig gehen Alles hat ein Ende, warte dort auf mich denn am Ende gibt es nur Dich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINE DIESER NÄCHTE
Ohne einander können wir
nicht mit einander.
Komm schon, bring mich durcheinander
So viel Gegenwart können wir uns gönnen.
Selbst den Anfang des Universums können
wir heute noch sehen,
wusstest Du das? Der Gegenwart stehen
Vergangenheit und Zukunft machtlos gegenüber.
Bring mir Deine Augen, die trüber und trüber
und täglich trüber werden. Schau her,
Liebe ist ein Zündstoff, brennend seit jeher,
als wäre das Herz ein ausziehbares Fernrohr –
Wusstest Du das, Funke, wusstest Du das?
Nur die sich innig binden, werden gelöst.
Nur die ehrlich sündigen, werden erlöst.
Unfassbar. Mein Boden hat kein Faß.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZEITALTER DER DESINFORMATION
Die Meldungen waren viele
vielschichtig vielseitig gegenseitig
wechselseitig allgleisig gleichzeitig
Zeitschrift Frakturschrift
Fraktur mit und ohne Schrift
Informationsluken
Informationslücken
In keiner Lüge fehlte Wahrheit
In keiner Wahrheit fehlte Lüge
So waren wir zum Weitersuchen verurteilt
Suchet, so werdet Ihr nichts finden.
Wer nicht findet, der sucht weiter.
Die Nachrichten richten sich danach aus.
Die Meldungen sind selbst die Ware –
Gestern platt, Heute glatt, Morgenblatt.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ONCE WE WERE LIGHT
Once we were light
But the world weighed us down
Drowned out our cry of resistance
And put a bandage over our eyes
A desperate cry for help
Before we fell silent
And started to look silently at our children
The way once our parents looked at us
Now we know what they were thinking:
Retain your magic! Retain your lightness!
Even as they said to us worriedly:
You have to learn to fit into the system –
Knowing it was not the way
But knowing no other way
Or knowing it but not having the heart
To push us off the cliff –
Because not everybody grows wings
When falling through the gap.
The generation gap.
Now we watch our children worriedly
Wanting them to become like us
And wanting them to stay themselves too.
Once we were light
But the world weighed us down.
Che Chidi Chukwumerije
